Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 16./17./19. November 1936 (Heidelberg)


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Heidelberg. d. 16.XI.36.
Mein geliebtes Herz!
Gestern, zur Sonntagsfeier kam Dein lieber Brief aus Colombo, der so anschaulich von der Fahrt berichtet. Das muß ein ganz eigner Eindruck sein, so per Wasser durch die Wüste zu fahren. Hast Du auch gut aufgepaßt, wo Moses das Volk Israel durchs rote Meer führte?! Damals haben sie auch allerlei an Gold mitgenommen, wie die Bibel erzählt. - - Daß Du nicht gerade zu Kostümfesten aufgelegt bist, kann ich mir denken. Es war wohl ohnehin nie Dein Fall. Inzwischen seid Ihr nun voraussichtlich schon mehrere Tage in Tokio und ich bin gespannt auf die ersten Eindrücke. Möchten sie freundlich gewesen sein! Das teilt sich dann der ganzen Situation mit.
Von mir ist eigentlich niemals was zu berichten. Ich spinne an dem stillen Dasein weiter und bin hie und da mit
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| andern zusammen. Am Sonnabend ließ ich mir einen vereiterten Zahn ziehen und hatte noch 2 Tage an der Erinnerung. Aber jetzt ist es ziemlich vorbei. Durch die ziemlich lebhaften Schmerzen vor- und nachher, habe ich nur so mit halber Kraft gearbeitet. Jetzt soll es wieder in Ordnung kommen, und zwar werde ich mal in der Augenklinik im Laboratorium helfen.
- Gestern nachmittag war der Vorstand bei mir, die immer sehr drauf versessen ist. Heute kam Adele, die viel in Erinnerung an Straßburg lebt. Dadurch, daß Wolfgang jetzt in Berlin studiert, ist sie viel allein und hat auch leider Mädchenärger. - Wenn das Wetter danach ist, will ich am Sonnabend-Sonntag mal wieder nach Schönbrunn. Aber es sieht nicht sehr vielversprechend aus, nachdem es ein paar Tage Besserung geheuchelt hatte. Frost haben wir noch nicht, aber eine
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| häßliche, naßkalte Luft.
Von Hermines Schwester kam nun die Nachricht, daß die Arme am 11. Nov. gestorben ist. Es ist zu grausam, daß dies wertvolle Menschenkind so traurig enden mußte. Vom Vater schreibt sie nie etwas.
Vom Schwarzwald ist auch die Familie Drechsler, der ich heute Besuch machte. Es sind einfache und freundliche Menschen, die ich wohl gelegentlich auch mal wiedersehen werde. Die Familie stammt von Bauern aus der Bar bei Donaueschingen. Die Mutter hat auch so etwas Schlichtes und Selbstsicheres, daß man sie gut in einem Bauernhof denken kann. Die Tochter ist weniger kraftvoll, leider fast taub; aber eine vielbeschäftigte Schneiderin. Der Sohn war nicht zu Haus; ich wollte auch nur zu [über der Zeile] den andern.
Der Vorstand hat mir nun ein Büchergestell gegeben, das ich s. Z. für Großmutter
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machte, teils Kerbschnitt, teils Tiefbrand: Fingerhut! Sehen wird man diese verzierten Seiten freilich nicht, denn es steht unter dem Fenster. Nun haben endlich meine Bücher ein geordnetes Unterkommen.
Bertha v. An. hat geschrieben; recht fahrig und oberflächlich. Das Zusammensein mit der Dame, mit der sie zusammenziehen wollte, ist schon zu Ende und sie wohnt jetzt auf dem Land; dort hat sie Verwandte in der Nähe. Es ist mir eigentlich eine Genugtuung, daß es auch mit dieser augenblicklichen Freundin nicht auf die Dauer ging. Mir war Bertha bei ihrem letzten Hiersein recht auf die Nerven gefallen und natürlich sah sie mich als den schuldigen Teil an. Es ist aber doch immer beiderseitig, wenns nicht stimmt.

Am 17. Dieser inhaltlose Brief ist das Porto nicht wert und doch habe ich auch heute nichts hinzuzufügen. Gestern war ein unerwartet strammer Tag und ich sehe
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| doch mit gewissem Kummer, daß ich recht wenig leisten kann. Nachdem ich vormittags im Laboratorium 4 Stunden am Mikroskop gestanden hatte, wurde mir gesagt, daß wieder ein Auge zu malen sei: Da mußte ich heimfahren, um Farben etc. zu holen und wollte nur eine Stunde dazwischen ruhen. Aber ich schlief so fest, daß ich fast nicht wieder wach werden konnte. Der Spruch vom Vorstand fiel mir ein: "Ich bin nicht zum Schaffen geboren!" - Alles geht langsamer als früher. -
Veranlaßt durch Deine Beschreibung vom Suez-Kanal habe ich mal wieder Buch Mose 1 vorgenommen. Es ist doch eine großartige Erzählung. Nach dem, was die Wissenschaft über das Land Ur und die Natur im Delta von Euphrat und Tigris berichtet, versteht man so gut, wie es heißt:
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| Und der Geist Gottes schwebte über den Wassern.
- Diese ganz wesensmäßige Einfühlung in das Sein der Dinge das ist göttliche Wahrheit. Und wer dafür die Worte findet, die zu jedem sprechen, durch den offenbart sich Gott.
Aber Du wirst garkeine Zeit haben für solche Betrachtungen und die kurze Andeutung kann ja auch nicht sagen, was mich dabei bewegt. Und doch ist die Radiopost der Telepathie meine beste Tröstung über diese endlose Entfernung hinwg. Du mußt es ja fühlen, mit welcher Innigkeit ich Deiner beständig gedenke.

Am 19. Endlich aber - nachdem ich wieder den halben Tag in der Stadt war - will ich den Brief in den Kasten bringen. Das Auge vom vorigen Dienstag soll morgen nochmal drankommen. Es ist nicht gut geraten; die Dinge sind für einen Laien oft schwer erkennbar. - Und ich soll auch für diese Klinik den Auftrag für Wandtafeln bekommen. In der anderen warten bereits <li. Rand> mikroskopische Apparate aufs Zeichnen. Du siehst also: Langeweile gibts nicht.
<li. Rand S. 5>
Viele liebevolle Grüße von Deiner Käthe.

[Fuß S. 5] Grüße Susanne herzlich. Hoffentlich geht es Euch beiden dauernd gut. Hüte Dich nur vor Erkältung nach die ser Hitze in den Tropen.