Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 4. April 1937 (Tokyo-Omori)


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Omori, den 4. April 1937
(1 Tag vor Abbruch der Zelte.)
Mein innig Geliebtes!
Recht erschöpft vom Betrieb der letzten Zeit gebe ich wenigstens ein Lebenszeichen - aber nicht mehr als dieses eine Blatt. Von Dir kam der Brief mit dem Kalenderchen, seinetwegen von der Devisenkontrolle geöffnet. Herzlichen Dank! Ich will gleich beweisen, daß ich kalendarisch denken kann u. einfach die Tagesereignisse aufschreiben:
Karfreitag 26.III. (als solcher hier nicht bemerkbar) Seminar mit Prof. der Nationalök. a. d. Kais. Un. Araki. Von dort in Uenopark zur Besichtigung des einen blühenden Kirschbaumes in diesem berühmten Bezirk. Temperatursturz auf winterlichen Tiefstand. Ursprung einer kräftigen Erkältung in Hals u. Luftröhre.
Sonnabend 27.III. Mit Susanne in der Stadt und in Ueno.
Sonntag (1. Feiertag.) Wegen Erkältung auf Gottesdienst in Yokohama verzichtet. Briefe an Litt, Flitner, Kornis.
Montag: Nach Kamakura bei scharfem Wind, Staub, Sandtreiben u. Seegang. Daibutsu (= bronzener Riesenbuddha.) nochmals besichtigt.
Dienstag Vorm. Sprechstunde in der Stadt. Um ½ 4 Seminar Araki ganz im Norden. Um ½ 7 Diner für mich von Kokusai Bunka Shinkokai (= Gesellschaft für internat.
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| Kulturbeziehungen. sehr vornehm.) Dirksen anwesend, seitdem wieder krank.
Mittwoch 31.III. Schluß des anderen Seminars in Jôchi-Universität, anschließend Teezusammensein. Vorher Geschäftsberatung bei Kolb, mit dem Adlatus und - dem Würstchen. Ergebnis: ziemlich am Ende der Spannkraft.
Donnerstag 1.IV. Nachm. Sprechstunde im Institut; nochmals nach Omori. Um ½ 8 Einladung von uns (Diner) in Tokyo Kaikan für deutsche Familien: Kolb, Dr. Becker u. Frau, Dr. Vogt u. Frau, Stolle u. Frau. Frau Meißner. Heimkehr ½ 12.
Freitag: Vorm. Sprechstunde im Institut. Anschließend mit Botschaftsrat Noebel, Kolb, Donat in Universität: Enthüllung der schönen Büste von Nagayo (durch 4jährigen Enkel). Dann 50 Jahrfeier des Pathologischen Instituts mit 12 Reden, in denen immer wieder Virchow genannt wurde. [li. Rand] Ich bitte noch einmal um kleine Virchowandenken. Gesamtdauer 3 Stunden. Abends in Yokohama, d. h. 42 km davon entfernt bei Generalkonsul Dr. Crull (Frackeinladung.) Um 1 ins Bett.
Heut: (hier Feiertag.) Susanne setzt das gestrige tapfere Packen fort und ist jetzt (10 Uhr) erledigt. 2 Uhr bis 4.30 Schluß des Arakiseminars. Um ½ 7 - ½ 9 ein Professor aus Formosa mit Prof. Murakami (1. Dolmetscher der Botschaft) als Gast im Hotel.
Omori steht in der Blüte. Die Kirschen sind hier über Haushöhe groß. Alles taucht sich in rosa, dunkelrot und weiß. So schließen wir mit Omori ab. Es ist nicht wahrscheinlich, daß wir hierhin zurückkehren.
<re. Rand> Die Frage meines Bleibens, das die Botschaft wünscht, soll verhandelt werden. Aber D. ist krank. Und mein Hauptargument ist: das Leben eines "Prominenten" hier ist nicht länger als 1 Jahr physisch auszuhalten. Schluß für diesmal. Reichstagsauflösung hast Du gelesen. Bedeutung dunkel.
<li. Rand S. 1> 4.IV. Heute nur Ordnen u. Packen. Nachmittags Besuch des wunderschönen riesigen Tempelbezirkes Ikegami wegen der Kirschblüte. Aber es regnete in Strömen. Außerhalb der Arbeit <re. Rand S. 1> haben wir kein Glück. Die arme Susanne! Sie hat schreckliche Plage mit dem Packen für 4 Bestimmungen: teils nach Ise, teils nach Nara, teils nach Kyoto. Der Hauptteil bleibt auf der Botschaft. Ich schließe für heut. Innigste Wünsche u. Dank für Kalenderchen Dein Eduard.