Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 19./20. März 1937 (Tokyo-Omori)


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Omori, 19. März 1937.
Mein innig Geliebtes!
Das Geschäft entwickelt sich hier allmählich so, daß meine Existenz in Deutschland eine Sinekure war. Das ist ja sehr hübsch. Denn es ist eben "persönlicher" Erfolg. Aber es ist physisch schwer durchzuhalten. Und wenn man zurückkommt, - "was schaut da naus?" Es ist gar kein Gedanke daran, daß ich bis Mitte September alle Projekte erledige. Kolb ist vorgestern angekommen. Aber ich habe ihn noch nicht gesehen und gesprochen.
Von der Fahrt der H. J. hierher habe ich auch schon gehört. So etwas macht und bezahlt hier die Zeitung, diesmal Mainichi, die ja auch mein Auftreten in Osaka gemanagt hat. Ich glaube nicht, daß aus der 2. Sache etwas wird. Denn inzwischen hat sich doch hier die Politik gedreht, und die erhofften Früchte sind nicht gereift. Ich für meine Person war von Anfang an bemüht, Konservenfrüchte zu machen. Und das geht.
Dein lieber Brief vom 23.II. ist hier eingetroffen. Am 7. März waren wir beide u. die Austauschstudenten bei dem Mediziner Excellenz Irisawa (Heidelberger Ehrendoktor) zu Mittag eingeladen, in höchst geschmack
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|vollem Landsitz. I. ist ein witziger Kopf, klug und geistreich. Ich finde ihn entzückend, und wir verstehen uns. In diesem Zshg habe ich eine Bitte: Du könntest mir einen großen Dienst erweisen, wenn Du von Adele für Irisawa, der ein persönlicher Schüler ihres Vaters ist, irgend ein kleines Andenken erwirken könntest. z. B. einen eigenhändigen Brief oder sonst eine Kleinigkeit dem Geldwert nach. I. spricht immer v. Virchow. Er würde sich riesig freuen, und für mich wäre es ein großer "Erfolg." Vielleicht mit einer Zeile von ihr selbst? Ein zweites Andenken dieser Art würde auch den Rektor der Kaiserl. Un. beglücken, der in der Hauptsache Schüler von Aschoff ist, aber eine große Potenz (Nagayo), speziell für Krebsforschung.
Prof. Takakusu (auch Ehrendoktor v. Heidelberg) hält für Donat und mich ein Privatissimum über Buddhismus und hat neulich auch einen buddhistischen Abend arrangiert mit 10 b. Gelehrten. Das war eigentlich das geistig Ertragsreichste hier für mich bisher. Kleine hübsche Bilder oder Ansichtsalben v. Heidelberg sind auch erwünscht.
9. März waren wir in einem (stark amerikanischen) Landerziehungsheim Tamagawa-School weit draußen in hübscher Landschaft. Geschenke in Hülle und Fülle. Wir können kaum noch uns in unsrer engen Stube bewegen. Der Patron dieser Schule ist Haupt des japan. Pestalozzikreises.
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10. März vorm. Vortrag über Kulturmorphologie, nachm. Seminar; dann Cocktail bei Frau Gerdts¹) [li. Rand] ¹) dort hat Susanne Frl. Drach apperzipiert (die erst beim Militärattaché Ott war,) ich aber nicht. (cf. Schiff, silberne Hochzeit.) Nun sollten 3 Erholungstage in den Bergen folgen. Wir fuhren bei strömenden Regen (aber so etwas gibt es in Dtschl. nicht) ab. Das Wetter blieb so. Wir sind gerade 1 bis 1½ Stunden auf die Straße gekommen u. haben nicht, wie beabsichtigt, Sommerwohnung in Hakone suchen können. Das Hôtel Mianoshita ist eins der schönsten, die ich besucht habe. Sehr teuer, u. doch preiswert. Kotsukas kamen am 12.III (seinem Geburtstag) nach, fuhren aber schon nachm. ab, weil man nicht aus dem Hause konnten. Am 13.III lag alles im Schnee (500 m Höhe.) Wir reisten dann ab, weil wir nicht noch mehr Geld nutzlos ausgeben wollten. Das waren die 3 Erholungstage! Bei der Rückkehr lag gleich wieder allerhand Eiliges und nicht durchweg Erfreuliches vor. (Gespräch mit Botschafter.)
Eine kleine Genreszene: In Mianoshita, als schon die Betten für die Nacht gemacht waren, klopft es und vor der Tür stehen - 6 kleine Amas im Kimono [re. Rand] } reizendes Bild! unter der Führung eines Kellners, um das Zimmer endgiltig in Ordnung zu bringen. - Es gibt hier keine "Arbeitslosigkeit.
Geographischer Ausflug am Sonntag wegen Regenwetter abgesagt. Stattdessen: Zoologischer Garten. Montag: Buddhismusprivatissimum, Essen und Institutskonferenz (schwierige Sache.) Mittwoch Yokohama: "Scharnhorst" im Hafen gesehen, ich mußte aber fort, ehe sie landete (mit Frau Schinzinger u. ihren
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| Kindern, die geradewegs v. Königsfeld kamen. ½4 - 5 Seminar. Temperatursturz bis auf Null. [über der Zeile] Früh im Sommerüberzieher fortgegangen.) Flucht in Mädchenoper (Takaradzuka), Abendbrot, dann [über der Zeile] um ½10 am Hauptbahnhof, um Kuwaki¹) [li. Rand] ¹) war vorher mit reizenden Geschenken hier draußen bei Susanne. abzufeiern (sehr liebenswürdiger feiner Philosoph, alter Freund von Paulsen her), der nach Europa reist. Ich habe übrigens vergessen, daß mir ca 30 Professoren ein Essen gaben, das sehr nett verlief. Vorsitz: Philosoph Inouye (82 Jahre). Ich saß zwischen Kuwaki und Irisawa.
Gestern besucht uns alter Freund Hashimoto mit Tochter (Prof. und Ministerialbeamter). Wir aßen mit ihnen in vornehmen Restaurant. Es wurde sehr spät. Heut Eröffnung des 2. Seminars mit dem Kreise von Prof. Araki (Wirtschaftswissenschaft), dessen Frau bei Graf Mirbach (Botschaft) japanisch musizierte. Diese Sache sieht sehr hoffnungsvoll aus. Morgen haben wir den Architekten Yoshida ins Imperial zu Mittag eingeladen. Er wird uns dann alte Architektur erklären.
Du siehst: es wird allmählich ein bißchen viel. Bis zum 19. Juni ist das Programm fast bis auf die einzelnen Tage festgelegt. Für Korrespondenz nach Dtschld. bleibt wenig oder keine Zeit. Es kommt von dort auch nie Erfreuliches, außer Privatkorrespondenz. Den D. halte ich an kurzer Leine. Im ganzen pariert er und gewinnt Geschmack an meiner Sphäre. Aber er wird auf die Dauer so viel nicht leisten können.
9 Uhr Abends: ich gehe jetzt hinunter, um Pollack - Hotelnachbar - Beethoven im Rundfunk dirigieren zu hören.

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20.III.37.
Heute früh kam Dein lieber Brief vom 2. März. Ich bin froh, etwas im Zusammenhang Deiner täglichen Existenz zu sein. Konzert entbehren wir hier sehr, obwohl Rosenstock (früher Mannheim) in den Philharmonischen Konzerten hier den Taktstock schwingt. Sie sollen gut sein, aber .......
Die angebliche Sendung am 17.III. "Macht des Willens ......" kann nur ein Mißbrauch sein. Ich hatte für ein Sammelwerk in Königsberg/Opr. einen Beitrag dieses Titels geliefert, der dann nicht veröffentlicht, obwohl gedruckt wurde. Der Vermittler, ein Major Hülsen, scheint nun damit Geschäfte zu machen. (?) Beiliegendes Bild für unsre Sammlung
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| später zurückerbeten. Ganz links ist Irisawa (ca. 72), ganz rechts Dr. Eckart, Musikwissenschaftler aus Heidelberg, sehr mit Vorsicht zu genießen, Freund von D. und der betr. Gruppe. Der andre Herr wohnt noch in Omori. v. D. hatte den glücklichen Einfall, ihn mit uns zusammen einzuladen, als er ein Frühstück für Rudolf Herzog gab. - Rechtsseitig über Eckart ist Tomoeda, die Deutschen sind Austauschstudenten.
Den nächsten Brief nach Empfang von diesem sende bitte nach Kyoto, Deutsches Forschungsinstitut (dort eintreffend bis 1. Mai spätestens.) Dann wieder via Deutsche Botschaft. Ob wir im Omori-Hôtel auch im Mai sein werden, ist fraglich. Es hat zu schlechte Verpflegung. Grüße alle Freunde, besonders den Vorstand. Innige Grüße von uns beiden
Dein
Eduard.

[re. Rand] Tagebuch kann ich leider nicht führen.
Erika zeigt heut Ankunft eines kl. Mädchens an.