Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 2./5. Februar 1937 (Tokyo-Omori/Omori-Hôtel)


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Omori, Omori-Hôtel, den 2.II.37.
Geburtstag des Vorstandes.
Mein innig Geliebtes!
Dein Brief von Neujahr aus Schönbrunn (der zweite) [Rand] } neueste Briefe vom 8.I. u. 15.I. liegt vor, und schon muß ich meinen Geburtstagsbrief an Dich beginnen. Das sind seltsame "Zeitverhältnisse", wie die Zeit ja allenthalben jetzt seltsam ist.
Wenn dieses Blatt nun zu Dir kommt - eine Sorte Papier, die nach wochenlangem Suchen weniger unschreibbar für mich ist als die anderen - dann mußt Du ihm all die persönlichen, tiefen Wünsche entnehmen, die immer neu, immer die gleichen und immer über alle Worte sind. Sie treffen Dich in einem neuen Heim. Möge es Dir immer mehr zur Heimat werden und aus seinen schrägen Wänden gerade die Strahlen aussenden, die Seelenfrieden geben. Denn die Seele ist es doch allein, die uns ganz gehört.
Dein 2. Bericht aus Schönbrunn enthielt viel Ernstes. Das Allgemeine, das darin angedeutet wurde, stand in unsren Quellen anders; aber wir haben die Situation auch hier gespürt. Wenn spanische Apfelsinen ausbleiben, ist das hier nicht so schlimm. Denn in Atami hängen sie jetzt an zahllosen
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| Bäumen.
Eine Karte aus Osaka berichtete Dir, daß die Dinge dort für mich gut liefen. Die Randgemälde, wie Du Sie um den Kalender gezeichnet hast, müssen hier wegbleiben. Ich habe erst am 30.I. ganz klare Linien gesehen. Genug: die Gegner machen sich nichts aus Frl. Kiehm. Aber zu mir persönlich sind sie ganz freundlich. Speziell über Osaka waren die Zeitungen voll, auch von hübschen Bildern des Ehepaares etc. Gott sei Dank ist Susanne im Geishahaus mit einem Obersten Sake-trinkend und japanische Märchen rezitierend (auf japanisch) nicht auch abgebildet.
Mein Bericht muß kurz sein, weil gerade die Schreibarbeit für mich hier jedes frühere Maß überschreitet u. ich doch spüre, daß ich ein bißchen an die Grenze komme.
Nach Osaka blieben wir 2½ Tage in Atami "an der Riviera". Damals brach hier die Kabinettskrisis aus, die noch immer schwebt. Es sind "ganz ähnliche" Probleme. Beinahe bildet sich hier eine spanische Situation heraus - nur ist das alles doch noch anders, für uns unüberschaubar, aber - kritisch.
Ich blieb in Atami, um Vorlesungen aufzuschreiben für die Übersetzung. Aber in Omori hieß
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| es "nebenbei", es sei der Imperial University nicht würdig, übersetzen zu lassen. Ein Mißgriff, - vielleicht mit Hinterlader (?) Gerade heut sind 4 von den 8 Vorlesungen vorbei. Es ist eine Illusion, daß man mich ohne Übersetzung verstehen könne. Ich rede ganz langsam, ganz einfach - aber es bleibt natürlich zu schwer. Von 120 im Anfang sind höchstens noch 70 da. Das ist so ein Martyrium, das man aushalten muß, wie ja m. ganze Mission ein Experiment ist.
Die letzten Wochen fingen an, sehr anstrengend zu werden. Zum Spaziergehen keine Zeit, aber auch in ganz Tokyo keine verlockende Gelegenheit. Heut früh hat es gründlich geschneit, mit Sturm und einem Wasserresultat auf dem Boden, wie wir es nur bei [] ganz schweren Gewittern kennen. Susanne war schon erkältet, hat mancherlei [unter der Zeile] ~ Beschwerden, muß viel abschreiben, - ist leider nicht in prima Verfassung. Der Botschafter ist krank und es ist leider keine Hoffnung, daß er wieder Herr über das Klima wird. 30. Januar also ohne ihn. Teile der Rede hier verständlich. Interessantes Gespräch mit Offizier über Kernpunkte.
Donat ist inzwischen mit Familie angekommen. Wohnt in Omori. Vertrauensverhältnis muß sich in Rationen aufbauen. Übrigens wird meine Auffassung maßgeblich geteilt. Gottlob: ich habe einen enormen Vorsprung, der mich unabhängig macht.
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Manche sehr inhaltreiche und lehrreiche Gespräche mit Japanern kommen nun doch. Das Verstehen ist unsagbar schwer. Wer das leugnet, hat keinen Sinn für entscheidende geistige Differenzen. Schon zweimal ist mir der typische Anfang begegnet (der vermutlich [unter der Zeile] "~~" Versailles betrifft?) - "hat denn die deutsche Jugend überhaupt noch irgendwelche Hoffnungen?"
Kotsuka ist der treueste, tägliche Freund. Er arbeitet an den Übersetzungen Tag und Nacht, die ich am Morgen und Abend schreibe. Das ist so ein lieber Mensch, wie Gott ihn jenseits von Rassen schafft. Und es ist gut, daß diese Sorte sich um mich sammelt.
Von Deutschland kommen fast durchweg unerfreuliche Nachrichten. Aber auch schmerzliche Nachrichten. Die Todesfälle häufen sich: Stumpf (89) Wiegand, v. d. Aa (Leipzig, Schwiegervater v. Prof. Lisowsky - St. Gallen), Kempe-Reuther (Nichte des Buchhändlers, Berlin W 62), Admiral Behnke (für hier sehr wichtig, habe ich wohl schon erwähnt) und vor allem tief betrauert mein so sehr lieber Freund Prof. Müller - St-Gallen (74). Das gibt natürlich viel zu schreiben. Im allgemeinen hat Susanne den "Europadienst", aber sie schafft es auch nicht. Ich bin doch immer noch der große Arbeitskrater (oder Kater?)
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Es fehlt so vieles Kleine, was man braucht: appetitreizende Küche; Wein - [über der Zeile] vorhanden eigentlich nur Reiswein, (ein leichter Punsch), vor allem leichte, rauchbare Zigarren. So ganz minimal setzt man doch Gesundheit zu. Aber es geht. Der schlimmste Monat soll der Juni werden (Regen, so daß alle Anzüge schimmeln.)
Für heute will ich mal aufhören, wie es in Dahlem war. Denn Du kannst es ja auch nicht mehr lesen.
Nur eins noch: hier ist ein braver [über der Zeile] deutscher Journalist, Balk. Natürlich H.H.H. Er hat uns sehr liebenswürdig eingeladen. Seine Frau ist eine geb. Rubens, Physiker Berlin, Nachf. v. Kundt. Ein anderer sehr liebenswürdiger Journalist ist Fürst Urach, Graf v. Württemberg. Die Frau heißt Rosemary. - -
Außerdem ist hier "Würstchen". Würstchen kommt von ganz hoher Stelle, wohnte im Omori-Hôtel und war uns ein bißchen störend, weil wir ihn ja nicht kannten und er mir durch Armbewegung zeigte, daß er auch aus Deutschland stammt. Würstchen hat von nichts eine Ahnung. Würstchen ist aber sehr wichtig. Er verfolgt die Reichstagsverhandlungen. Der Reichstag ist allerdings vertagt. Der Schweiß tropft ihm von den Rippen. So hörte ich von sehr ordentlichen Leuten, die keinen "Anzug" anhaben.

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5.II.37.
An eine Fortsetzung war nicht zu denken. Es ist immer der ganze Tag ausgefüllt, manchmal nur mit Warten und Dulden. Seit der Ankunft des letzten Lloydschiffes sind die Sachen hier nicht leichter, z. T. recht ärgerlich. Ich versuche zum 1. Mal in m. Leben, den Vorgesetzten zu spielen.
Wir haben vorgestern Theater (= Kabuki) gesehen, ganz Modernes zunächst, mitten zwischen Fuhrmann Hentschel und Traumulus. Gestern waren wir in Yokohama eingeladen bei den geistigen Spitzen der Deutschen, wo man doch viel Verständnis findet u. auch deutschen Wein. Heut waren wir im Asakusa-Viertel, das man vielleicht recht früh sehen sollte. Kern: der Tempel mit Gläubigen; ringsum "Wechsler" und Jahrmarkt und Karussel; und ganz nah dabei die Bordelle sehr verschiedener Stufen. Alles harmlos, mittel sauber - aber so gut wie ungefährlich auch bei Nacht.
Es ist jetzt ein bißchen zu viel zu tun, und so wird es im Februar bleiben. Morgen großer Vortrag vom Institut aus: "Untergang der Renaissance des Abendlandes", umschnuppert von den Sprachgenossen, was ich mir entschieden verboten habe. 8 Tage später in der Jesuitenuniversität, 14 Tage später in der "Erziehungsgesellschaft". Ferner Rund
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|funk, viele Druckbeiträge zu Zeitschriften.
Ich plane so: 1. Woche des März große Zahnbehandlung, wobei wohl der Rest verschwindet - also keine Reden. 5. April Abreise in die Kyotogegend. Dort mindestens 3 Wochen. Dann wieder Tokyo u. Sundai. Im Juni, wo hier die feuchte Hitze unerträglich sein soll, nach Korea, vielleicht ohne Susanne, die irgendwo heiß baden könnte. Juli u. August muß man in die Berge.
Susannes Geburtstag soll etwas verfrüht auf der Gneisenau gefeiert werden. Ich möchte ihr einen seiden-goldgestickten Drachenkimono schenken. Am 25.II. (!) vielleicht gebe ich mein erstes Diner (zu Ehren des Marquis Okubo.)
Wir schicken Dir Bilder (wo Du auch Enoshima findest (1 Stunde Bahn vor Atami von hier.) Das hier beiliegende Bild ist am 26.XII. in Atami unmittelbar am Hafen aufgenommen, unter merkwürdigem Baum.
Hoops in Osaka ist mit Matthys verwandt. Die Linnert war tatsächlich unterwegs nach hier, ist aber anscheinend in Genua genötigt worden, vom Schiff zu gehen.
Dr. Drechsler sage mal vorläufig, daß es immer besser ist, wenn die Notgemeinschaft fragt, als wenn man spontan schreibt. Aber
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| das kostet natürlich Zeit. Sobald ich mal an deutsche Sachen komme - es ist jetzt ganz unmöglich, - werde ich doch auch spontan schreiben.
Kolb kommt erst am 18. März. Ev. auch Sauerbruch!? Von Bier freundlichen, aber etwas senilen Brief. Sehr nett schrieb Aschoff - Freiburg, der mal hier war. Feilchenfeld hat sich verheiratet.
Aber ich muß nun endlich Schluß machen. Und ich tue es ganz abgerissen: Gott schütze Dich - auch im 66. Lebensjahre!
Innigst Dein
Eduard
zugleich im Namen und Sinne von Susanne.

[] Hermann u. Heinz schrieben - nun - lieb wie immer, aber ganz aus ihrer Welt, nicht so daß man spürt: es geht doch eben über 1000e von Meilen zu "einander."
[re. Rand] Hermine Kleiser bleibt uns in heiligem Gedächtnis, - die reine, liebe Seele
[re. Rand S. 3] Familie Frommherz Karte!