Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 17. Januar 1937 (Tokyo-Omori/Omori-Hôtel)


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Tokyo-Omori, Omori-Hôtel
den 17. Januar 37.
Mein innig Geliebtes!
Morgen fahren wir nach Osaka und werden wohl erst am 23. zurückkehren. Da es auf der Reise sehr unruhig sein wird, schreibe ich vorher noch ein paar Worte. Gestern kamen Deine lieben Zeilen vom 28.XII. - mit der Nachricht, daß Du nach Schönbrunn gehen würdest. Das ist ja nun längst gewesen. Sei bei der in Deutschland herrschenden Grippeepidemie recht vorsichtig. Alkohol ist immer gut. Es gibt wohl auch Vorbeugungsmedikamente. Hier tragen die Leute seit November trotz schönsten Wetter vielfach eine Maul- und Nasenklappe - auch Soldaten!
Als am 8. Januar das Institut wieder geöffnet wurde, fand ich auch den schönen Kalender mit Feder und Gingo. Er hängt nun am Bücherbrett hier und ist mir ein lieber Begleiter, für den ich herzlich danke.
Wir sind so etwas in der Rückschlagsperiode unsrer Japanliebe. So etwas kommt ja immer. Wir können in Omori nicht das rechte Essen finden, haben auch bei bestem Bemühen keine richtigen Spaziergänge in ganz Tokyo-Yokohama entdecken können. Einige weniger reinliche Erscheinungen fallen manchmal
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| auf die Nerven. Mit einem Interview, das Unsinn war, hatte ich viel Zeitverlust u. Ärger. Es ist trotz meines Einspruchs, der v. d. Botschaft unterstützt wurde, gedruckt worden. Man hat auch dabei die "andere Sorte" kennen gelernt. Hoffentlich geht die Sache im Freudenfest des Emdenbesuchs unter, der die ganze nächste Woche ausfüllt. Im Hôtel, wo manche Deutsche sind, ist etwas allzu Konzentriertes dabei, dem man aus dem Wege geht; aber das ist ungemütlich. Die ersten Tage des Jahres waren wieder nur Essen. Bis zum 13.I. konnte man wenig Vernünftiges tun, weil noch gefeiert wurde. Aber nun wächst das Programm wieder über den Kopf. Zum Überfluß kam eine schlechte Auster (?) auf einen schon geschwächten Magen. Die Sache ging glücklicherweise in 1 Tag vorüber.
In einer Gesellschaft von nur Germanisten sprach ich über das Thema: "Was ist Geistesgeschichte" mit spürbarem Erfolg. Es waren 60 Zuhörer da, darunter ein großer Honoratiore, mein alter Freund Kuwaki. Hinterher war eine ganz lebhafte Aussprache (besser Fragenbeantwortung) das erste wissenschaftliche Ereignis in 2 Monaten.
Morgen kommt auch Donat an. Aber ich bin nicht da. Diese ganze Umgegend ist mir sehr suspekt. Maßgebenden hier ebenso. - Übermorgen halte ich in Osaka bei einer Feier für den Freundschaftspakt eine Rede über "Freundschaft unter Nationen", die von Kotsuka übersetzt u. durch Rundfunk übertragen wird. Am nächsten
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| Tage spreche ich in kleinerem Kreise. Am 25.I. beginnen hier regelmäß. Vorlesungen, 4 Wochen je 2 Stunden. Es ist aber kaum möglich, soviel Text aufzuschreiben, u. Kotsuka kommt mit dem Übersetzen auch nicht mit. Extravorträge sind am 6. und 20.II. So wird das jetzt ein bißchen viel, zumal doch diese ganze Existenzweise auch Nerven konsumiert. Nach Deutschland hin kann ich garnichts tun, obwohl es nötig wäre. Nach Mitteilungen von Litt u. a. hat sich dort nichts geändert.
An Johanna Richter habe ich v. Atami geschrieben. Kiehms stehen mit uns in lebhaftem Briefverkehr. Johanna Kiehm hat ein ungeheures Temperament pro Japan. Umgekehrt ist das nicht so. Und was Du auch lesen magst: die Japaner machen sich eigentlich offiziell nicht viel aus Joh. Kiehm. Deshalb ist manches nicht ganz leicht hier. Zu mir persönlich sind sie überwiegend freundlich, z. T. ganz besonders entgegenkommend.
Susanne geht es z. Z. etwas besser. Sie beklagt mit Recht, daß wir so wenig zum Genuß von Kunst u. Natur kommen. Aber Dienst geht vor. Kotsuka ist unser täglicher Helfer u. Freund. Er reist auch morgen mit nach Osaka. Da werden wir ja von dem Schnellzug (Tsubame = Schwalbe) viel von Japan sehen. - Gesundheitszustand an der Spitze immer noch schlecht. Auch sonst dort oft Personenmangel.
Ich schließe diese Zwischennachricht mit vielen herzlichen Wünschen und Grüßen. Innigst Dein Eduard.

[] Frau Bälz lebt noch hier, ist aber sehr krank.

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<Zusatz von Susanne Spranger>
Sonntag Abend.
Liebe Käthe,
es ist spät, u. wir reisen morgen früh. Ich füge deshalb nur kurze, herzliche Grüße an u. ein paar Bilder aus Omori. Ikegami ist ein gr. Tempelbezirk hier in Omori. Leider geben die Bilder nur e. ganz schwacher Eindruck, z. B. auch von dem Neujahrstreiben. Die Farben gehören unbedingt dazu. Und auch sonst sind sie unvollkommen genug.
Die Weihnachts = Neujahrszeit war e. rechte Nervenprobe durch zuviel Liebenswürdigkeit u. zu wenig fruchtbare Arbeit. So sehr sie sich auch im Augenblick häuft, d. h. die nächsten Wochen hindurch, dieser Zustand bekommt Ed. doch weit besser. Und da wir mit Kot.'s Hilfe auch bestens Essen bekommen hier im Hotel, hoffe ich, daß die "Flaute" jetzt überwunden ist.
Sei in Eile sehr herzlich gegrüßt
von Deiner
Susanne.