Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 22. Februar 1937 (Tokyo-Omori/Omori-Hôtel)


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Omori, Omori-Hôtel, den 22.II.37.
Mein innig Geliebtes!
Eine so schrecklich angreifende Arbeitszeit wie der Februar ist hier noch nicht gewesen. Deshalb habe ich Dich mit Briefen leider kurz halten müssen und werde vielleicht auch diesen Brief in der Mitte abbrechen, damit Du mal wieder etwas bekommst. Die bisher neuesten Nachrichten von Dir sind die beiden Schreiben, kurz hintereinander, in denen Du auf Susannes Gesundheit eingehst. Glatteis in Heidelberg - aber in Berlin einer der kältesten Winter seit 1929! Ich habe schon geschrieben, daß der liebe Kalender wohlbehalten eingetroffen ist. Er ist in täglichem Gebrauch. Gingo verliert hier ganz die scharfe Teilung des Blattes. Auch ein Symbol! Und das wunderschöne Bodenseebuch ist auch da. Ich habe Lotte Eckener schon eine Ansichtskarte geschrieben. Ich kenne sie ja aus der Zeit, als sie im Lettehause Photographieren lernte.
Zu Deinem Geburtstag (hier abends um ½ 8) könntest Du mich durch den Rundfunk reden hören. Ich hätte Dir das durch Telegramm mitgeteilt, wenn ich nicht fürchtete, daß so eine Art von Benachrichtigung mehr aufregt als erfreut. Ungehört erreichen Dich diese Wellen auch.
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4 Wochen lang habe ich nun also in der Kaiserlichen Univ. nur deutsch vor durchschnittlich 70 Hörern Montag und Dienstag gesprochen. Sehr mühsam - aber es ging doch irgendwie positiv aus.¹) [li. Rand] ¹) Immer einige Professoren dabei, einmal auch der Botschaftsrat. Alle Sonnabende waren u. sind besetzt. 30.I. Hitlerrede.  6.  13.  20.II. Vorträge von mir. Also weder Sonnabend noch Sonntag eigentlich frei. Daher ziemlich fühlbare Nervenüberreizung. Am 6.II. war der "Institutsvortrag", nach vorgängigem deutschem Ärger, über "Untergang oder Wiedergeburt des Abendlandes?" Der Botschaftsrat Noebel und Marquis Okubo sprachen einleitend. Die Sache dauerte sehr lange - denn es war ein fabelhaftes Gedankengebäude. Man hatte wohl eingeladen, aber nach dem Prinzip: Blinde und Lahme, wenn es nur voll wird. Die 400 Leute, die gekommen waren, mußten im Dunklen elend frieren. Ich will diese Geschichte gleich zu Ende erzählen. Ein Zeitschriftenredakteur bewarb sich um den jap. Text. Er hätte nie einen so großartigen Vortrag gehört. Ich gab meine Zustimmung, ohne den schuldigen Tomoeda zu fragen. Kaum 10 Tage später erschien die Sache in der Japan Review, die eine Auflage von 60-70000 haben soll¹) [re. Rand] ¹) Es sind im ganzen schon 8 Zeitschriftenaufsätze hier von mir gedruckt. Und heut steht in der Zeitung eine Annonce, die Exemplare wären in einer Woche ausverkauft gewesen und es erschiene nun eine 2. Aufl. Ich hatte den sehr noblen Betrag von 300 Yen erhalten, den ich restlos an Kotsuka für seine unermüdliche Hilfe abgetreten habe. Anscheinend
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| waren die Leute sehr glücklich über den Erfolg. Denn sie brachten ihm heut spontan 50 Yen für die 2. Aufl. - Ich muß zu dem Ganzen hinzufügen: wir sind hier nahe genug an Amerika, daß es auch eine Reklameschiebung sein könnte. Hoffen wir, das nicht.
Am 13. Februar sprach ich in der (guten) Jesuitenuniversität vor 200 Leuten (schlechtes Wetter) über Erziehung im Abiturientenalter. Ich machte wieder viel Bekanntschaften, auch mit spanischen Jesuiten. Ein Referent des jap. Erziehungsministeriums, alter Freund, hielt die Begrüßungsansprache.
Am 18. Februar plauderte ich in einer neu gegründeten Sprachschule des verdienten Frl. Marquardt über "Berlin und Tokyo." Am 20. Februar behandelte ich das Thema "Charaktererziehung" in der Kaiserl. Erziehungsgesellschaft (400 Zuhörer.) Hier hatte ich zum 1. Mal den Eindruck einer geringeren Höflichkeit. Die Gesellschaft ist etwas international-amerikanisch eingestellt, u. ich hatte mich geweigert, über ein zu aktuelles Thema gerade dort zu sprechen. Die Gesellschaft trägt den Internationalen Erziehungskongreß, der dies Jahr im August bei Bruthitze stattfinden soll. Ich habe übrigens zur Entsendung den Dr. Behm vom Heuberg (Orb) empfohlen.
Heimgekehrt hatte ich einen gründlichen Ärger deutscherseits, der noch immer an meinen Kräften nagt. Es ist doch nun bald so, daß man versucht ist, Umwege zu machen. Die sehr notwendige Erholung am Strande (gestern) u. in den Hügeln (heut) fiel infolgedessen sehr gering aus.
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Morgen u. übermorgen sind wir bei deutschen Familien eingeladen. Freitag gebe ich hier für 30 Honoratioren ein Galadiner. Da die Frau Botsch. kommen wollte, wird es keine Herrengesellschaft. Susanne ist mit auf der Einladung. Sonst aber nur Marquise Okubo und Frau Donat. Unsrerseits waren wir beim Vice-Minister des Auswärtigen eingeladen. Es muß mit dem Englischen gehen, das ich spreche. Der Verlauf war recht nett. Achte auch auf den Film: "Neue Erde", japanisches Leben, von Deutschen u. Japanern aufgenommen. Umstritten. Aber vieles erspart mir schriftliche Schilderung.
Es beginnt langsam zu blühen. Wir bekommen jetzt viel Post aus Deutschland, fast noch mehr aus dem befreundeten Europa. (Kemeny (Unfall gehabt), Müller Witwe St. Gallen) Louvaris grüßt aus - der Berliner Mittwochsgesellschaft bei Lietzmann. Karte von Frommherzens u. Vater Welte. Aber ich kann fast garnicht nach Dtschld. schreiben u. habe offen gesagt immer noch wenig Neigung. Ich bin auch froh, bald v. Tokyo fortzukommen, das landschaftlich u. historisch nichts mehr bietet. Vom 1.IV. an für 14 Tage (von Dir aus gerechnet) schreibst Du am besten nach Kyoto, Japan. Deutsches Kulturinstitut, z. H. v. Professor Trautz (m. Kollege, auch einmal von mir gegrüßt.) Dort bin ich auch kollegial besser dran als hier. Wir waren am 18.II. auf der Gneisenau in Yokohama, trafen niemand. Am 18.III. kommt Kolb. Und wann Sauerbruch, der hier erwünscht ist?
<li. Rand> Frau Vice-Außenminister Horino-uchi sprach von 6 Wochen Heidelberg. Der Gatte war in der Klinik bei Enderle (?) Also wieder Heidelberg.
<li. Rand> Am Mittwoch soll eigentlich endlich das Seminar beginnen. Lauter Experimente - sehr angreifend. Ich breche ab mit all den innigen Gefühlen, die Du kennst. Susanne, deren Geburtstag wir nicht feiern konnten, grüßt auch. Dein Eduard.