Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 8./9. Juni 1937 (Osaka/Hotel New Osaka)


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<gedruckter Briefkopf: Hotel New Osaka
Osaka>
8. Juni 1937.
Mein innig Geliebtes!
Für diese Tour sind mehr als gewöhnliche Kräfte erforderlich. "Wir drei" (d. h. mit Kotsuka) sind am 31. Mai abgefahren und am Abend des Tages in das reizende Matsushima gekommen: die Küste der 150 Kieferninseln. Wir waren fast allein in dem graziösen Hôtel in der Bucht. Der Ausflug am nächsten Tage nach Chuzonji (einer sehr alten Kulturgrenze) war etwas verregnet. Am nächsten Morgen ging es nach der Kais. Univ. Sendai im Auto an der Küste entlang. Erster Vortrag in Sendai mit Essen beim Rektor u. 500 aufmerksamen Hörern, darunter viel angenehme Fachkollegen. Auf der Rückfahrt mieteten wir in Shiogama (Hafen) ein Motorboot u. fuhren in der Dämmerung in unsre Stille. Der folgende Morgen brachte eine kritische Nachricht aus Tokyo, die mich zu energischem Vorgehen gegen Don. veranlaßte. Erst heut ist in ernster Auseinandersetzung in Nagoya "reiner Tisch" gemacht worden, nachdem von mir d. Botschafter, von ihm Partei beteiligt worden war.
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| Der einzige freie Morgen in der lieblichen Inselwelt wurde dadurch getrübt. Nachm. 2 Vortrag in Spezialkreis, immer noch 300 Hörer. Dritter Tag begann mit Besuch aus Sendai um 10, bestand aus 2 Einladungen zum Essen in Sendai und einer sehr belebten Unterredung im Kreise von ca 50 Fachinteressenten, angeblich Studenten
Sonnabend 9stündige Fahrt nach Niigata. Dort von großer Deputation empfangen. 2 reizende kleine Mädchen (6 u. 7) überreichten große Sträuße. Kleines Hôtel, erst seltsam, wurde sympathisch u. nahrhaft. Sonntag Fahrt mit Fischer (dem deutschen Lehrer) durch die kl. Stadt zur See u. zum Hafen. Um ½ 2 Vortrag (v. K. in Nachtarbeit neu übersetzt) vor Lehrertagung. Anfangs waren 1100 Zuhörer; 300 liefen teils zu Beginn, teils während der Rede fort, vielleicht Neugierige aus der Stadt. Besichtigung der Schule. Ich nehme Parade der 200 Seminaristen ab u. halte Ansprache. Abends Festessen für mich; sehr sympathischer Bürgermeister, alle sonstigen Honoratioren. Bei solchen Gelegenheiten muß man immer hübsche Reden halten. Todmüde ins Bett.
¾ 6 Aufstehen. Großes Geleit zum Bahnhof. 15 Stunden Fahrt, erst am japanischen Meer, dann durch die japan. Alpen. Gipfel wegen Regens natürlich unsichtbar. 3 mal Umsteigen. Nach 9 in Nagoya (Großstadt, 1 Million, ganz modern). Abholung, Photographieren, Interviews. Nacht im modernsten Hotel
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Heut früh kommt laut Telegraph. Vereinbarung durch die Botschaft Donat. Ernstes, ruhiges Gespräch. Verständigung, soweit dem Charakter zu trauen. Eine gewisse Ehrerbietung ist da. Dann Besuch im Rathaus, Mittagessen mit Donat u. Kotsuka. Um ½ 3 Vortrag. Thema wie in Niigata. Besucherzahl - schwach gerechnet: 2200. Vor Schluß gegangen sind höchstens 150. Die Anwesenden nehmen solch ein Ereignis doch wohl wie die Heilige Messe. Ganze Schulen von Halbwüchsigen waren beordert. Die Honoratioren waren für Fröhlichkeit besonders dankbar. Was steckt da noch an Vertrauen für den deutschen Gelehrten! Das Geschenk (Donatum) muß man auf eine feinfühlige Art verwalten. Um 7 Abfahrt v. Nagoya mit üblichem Geleit. Um 10 Bahnhof Osaka. Wir sind alle halb verbraucht, selbst der junge excellente Kotsuka, den alle gern haben u. der eine große Person in Japan wird. Jetzt ist es ½ 12 nachts, u. ich weigere mich, vor morgen 12 Uhr zu fahren. Denn ich muß einmal
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| 2 Vormittagsstunden allein sein. Im Orient wird man zum Objekt ..... und im Occident?
Kraft ist das erste, was man hier braucht. Geduld das allererste. Nur nicht widerstreben! Du mußt Dich beglücken lassen u. ehren lassen u. beschenken lassen. Mein Ohrenleiden ist in Matsushima verschwunden, vielleicht durch Seeluft. Wie muß man Gott dankbar sein, wenn man dies Leben, Treiben, Essen, Trinken alles aushält! Es geht - aber der heimische Gegenwind ist wohl das Betrüblichste. Und doch - gegen den mache ich mich stark, aus Deutschtum. Denn der liebenswürdigste Freund in Japan macht den Ankömmling zum Objekt. Dies wollen wir von deutscher Seite nicht unterstützen. Z. B. man weiß hier nie, wohin man kommt, zu wem, was man soll, kann, - und wohin man eigentlich wirkt.
Dies nächtliche Gespräch zum 27. Juni.
Wie reizend, wenn in der Bahn ein Eisenbahnarbeiter im verbrauchten Gewand kommt und bittet, mit ihm Englisch zu sprechen, weil er in seinem Nest keine Gelegenheit hat! Alle Hôtelmädchen in Niigata legten ein Büchelein vor: "Autographs" <li. Rand> Die japanischen Kinder und Mädchen auf dem Land sehen aus wie man Hagenbeck sieht, und doch - mit welcher Herzensgrazie. Es ist entzückend.

<re. Rand>
10. [über der Zeile] 9. Juni früh! Innigste Grüße.
Es geht weiter.
Dein Eduard.