Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 26. Mai 1937 (Tokyo)


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Tokyo, 26. Mai 1937.
Mein innig Geliebtes!
Bald nach der Ankunft hier erhielt ich Deinen lieben Brief vom 4. Mai, für den ich herzlich danke. Ich betone noch einmal, daß die Virchowandenken hier nicht verschwendet wären. Sie kämen an sehr bedeutende Männer, die den Namen V. mit mehr Pietät nennen, als in Dtschld zu treffen ist.
Gestern habe ich in der kl. aber hübsch gelegenen medizinischen Universität Chiba (400 Studenten) vor ca 250 Studenten und 50 Professoren und Ärzten über "Medizin und Ethos" gesprochen. Es sind dort viele angenehme Leute, u. a. ein sehr liebenswürdiger Ophtalmologe Itoh. Ich benutzte die Gelegenheit, mich von dem dortigen Ohrenprofessor Kubo noch einmal untersuchen zu lassen. Er stellt die Diagnose auf chronischen Mittelohrkatarrh. Die Flüssigkeit in der Paukenhöhle des rechten Ohres werde bald resorbiert werden. Diese Feststellung halte ich für richtig mit dem Zusatz, daß links auch so etwas ist. Ich bleibe daher heut den ganzen Tag zu Hause u. schone mich etwas (das zweite Mal, an dem ich in J. einen Schontag einlegen muß - und kann.)
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| Gestern (8. leichtes Erdbeben) war wieder klimatisch u. menschlich recht anstrengend. Planmachen mit Tomoeda  1) morgens von 10-11   2) abends vom 9-10, - immer hin und her. Auch das Klima beginnt nun unangenehm zu werden. Wir haben hier ein sehr hübsches Hotelzimmer mit Blick in lauter Grün, 5 Minuten vom Reichstag u. 10 Minuten von der Botschaft.
Gestern war ungefähr mein 43. Vortrag. Ehe die neue, sehr gedrängte Tour mit Kotsuka beginnt, möchte ich mich gern etwas erholen. Das Institutsjub. am 19.VI. nötigt mich, in 5 Tagen die Route Hiroshima - Tokyo (= 15 Stunden) hin u. zurück zu machen. Es scheint aber, daß ich in diesen Tagen auch als Prüfungskommissar an der Deutschen Schule (Untersekundaabschluß) fungieren soll. Dadurch hätte die Reise etwas Sinn bekommen.
Wir interessieren uns hier sehr für Blomberg u. Ribbentrop und für Chiemsee. Aber wir erfahren die Dinge nur bruchstückhaft.
Morgen geht die Sibirienpost. Deshalb packe ich diese losen Blätter wieder zusammen und dazu die innigsten Grüße u. Wünsche v. uns beiden.
Dein getreuester
Eduard.

[] Die Geschenke häufen sich.