Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 9./10. Mai 1937 (Tokyo/Sanno-Hôtel)


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Tokyo, Sanno-Hôtel
Bar,   9. Mai 37
Mein innig Geliebtes!
Wir sind wieder in Tokyo, leider! Die näheren Ausführungen zu dem beiliegenden Tatsachenverzeichnis konnte ich in Kyoto leider nicht mehr geben. Warum nicht – das begreift nur der, der hier war. Man muß eben immer auf irgend jemand warten oder Besuche machen oder Danksagungen schreiben oder – dann doch einmal wirklich etwas tun. Z. B. Packen, was bei unsrer jetzigen Heimatlosigkeit theoretisch u. praktisch sehr mühsam ist. Kyoto ist aber so schön, daß ich alle dienstlichen Gründe in mir stark gemacht habe, um noch für eine Woche dorthin zurückzukehren. (am 14.V mit dem Nachtzug.) Im übrigen ist auch in Kyoto um uns viel Badisches gewesen: Trautz und Frau, er Karlsruhe, sie Ettlingen, durchreisend General Föhrenbach, und auch manche japanische Professoren waren in Hei und Frei gewesen.
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Der letzte Brief, den ich von Dir erhielt, ist der aus Jena. Ich freue mich wegen der Abwechslung. Sehr angenehm ist mir auch, daß Du L. besuchen willst. Auf offiziellen Wege ist hier nichts für ihn. An den Virchow-Andenken läge mir sehr. Über Kohlers möchte ich gern mehr hören.
Gestern: Zeppelinnachricht. (Ich war auf dem werdenden Luftschiff 1933)x) [li. Rand] x) Flesch hat lateinischen Dialog gedruckt – der eine heißt Eduardus! Nachm. u. abends in der Philos. Gesellschaft. Thema: "Geist und Seele". Wenig geglückt u. wenig verstanden. Der Vorsitzende, der 82jährige Philos. Inouye, ist mein Anbetungsgegenstand hier. Wer dies Auge gesehen hat, glaubt an eine gemeinsame geistige Welt. Und er spricht noch heut herrlich deutsch. Gestern sprach er von – Patzenhofer! Der andre Gewaltige, Nishida in Kyoto, hat ein unheimlich mystisches Auge. Aber wir unterhielten uns über – Dilthey, Böhme, Worringer, Dvorak u. dgl. Mein Vortrag "Geistesgeschichte" ist in der "Erziehung" erschienen, auf dtsch natürlich. Die Ztsch. solltest Du
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| (indirekt auf m. Kosten) abonnieren und sie herumreichen.
Also um diese Ideenflucht fortzusetzen: Ich rede noch Montag, Mittwoch, Freitag dieser Woche in der berühmten Privatuniversität Keio, wofür ich einen ganz neuen Vortrag in Kyoto gemacht habe, den Prof. Funada übersetzen will. Aber besser ist es schon, wenn es Kotsuka macht. Die 2 weiteren werden also aus dem gemeinsamen Vorrat der Firma Spranger-Kotsuka genommen. Wenn der letzte Vortrag vorbei ist, fahren wir wieder in das bergumgebene Kyoto, wo sich die alten Tempelbezirke bis in die Bergwälder hinein erstrecken.
Kyoto – Stadt der Zahnärzte! Der reizende Dr. Saito, der vor 1923 in Dtschld war, wurde von mir gebeten, einen Stumpf endlich zu ziehen, der much trouble macht. Er behandelte 3 Wurzelkanäle und hielt es für gut, ein neues Oberstück von ca 11 Zähnen anzufertigen. Nachdem ich 6 mal da war,
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| bat ich dann durch die üblichen Mittelsmänner auch um die Rechnung. Sie betrug "alle zusammen" 20 Yen = 14 M. Also komm hierher. Wenn man dann die erforderlichen Geschenke hinzukauft, kostet es allerdings fast ½ Tag der kostbaren Zeit. Denn wenn du eine Staatsvase für 8 Yen = 5 M kaufst, mußt Du Dir Tee und Kuchen servieren lassen.
Aber Kyoto sonst ist nicht billig. Man gibt als repräsentierender Fremder hier aus, was man hat. Kleine Festessen werden dankbarst begrüßt. Im kleinen japanischen Hause ist alles zierlich, sauber, äußerst geschmackvoll. Aber der Raum ist klein, [über der Zeile] eng, weil die ganze Sippe noch drin lebt, und die täglichen Dinge sind immer und überall dasselbe, auch das Essen.
Also: Ideenflucht! – wir sind im Centrum der Stadt [über der Zeile] Tokyo in einen Hôtel, das durch das Incident vom 26. Februar 1936 berühmt ist, in kleinem Zimmer. Wir streben fort, auch fort aus der deutschen Atmosphäre,
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| die eng ist, wie man [über der Zeile] Trautz denn auch in Kyoto geistvoll liebenswürdig, aber an dem Komplex der Phobie erkrankt war, den ich in Omori auch bekommen hatte, sagen wir: Würstchenkomplex. Denn die Würstchen sind in dieser Kolonie doch sehr mächtig. Und das Geschenk (Donatum) ist am angenehmsten, wenn man wo anders ist. Er verkündet hier den Heidelberger Krieg. Ich bin der dtsch. Orthographie entwöhnt. Und diesen Krieg kennen die tüchtigen [über der Zeile] jap. Köpfe in Kyoto und lehnen ihn ab. Dies ist der Grund, weshalb ich noch einmal hin muß, um den Krieg durch klugen Frieden zu bannen. Du siehst, die Dinge sind nicht leicht. Aber in Kyoto ist der reizende Nogami, (Leipzig 1914), den wir beide lieben, samt seinen entzückenden Kindern.
Ich werde nie die Worte finden, den Reiz der japanischen Kinder zu schildern. Das hat Gott nur einmal gemacht. Und die Alten – neulich haben wir den 88jährigen Grafen Kiyoura und die Gräfin (82) in Kyoto besucht – das ist auch ein Gotteswerk. Was dem Alter nach dazwischen
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| liegt, ist wie überall in der Welt: so oder so. Es äußert sich nie pro oder contra, es belehrt daher nicht; es zieht keine Zähne aus. Aber es ist immer freundlich. Manchmal auch so, wie der sächsische Beamte im Wohnungsamt, der Wohnungen versprach, die es nicht gab: "Na, ich wollt' Ihnen doch ene Freide machen!"
Heut waren wir mit Tomoeda (meinem Adoptivvater) und Kotsuka in der Ausstellung von Handzeichnungen Dürer bis Menzel, zum Jubiläum unseres Instituts, die stark besucht war. Aber was hält der chinesischen und japanischen Darstellungskunst stand? Vom hier Vorhandenen nur Menzel! Diese Ausstellung kommt nun nach Kyoto. Ich werde sie mit eröffnen.
Wenn ich so schreibe, spüre ich die ganze Unmöglichkeit, mit müder Hand Bilder zu zeichnen, die einen größeren Meister erforderten. Du mußt mit ganz schwachen Skizzen vorlieb nehmen
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| und immer denken: es ist ganz anders, als man sich es vorstellen kann. Wo aber wirst Du ganz warm, ohne Wort und Verständnis? wenn Du das japanische Volk siehst: Arbeiter, Kinder, Frauen, Mädchen. Aus diesen Augen leuchtet Glücklichsein und Liebenswürdigkeit – obwohl das meiste fehlt, was der Europäer brauchen würde. Niemand hält Dich für bedenklich, des deutschen Blickes wert. Kinder sehen Dich mißtrauisch an wie ein fremdes Tier. Aber wenn Du sie anlachst, strahlen sie und freuen sich, – wie wir uns nicht freuen können – über blondes Haar oder einen Frauenhut (das Unerhörteste hier.)
Ich kann nicht mehr. Sei innigst gegrüßt
von Deinem Eduard,
der die gestrige deutsche Steuerveranlagung auch mit Fassung getragen hat.

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10. Mai   Mitternacht.
Heut hat mir die Kaiserl. Universität Tokyo eine wunderschöne Porzellanvase (aber metallhaltig) geschenkt. Dann war ich beim Präsidenten Hisada von der märchenhaften Stiftung, der mir die 12000 Yen zuwenden wollte und für die Hinterbliebenen des Zeppelinunglücks 5000 Yen gegeben hat. Die ganze Mannschaft dieser Stiftung lief zusammen. Dann freut man sich harmlos an den Photographien von der Reise und sagt sich Höfliches. Um 3 habe ich den der Keiouniversität gesprochen. Das Schiff (mit einem fremden Übersetzer) ging etwas schief, aber doch in den Hafen. Bei dieser Gelegenheit sagte mir der dtsch. Journalist Balk, ich sei mit Planck und – Rust Ehrendoktor von Athen geworden. Um 8 gingen wir zu einem diplomatischen Diner bei v. D., das netter verlief, als von solchen Dingen zu erwarten ist. Ich saß neben einer Holländerin und dem Gesandten von Afganistan. Susanne hatte noch mehr Glück. Sie saß zwischen dem Schwedischen Gesandten und dem Gesandten von – – Siam. Dieser hat ihr erzählt, er sei in Falken
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|berg bei Eberswalde
in die Schule gegangen. Und in Ostpreußen hätten die Jungen gerufen: Kiek mal den! Diese wichtigen Sachen wollte ich Dir doch noch mitteilen. Eigentliche Substanz habe ich aber mit dem Militärattaché Scholl gesprochen, so daß dieses Stück "Dienst" relativ nett verlief. Der italienische Attaché bestätigte mir aber, daß die Diplomatie ein furchtbares Geschäft sei.
Gute Nacht
Dein
Eduard.

Res gestae.

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17. April. Ankunft in Kyoto.
Meine Seelenführer sind:
1. Prof. Trautz, Leiter des hiesigen deutschen Forschungsinstituts,
    ehemals Offizier
    einst im Doktor von mir geprüft 1924.
2. Prof. Nogami, 1912/4 in Leipzig, zarte Natur,
    spricht reizend Deutsch.
18. April: Besuch des Instituts.
Antrittsbesuche bei allen führenden Instanzen v. Kyoto.
19. April:Vortrag in Handelsuniversität Osaka
    400 tadellose Studenten.
    Rektor dankt frei auf deutsch. (1. Mal!)
20. April:Besuch von 3 Schulen in Kyoto (hervorragend.)
Abends: Hitlerfeier, Essen im Institut.
21. April:Formalbesuche.
22. April: In Kobe bei Vortrag v. Trautz. vorher bei Schinzingers
23. April: 1. Vorlesung in Kaiserl. Un. ohne Übersetzung
    ca. 110 Hörer
24. April 2. Vorlesung. dgl. ca 90 Hörer.
25. April. Fahrt an Biwasee (= Bodensee Japans) u.
    Dichterheim (Idylle à la Rousseau ca. 1700)
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26. April:Vortrag im Institut. Krisis der Geisteswiss. mit
    Übers   ca 185 Hörer.
27. April. Geburtstag der J  Feiertag hier. Besichtigung von
    einigen der zahl
26. April:Vortrag in Handelsuniversität Kobe.
    350 Hörer.
    Herrliche Lage des modernen Gebäudes.
    Blick wie im Golf Neapel.
27. April. Feiertag hier. Beginn einer Serie von Besuchen bei liebenswürdigem Zahnarzt, der in Dtschld war.
Schöne Tempelbesuche
28. April: Vortrag im Institut: "Krisis d. Geisteswissenschaften"
mit Übersetz.   ca 185 Teilnehmer.
29. April: Geburtstag des Kaisers v. Japan.
    Drahtseilbahn auf Berg mit uralten Tempeln der Tendaisekte.
    Persönliche Führung.
    Hinab mit Drahtseil zum Biwasee.
30. April:3. Vorlesung (70 Teilnehmer) in Universität.
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1. Mai:Vortrag für die Kyoto-Erziehungsgesellschaft.
    500 Hörer. (Thema: Charaktererziehung.)
2. Mai: Sonntag, [über der Zeile] Einladung v Prof. Nogami und Frau ins Hôtel.
Besuch v. Generalkonsul Dr. Wagner[re.] für Kobe
    (sehr sympathische Figur)
nachm. bei Trautz mit wichtigen u. bewegenden (deutschen) Gesprächen.
3. Mai: Einer der Höhepunkte bisher.
    12 Uhr: Frühstückseinladung bei Rektor der K. Universität (hat Chemie in Deutschland studiert.)
    3 Uhr: Vortrag für die gesamte Universität
        Thema: "Probleme der Kulturmorphologie" mit Übersetzung.
        ca 750 Studenten (nur 15 Professoren.) sonst mehr
        100 Studenten stehen 2½ Stunden.
        Zündende Wirkung.
        Vielleicht die stärkste bisher –
        im 1. Kulturzentrum
4. Mai: Mit Trautz und Frau Ausflug zu Tempeln u. in reizende Flußlandschaft. (Arashiyama)
    Ein Dichter schenkt mir ein Kurzgedicht
5. Mai: Intensive Vorbereitung auf philos. Vortrag in Tokyo
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| am 8. Mai. Wunderschöne Tempel in herrl. Landschaft am Stadtrand.
Brief v. Litt – pessimistisch.
Die Harada-Stiftung setzt 12 000 Yen = 8400 M aus, wenn ich im 2. Jahr bleibe.
In der "Erziehung" erscheint zum 1. Mal ein in Japan gehaltener Vortrag
Morgen ist viel abzuwickeln.
Ev. Kaiserliche Paläste
Am 7. Maifahren wir nach Tokyo, hoffen aber sehr, nach Kyoto am 14. Mai zurückzukehren
Ludendorffs Religionsprogramm wirkt besorgniserregend. Das kann nur auflösend wirken. So muß man denken, wenn man die Tempelstädte Nara u. Kyoto durchwandert hat, die eben die Wurzeln der hiesigen (nicht national geborenen, sondern buddhistischen) Kultur sind. Aber was für ein tiefes Fundament ist das!! [li. Rand] Buddh. ist Weltreligion