Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 22./23. Mai 1937 (Kyoto)


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Kyoto, 22. Mai 37.
Mein innig Geliebtes!
Wir schließen nun morgen vorläufig mit Kyoto ab; recht ungern. Denn hier könnte man leben und lernen und Natur genießen. In den letzten Tagen kam allerdings schon ein Grad von Feuchtigkeit, der mir auf die Ohren fiel (Druckgefühle) Ich war heut bei einem japan. Arzt, der auf beiden Ohren "senile Schwerhörigkeit" feststellte, das Objekt selbst aber auf klimatische Anpassungsschwierigkeiten zurückführte. Trautz kennt die gleichen Erscheinungen.
Vorgestern gab ich hier im Miyakohôtel ein Diner für die Professoren der K. Un. Wir waren 16 [re. Rand] } = 180 Yen = 125 M Herren. Der Rektor war anwesend und der große Nishida, den ich anscheinend ganz zu gewinnen verstanden habe. Die Stimmung wurde ungewöhnlich gut. Auch mein eleganter Zahnarzt [über der Zeile] Dr. Saito, der 9 Kinder hat, war dabei, und natürlich auch der entzückende Nogami, der graziöseste meiner (alten) japanischen Freunde. Gestern hat uns Yukiyama, der
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| Nibelungenforscher (!), 3 herrliche Tempel aus der hiesigen Reichenauperiode gezeigt u. [über der Zeile] uns chinesisch bevespert. Heut waren wir beide auf dem Hieisan mit cable car allein (1000m). Ich würde dies den japanischen Pfänder nennen. Man blickt auf den Biwasee, den sie hier dem Bodensee vergleichen.
Ich habe den Buddhismusforscher Suzuki hier besucht, der nur Englisch kann, dessen Schriften mir aber ungeheuer viel geben. Er ist Gottlob mit dem großen Nishida befreundet, und da beide im Sommer in Kamakura sind - 2 Stunden von unserem Hakone, ergibt sich da eine fruchtbare Aussicht. Diese Männer sind dankbar, wenn man sich bemüht, sie zu verstehen. Und von ihnen kann man etwas mitnehmen.
In Korea erwartet mich der für dort zuständige deutsche Konsul [über der Zeile] in Dairen mit Ungeduld. Ich habe heute telegraphiert, daß ich am 24.VI kommen werde, das gibt ein endloses Reisen.
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23. Mai 37
Heut ging es wirklich ein bißchen über die Kräfte, obwohl garnichts Offizielles vorlag. Das ist schwer zu verstehen; aber im Osten muß man Objekt sein können; sonst gilt man als ungezogen. Und wie schwer mir das gerade wird, weißt Du. Ich gebe Dir also mal ein Bild von diesem letzten Sonntag in Kyoto.
7.50 Telephon ins Zimmer: Dr. Saito wolle kommen. Antwort: wir sind bis 12½ da.
8.05 Telephon ins Zimmer: Dr. Saito ist gekommen. Rasieren eiligst.
8.25Austausch mit dem lieben Dr. Saito, der es eilig hat, dann aber 1½ Stunden bei Trautz das gleiche Thema erörtert. (man soll hier nicht direkt verhandeln)
9.Notwendige Zeitungslektüre (sonst tappt man im Dunklen)
9½-11Arbeit an einem neuen Vortrag x) [re. Rand] x) Der Umfang der bisher geschriebenen u. übersetzten Vorträge beträgt mindestens 600 Quartseiten
Susanne schreibt bis 12½ gleich hinterher ab, sucht aber inzwischen Dr. Möhle in der Ausstellung. (ohne Erfolg)
11-12Sortierung der zahllosen Schriftsachenxx) [li. Rand] xx) Viele für mich nicht einmal im Bezug auf den Absender erkennbar für die Reise morgen
12-12½  Eilige Briefe
12 ½ Austauschstudent Birkenstein erscheint zum Mittagessen
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2 ½Birkenstein geht. [unter der Zeile] (natürlich substantielle Fragen) Trautzens kommen wie verabredet.
3Gemeinsame Autofahrt [über der Zeile] mit Trautz durch 4 entlegene Tempelbezirke. Zufälliges Miterleben einer Shintofestlichkeit (Volksshinto mit primitivem Fruchtbarkeitszauber.) Trautz zeigt herrliche Sachen, begreift aber nicht, daß die Zeit begrenzt ist
6 ½im Hôtel.   Tee. Aber wir müssen packen. Wichtige Gespräche müssen abgebrochen werden. Verabschiedung. Mitten drin erscheint Prof. Muto (unvermutet) aus Nagasaki, eine wegen ihrer Ausführlichkeit schon von Tokyo her gefürchtete Persönlichkeit. Man hat ihn ½ Stunde später am Auto. Er aber fährt noch einmal im Fahrstuhl nach oben. Ich bin am Platzen.
7 ½Herr Muto u. Trautzens gehen
7 ½-8. Briefe u. Karten geschrieben.
Die arme Susanne kann jetzt endlich [re. Rand] nach Abendbrot anfangen zu packen. [li. Rand] Wir haben 4 Koffer 4 Handgepäck Ich ziehe mich aktionsunfähig in die Bar zurück. Morgen müssen wir um 8 aus dem
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| Hôtel: So ist ein Tag, an dem "nichts vorliegt." Länger als ein Jahr hält man diesen Rhythmus des "Bereitstehens" (zwischen 50 u. 60) [über der Zeile] "senile" Schwerhörigkeit! nicht aus. Der Nächste wird es sehr viel leichter haben. Denn er wird Spezialist sein und hier die deutsche Methode anwenden: "Kinder, ihr imponiert mir garnicht."
Heut früh kam ein wirklich lieber Brief von Heinz. Unausgeglichen¹), [li. Rand] ¹) aber sehr! Noch garkeine Struktur gefunden! natürlich, denn wenn schon die zu unsrer Zeit die Spannungen so stark waren, wie müssen sie jetzt sein, wo die Verarbeitung, die früher erfolgt war, nicht mehr gilt? H. tut mir leid. Man hat kein Interesse für ihn - da er ja Aktivist nur sein möchte, von Lehre her aber Philosoph ist, und das interessiert niemanden. Hermann u. Kolbenheyer - pessimistisch über den Sieg des "Deutschen" räsonierend! Es kann nicht anders sein. - -
Heinz hat natürlich keine eigentlich philosophisch-editorische Durchbildung. Sonst könnte man ihn vielleicht bei den Resten der Kantausgabe der Akademie gegen ein Taschengeld beschäftigen. Er sollte nicht auf die akademische
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| Laufbahn hinarbeiten. Das ist heut nichts und stammt aus einer veralteten Denkweise. Er sollte beim VDA Anschluß suchen und zu diesem Zweck noch 1 Jahr an einer geeigneten Universität weiterstudieren: konkrete, kulturgeschichtlich eingestellte Volkswissenschaft, am besten des Ostgebietes deutscher Siedelung. Der VD.A. oder die "Deutsche Akademie München" sollen ihn beraten, was er treiben soll, damit er für sie gebrauchsfähig wird. Empfehlungen an beide Stellen kann ich ihm schreiben, wenn er über seine Verwendungsfähigkeit klarer sieht. Mit Kant gewappnet kann er leider heut keine Tore öffnen. Er muß historisch-politisch-kulturell denken lernen und sich an einen Mann anschließen, der ihn bald auf diesem Gebiete weiterführt. Leider kann ich dies alles nur aus weiter Entfernung sagen, ohne mit ihm selbst beraten zu können.
Morgen gehen wir also wieder in das gräßliche Tokyo. Diesmal nur auf 5 Tage.
<li. Rand> Leihe Dir doch von der Bibl. Trautz, Japan, Verlag Atlantis oder Hürlimann? <re. Rand> und versuche den Film: "Die Tochter des Samurai" zu sehen. (ev. in Mannheim) Nur die Landschaften u. Volksszenen sind <Kopf> echt. Vulkane u. Erdbeben Gottlob übertrieben. <Kopf/li. Rand> Fauck = Frank = Jew aus Frankenthal??
[li. Rand S. 1] Hübscher Brief von Emmy - Reichenau. Wie hat der "Moler" sich verunstaltet
Flesch hat nicht geschrieben. - Ebenso Louvaris, Paleologos o. a. Griechen.