Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 21./23. April 1937 (Kyoto/Miyako-Hôtel)


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Kyoto, Miyako-Hôtel
21.IV.37
Mein innig Geliebtes!
Es wird alles ein bißchen viel: Klima, Arbeit, vor allem aber das Schreiben. Ich hätte gerade in der letzten Zeit manches sehr reizvolle Bild brieflich wiederzugeben versucht. Aber es ging mit der Kraft nicht. Damit Du siehst, daß ich noch da bin, schreibe ich heut Abend in der Bar ein paar Bleistiftzeilen. Das geht leichter als mit Tinte auf dem schauerlichen, jetzt durchfeuchteten Papier.
Ich habe Deinen lieben Brief, der zuletzt kam (10?) nicht hier. Du berührtest darin zum zweiten Mal den Rundfunkfall (einfacher Diebstahl) und Mädis Hochzeit. Das letztere Ereignis fällt für mich unter die Kategorie: aufgelöste Weltanschauung, keine Führung, also keine Orientierung. Und es ist so teuer, sich einfachste Lebenswahrheiten unter Tränen noch einmal selbständig zu erkämpfen. Aber es ist nicht
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| unfruchtbar, und es kann zum Guten führen, nur eben sehr langsam. Das arme Ding war eigentlich nie gut beraten. Ich sehe sie noch in der Kurfürstenstr., im Nebenzimmer still geschäftig; aber es war mir nicht möglich, mit ihr allein etwas Wesentliches zu reden. Unser ewiger Mangel an Zeit kostet uns schließlich Ewigkeit und Zeit.
Ich habe Dich um Virchowandenken gebeten u. wiederhole diese Bitte. Am 3.IV. in Tokyo war von ihm viel die Rede. In Deinen Nachrichten vermisse ich etwas über Kohlers. Wie steht es mit seiner Versetzung? Ich wünschte, daß Dir diese Freundschaft in der Nähe erhalten bliebe. Es geht heut nichts über sichere und gewisse Leute. Deshalb solltest Du nicht fühlen lassen, daß Dir an der Frau manches fehlt.
Ich weiß nicht, wie weit Dir Susanne unsre Pilgerfahrt anschaulich schildern konnte.
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| Matsuzaka, das kleine Nest (wie Ettlingen, wo Frau Trautz herstammt) war wirklich das poesievollste Stück meines bisherigen Japanaufenthaltes. 3000 Schulkinder mit Fähnchen zum Empfang an der Bahn - das habe ich ja eigentlich in Dtschld noch nicht erlebt. Aber offiziell muß man sagen: Tags zuvor in Ise - das war der Kern des politischen Japan. Wir haben das nicht, es sei denn, daß einmal mit Barbarossa im Kyffhäuser Ernst gemacht werde.
Der 6. April (Ise) und der 7. (Matsuzaka) waren aber mindestens ebenso angreifend wie schön. Da waren denn die 9 stillen Nächte in Nara wirklich ein Paradies, das so bald nicht wiederkommt. Am letzten Abend haben wir sogar einen wild lebenden Affen gesehen. Aber wer will Nara schildern? Diese Stadt der Geburt der Mystik in Japan, der kaiserlichen Größe u. der zartesten buddhistischen Kunst? Diese Stadt der ungeheuren Zedern, des weiten Parkes, der reizvollen Berge und Täler?
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| Der unzähligen plastischen Verkörperungen Buddhas (bis zum Susostil), der schweigenden Klöster (endlos und nie zu erschöpfen), der gebändigten östlichen Phantasie in Architektur und Skulptur und zahlloser Werke der Grazie, der Größe und der Tiefe?
Das ist das alte Nara. Aber Nara heut? Ein Ziel der Wallfahrt von Tausenden täglich und also der Papierflut abends. Und lauter fröhliche, glückliche, harmlose Menschen, die erst staunen, dann lachen, dann vertraut und höflich grüßen, wenn sie uns sehen. Ein Schub von 50 Rickshas bringt Japaner oder Westerner [über der Zeile] auf einmal. Alle umschnuppert das Heer der Rehe, die man um Entschuldigung bitten muß, wenn sie einem auf die Zehen treten oder die Nase einstoßen. Auch die große Sakeflasche auf dem Rücken der Begeisterten und Betrunkenen ist häufig - denn alles blüht ja - aber diese Ausgelassenheit wird fast
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| nie grob und nie aggressiv - am wenigsten gegen den Fremden.
3 rotznäsige Buben photographieren wir am Dorfende, nachdem sie uns nachgerufen haben "nesan [über der Zeile] ca = Tante, good bye!" 2 Tage später suchen wir sie, finden nur ein Mädchen, das höflich grüßt und sich [über der Zeile] verständnisvoll neigt. Am nächsten Tage die kleinen Kunden selbst. Sie begreifen kaum, wie man aussieht, wenn man selbst photographiert ist. Aber sie freuen sich. Und beim 4. Begegnen spricht uns die einfache Mutter japanisch an, mit Haltung, Würde, und ebensoviel graziöser Wärme - daß es bis heut in der Seele nachleuchtet, obwohl wir kein Wort verstanden haben.
Überhaupt dieser Kinderaugen! Mißtrauen, Staunen, dann aber gleich Fröhlichkeit und Begrüßung. Japan, glückliches Land der Kinder! Das Kind - o nein, diese Millionen Kinder, - sie sind hier Herren und Götter. Aber sie revoltieren nicht, vermutlich weil sie festgebunden auf dem Rücken der Mutter für 2 Jahre - nun doch den eigentlichen Ferntrieb verloren haben.
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Nara - das verlorene 8tägige Paradies. Hier in Kyoto senkt sich vieles lastend: der Reflex des moralisch kranken Heimatlandes. Es schwinden auch die letzten Illusionen. Alles ist krank. Jeder Glaube Phantom. Es ist eine schwüle Regenluft über der verblühten Blüte, die jede Arbeit schon jetzt (!) zur Qual macht. Und doch ist das zu Leistende nach allen Seiten hin so umfangreich, daß es kaum zu schaffen ist. Bosch (Neffe von v. Bosch - Stuttgart) sagte in Nara: Kyoto war noch vor 30 Jahren eine traumhaft schöne Stadt. Man ahnt es. Bergumgeben wie Freiburg, aber kranzhafter. Unendliche Tempelbezirke zartester Schönheit. Das Hôtel tip-top, aber nervenzerrüttend.
Ich muß zum Schluß des Fragments eilen. Hier ist auch ein Institut - parallel zu meinem. Der Direktor, Trautz [unter der Zeile] (Karlsruhe), ist mein Freund. Ich habe ihn vor 14 Jahren im Doktor geprüft.
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| Alter Offizier, schwere Kriegsbeschädigungsreste, geistvoll, jedoch - Verfolgungswahn [unter der Zeile] Ressentiments gegen jeden. Was ist objekt, was subjektiv? In Omori war ich diesem Zustand quoad deutsche Umgebung auch schon nah. Was ist Substanz? Das Bild ist unendlich trübe. Kaum einer bleibt intakt. Aber das überlasse ich dem [über der Zeile] E. <Wort/Name unleserlich>. Feeling. J. Kiehm, die übrigens gleichsinnig von Freudenstadt und Straßburg schrieb, befindet sich auch hier in zweifelhaftem Lichte. Man möchte ein Robinson sein.
Wir reisen mit einem halben Haushalt. Es ist sehr angreifend, keinen festen Wohnsitz zu haben. Die gute Susanne verzweifelt oft; denn das Praktischsein ist nun eben nicht ihre [über der Zeile] größte Stärke. Heidelberg ist Nordseeklima gegen hier. Du wirst schon aus diesem Grunde nur kurze Nachrichten erhalten können - Karten. Mehr geht wirklich nicht bei diesem Dienst der nächsten Wochen bis Ende Mai.
Kurz, aber innigst
Dein Eduard.

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19.IV. Vortrag: Nationalität und Kultur in „Handelsuniversität“ Osaka
Kotsukas Großmutter gefährlich erkrankt. Er nach Tokyo zurück.
Vorträge hier - im ganzen 6-7 - Beginn 23.IV.

23.IV.
Heut guter Anfang in Kyoto;
Frau Witting rechtsseitig gelähmt, liegt seit 6 Wochen