Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 17. Mai 1937 (Kyoto)


[1]
|
Kyoto, Pfingstmontag 17.V.37.
Bar   9 Uhr.

Bei der Zeitangabe fällt mir ein, daß ich ev. wirklich einmal durch den Rundfunk Japan-Dtschld. sprechen werde, der 3 x wöchentlich gesandt wird. Über mich hat der Maler Greil schon etwas durchgegeben.
Zur Ortangabe bemerke ich, daß dies der ruhigste, unauffindbare Ort im Hause ist, also zum Schreiben geeignet
Mein innig Geliebtes!
Kein Mensch merkt hier, daß Pfingsten ist. - Wir sind wieder in Kyoto, Gottlob. Am 7.V fuhren wir nach Tokyo, am 14.V. abends wieder fort. In der Zwischenzeit habe ich 4 Vorträge gehalten und an 4 offiziellen Essen teilgenommen. Den weiteren entging ich. Akuter Anlaß: am 19.IV. ist das 10jähr. Jubil. des "Instituts." Die deutsche Regierung hat dazu 93 Handzeichnungen, Originale, von Dürer bis Menzel (auch Schwind, Richter, Friedrich - Grünewald) gesandt. Da sie die Feuchtigkeit hier nicht vertragen würden, wurde die Ausstellung in Tokyo schon am 1. Mai eröffnet. Ich war nicht dabei. Aber die Sache wurde noch immer begossen [über der Zeile in lat. Buchstaben] begossen. Der Besuch war stark. Die Ausstellung ist heut hier mit entsprechenden
[2]
| Reden eröffnet worden. Ein angenehmer junger Kunsthistoriker [über der Zeile] Möhle begleitet sie. Ihn und Hoops jr. haben wir heut im Hotel bewirtet. Am 20.V. gebe ich hier ein Essen für 20 Professoren. Dies ist ein Grund der Rückkehr. Der tiefere ist: Tokyo ist schwer auszuhalten; arbeiten kann man schon garnicht, und das <Gottesgeschenk> ist unerfreuliche Nähe, trotz Loyalität von beiden Seiten. Japaner sind dem Geschenk gegenüber auch zurückhaltend. Tiefster Grund: nächst Nara ist hier doch der Wurzelgrund japanischer Kultur: Tempelkunst, Feste, Gärten, Landschaft - dagegen war Tokyo eine 5 monatliche Fastenzeit.
Beim Diplomatischen Diner am 10.V. gelang es mir zuerst, [über der Zeile] zum 1. Mal, die Aufmerksamkeit des Botschafters zu erwecken, [über der Zeile] und zwar durch meinen Orden, weil ihn die neue französische Frau Botschafterin auch zu haben behauptete. Ich saß neben dem Afghanen, u. Susanne neben dem Siamesen; dieser hat in - Freienwalde die Schule besucht - aber mir fällt ein: das habe ich ja in dem letzten Brief x) [li. Rand] x) Ich hatte von Dir 2 liebe Karten aus Jena und Weimar. schon nachgetragen. Also nur noch: ich habe in Tokyo in der Philos. Gesellschaft gesprochen und dann 3 mal in der privaten, aber ältesten [über der Zeile] 1858 jap. Universität Keio. Die Kaiserl. Universität hat mir 2 prächtige Cloissoné-Vasen geschenkt. [] /Virchow-Andenken für mich Goldwert!/
[3]
|
Ich will Dir heut einen Überblick über die nächste Zeit geben, damit Du Dich nicht beunruhigst, wenn ich nicht schreibe. Eine Landkarte mußt Du bitte zu Hilfe nehmen.
Spätestens 24.V Rückkehr nach Tokyo (Sanno-Hôtel mit internationalem <Wort unleserlich>.) 25.V Vortrag "Medicin u. Ethos" in der Medicin. (Winkel) Hochschule Chiba an der Tokyobucht. Ferner Vortrag in der Frauenhochschule Tokyo (eigentl. Lehrerinnenseminar)¹) [li. Rand] ¹) An beiden arbeite ich hier mühsam, damit Kotsuka übersetzen kann ca 30.V Abreise nach Sendai. 2 Vorträge in der Kaiserl. Universtität dort. 4.VI. nach dem abgelegenem Niigata (Päd. Tagung.) ca. 7.VI. nach Nagoya (große Stadt) 9.VI nach Hiroshima, dort 2 Vorträge, Inlandsee u. Landschaftliches sonst. Spätestens am 16.VI. abends in Tokyo (dies alles mit Kotsuka.)
19.VI. Institutsjubiläum. (Die Abkühlung der Temperatur hier gegen Frl. Kiehm wird wohl auch in dieser heißen Zeit noch spürbar sein.) ca. 22.VI Abreise nach dem entfernten Korea. Anfang Juli: Beziehen des Sommerquartiers in Hakone (unweit Fuji-yama).
Am 27.VI. werde ich also wohl in Keijo (Korea) Kaiserl. Un. (zu Händen von Prof. Uyeno) [unter der Zeile nochmals] Uyeno sein. (Liegt an der Poststrecke nach hier.)
[4]
|
Die Entwicklung des Klimas wird ungünstiger. Viel elektr. Spannungen ohne Gewitterlösung. Man ist auch schon abgearbeitet. Immer nur kleine Hotelzimmer. Kisten und Koffer über ganz Japan zerstreut. Susanne hat große Plage. Man muß über die Sachen im kleinsten disponieren. Das ist oft unlösbar.
"Eigentlich" verstehen wir hier "nichts". Das wird immer klarer. Wir genießen Landschaft, wir haben Freunde, liebenswürdigen Empfang. Aber teils sagt man nichts, teils kann man es nicht sagen, weil man über sich selbst wenig weiß. Der Japaner würde dem Sensei (hochverehrungswürdigen Lehrer) keinen Zahn ziehen, den er loswerden muß. Er würde ihm aber auch kein Urteil sagen über Menschen, Dinge und ihn selbst, die er wissen muß. Er wünscht sehnlichst, daß man seine alte Welt verstehe, aber er kann sie nicht erklären, sekundär auch deshalb, weil wir sprachlich nicht zu einander kommen. Mit den einfachen Leuten verbindet mancher kindlich heitere Moment. Dies ist nun wieder sehr schön.
Ich muß hier unheimlich arbeiten. 2 ganze neue Vorträge in 8 Tagen, amtlichen Bericht, das Nötigste der Europapost. Es wird Monate dauern, bis ich in Athen mitteilen kann, daß ich den Ehrendoktor annehmen - darf. Schluß für heut.