Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 11. Dezember 1936 (Heidelberg)


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Heidelberg. 11. Dez. 1936.
Mein geliebtes Herz!
Dies ist also schon der Gruß, der Euch meine treuen Wünsche zum kommenden Jahre überbringen soll. Ich habe es sehr langsam gelernt, diesen großen Abstand zu berechnen und so gleichsam an zwei Zeitpunkten zugleich zu leben. Denn mit dem Herzen bin ich ja doch bei Euch, wenn Ihr diese Zeilen bekommt, und das erlebe ich auch jetzt im voraus. In mir aber bin ich beständig mit Euch vereint und bin mit Euch in tiefer Trauer über den schmerzlichen Verlust, den Euer kaum begonnenes Leben in der Fremde schon getroffen hat. Aus meinem früheren Schreiben wirst Du gemerkt haben, wie ich gerade von diesen Menschen für Euch gleichsam Besitz ergriffen hatte und nun ist diese wertvolle Beziehung so jäh und schmerzvoll gestört. Es ist wie ein persönlicher Verlust auch für mich.
Inzwischen wird das Leben mit seinen Anforderungen Euch wieder in Anspruch genommen haben. Von der feierlichen Antrittsvorlesung habe ich durch den Vorstand einen kurzen Zeitungsbericht (15 Zeilen) erhalten, der mir wenigstens das Thema und einen fernen Abglanz vermittelte. Von Dir, mein Einziger, kann ich ja erst etwa zu Weihnachten davon hören.
Vor etwa 10 Tagen war ich zum Glück mal wieder mehr zu Hause und habe häusliche Arbeit erledigen
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| können. - Erst gestern gab es wieder den Auftrag für ein Aquarell in der Augenklinik. Und heute kommt ein anderer Patient an die Reihe. - Morgen, Sonnabend, werden der Vorstand und ich einmal wieder bei der Frl. Schupp sein, die länger krank war. Zu Weihnachten will Aenne bei mir feiern, was schließlich ja auch natürlich ist, wennschon ich lieber allein wäre. Nach den Feiertagen plane ich einen Besuch bei Kohlers. Hoffentlich kommts auch dazu, denn ich war ein halbes Jahr nicht mehr dort.
In meiner Wohnung bin ich dauernd sehr gern. Es ist behaglich warm; die Fenster sind mit Kissen und Decken dicht gemacht und die Heizung funktioniert normal. Für die Fahrten in die Stadt habe ich jetzt regelmäßig Wochenkarten, auf die ich einmal täglich [über der Zeile] 6 Tage hin und her fahren kann für 1,20 M. So kommen also grade 5 M im Monat auf die Miete. Das muß ich in Kauf nehmen, obgleich ich eigentlich gewünscht hatte, mich bei dem Wohnungswechsel zu verbilligen. -
Rösel Hecht hat vor, am 14. nach Adelsheim zu gehen, wo der Schwager von Gertrud Kohler ein sehr tüchtiger Chirurg ist, und ihre Füße operieren zu lassen, die durch das beständige Stehen sehr leiden. Hoffentlich glückt die Sache und sie verliert dadurch die Schmerzen. Ich bin leider etwas skeptisch bei diesem Eingriff. - So wird die Familie Hecht zu Weihnachten dort sein. - Auch Adele Henning macht mir Sorge. Sie ist ständig in Unruhe, wie es für ihre 81 Jahre garnicht angebracht ist.
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| Wolfgang und sie hatten beschlossen, daß er nun doch ein landwirtschaftliches wirkliches Studium mit Examen in Berlin durchmachen solle. Nun ergeben sich da tausend Schwierigkeiten mit S.A. Dienst, der noch fehlt und entgegen früherer Versicherung werden ihm die drei Studiensemester hier nicht angerechnet. Da Adele für die finanzielle Seite schon jetzt Opfer bringt, ist das ein harter Schlag. - Überhaupt ist sie oft recht angegriffen und herabgestimmt. Dabei bleibt doch immer die große Regsamkeit und sie veranlaßte mich, am Montag einen Vortrag im Zoolog. Institut mit anzuhören von einem Wiener Konrad Lorenz, über Instinkt- und Reflexhandlungen bei Tieren. Er rückte ausdrücklich von philosophischer Behandlung ab, sondern beschränkte sich darauf, an Beobachtungen das Ererbte und Erworbene zu sondern. Es war ein guter und klarer Vortrag, aber für mich etwas zu spezial fachwissenschaftlich.
Gestern abend traf ich auf dem Heimweg Dr. Drechsler, der sich Deine Adresse geben ließ. Er denkt daran, da sein Urlaub zu Neujahr abläuft, sich an die Notgemeinschaft zu wenden und möchte da auch von Dir ein Attest erbitten. Er ist einer von denen, die dem Neuen offen sind, ohne die Tradition zu verleugnen. Persönlich habe ich den Eindruck von ernster Tüchtigkeit
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| ohne gerade einen genialen Funken. Sein Wesen ist so etwas gebunden. - Am vorigen Sonntag war ich mit seiner Schwester im Rohrbacher Wald. Wir hatten Glück, daß wir ohne Regen davon kamen. Aber die Sonne sahen wir schon seit vielen Wochen nur auf Minuten und heute ist wieder dicker Nebel. - Die Schwester ist sehr schwerhörig, aber mich versteht sie ganz gut; und da sie durch ihr Leiden sehr isoliert ist, glaube ich, daß zwischen uns eine gewisse Beziehung entstehen wird.
Mit Dürres, meinen Wirtsleuten, sehe ich mich wenig. Jetzt augenblicklich sogar garnicht, weil das ältere Töchterchen Diphterie hat. Zum Glück scheint der kleine Käfer nichts abbekommen zu haben; denn von wirklicher Vorsicht und Isolieren haben die Leute keine Ahnung. -
Doch nun - nach all dem unwichtigen Bericht - will ich auch noch sagen, wie sehr mich die Beschreibung Eurer Wohnstätte interessiert hat. Auch Ihr habt also einen weiten, freien Blick und vermutlich noch schöner als unsre schlichte Rheinebene. Möchtet Ihr in den Räumen viel Gutes erleben und Euch wirklich behaglich fühlen können, wie ich es in diesem kleinen Nest tue. Eigentlich hätte ich mir ja für Euch mehr eine eigne Häuslichkeit gewünscht, aber das mag wohl in diesem Lande nicht gut gehen und sehr kostspielig sein. Habe innigen Dank für all Dein liebes, ausführliches Schreiben und laß es auch im neuen Jahr so sein. Bleibt gesund und zuversichtlich - und mögen uns allzu schwere Kraftproben erspart bleiben.
In Treue Deine Käthe.

[li. Rand] Meine Briefe waren am: 18.X., 28.X., 10.XI., 19.XI., 30.XI. und am 4.XII. schickte ich einen Doppelbrief mit Zimmeraufnahmen und eine Drucksache - der bewußte Kalender, diese beiden Sachen adressiert ins Institut, vorher nur Botschaft.