Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 21./22. Juni 1937 (Kyoto/The Miyako Hotel)


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<gedruckter Briefkopf: The Miyako Hotel, Kyoto.
Kyoto,>
21. Juni <19>37
längster Tag.
Sonnenuntergang 7.10.
Mein innig Geliebtes!
Soeben v. Tokyo hier eingetroffen; eigentlich nur zur Erleichterung der Reise nach Korea, die im ganzen 35 Stunden dauert. Zuletzt habe ich von Miyajima geschrieben, wo wir Wetterglück u. ein wenig Ruhe hatten. „Ein wenig“ - denn der Konflikt mit dem Geschenk war nicht angenehm. Am 15.IV. fuhren wir (im Stile Allensbach) ab; in Hiroshima (=Radolfzell) besuchte ich noch das Gymnasium, an dem der Sohn des Juristen Seckel (= Statutenrektor) tätig ist. Ich war in
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| 2 Klassen u. hielt Ansprache für die ganze Schule. Ebenso am nächsten Tag in Privat Kotogakko Kobe mit übertrieben liberalem Stil. Am 17. fuhren wir v. Kobe nach Tokyo. Unterwegs (= ca 10 Stunden) las ich die Prüfungsarbeiten der deutschen Schule. Omori. Am nächsten Morgen um 8 begann die Prüfung unter m. Vorsitz u. dauerte bis ½ 5. Um 6 mußte ich schon im Centrum der Stadt sein, um bei dem Vortragsabend 10 Min. zu reden, den man (eigentlich hinter m. Rücken) inszeniert hatte. Der Besuch war ziemlich schwach.
Sonnabend 19.VI. war Jubiläum, und da hättest Du Rundfunkwechsel [über der Zeile] Deutschland-Japan mit Musik hören können. Mein Name wurde dabei wiederholt sehr aner
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|kennend [über der Zeile] von beiden Seiten! genannt. Gleichzeitig große Tafel (200 Teilnehmer beider Nationen u. sehr verschiedener Formate.) Bei dieser Gelegenheit übergab ich Exc. Irisawa die eine Postkarte u. Adeles Erläuterung. Er hat sich ungeheuer gefreut, und wird vermutlich schon eine Gegengabe abgesandt haben, die m. E. die unscheinbare Postkarte übertrifft. Er ist ein feinster Esprit. Am nächsten Tage waren wir beim Rektor d. Univ. Exc. Nagayo eingeladen (großer Krebsforscher). Der bekam das Rezept u. die andere Postkarte. Freute sich auch, ist aber ein anderes Temperament.
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In Tokyo erhielt ich auch Deinen lieben Brief: Stichwort: Haarausfall. Betrüblich! Es gibt da ein übles, aber wirksames Zwiebelwasser. Die Japaner geben beim Frisieren auch eine ganz angenehme Kopfmassage mit.
Mein Ohrenleiden bin ich los. Aber Kotsuka und ich sind doch ziemlich verbraucht. Das ist rein objektiv, nach der Reise vom 31.V bis 17.VI. Für mich kommen subjektive F<Rest unleserlich> hinzu, die sich schwer schildern lassen. Das Klima ist nach wie vor ungewöhnlich gnädig. Aber wenn 2 Nationalstile durchgebildeter Art aufeinandertreffen, dann ist das "angreifend". Du darfst hier nie Ungeduld zeigen, auch nicht bei der
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| leersten Form. Das ist nicht meine Stärke. Gestern war ich wirklich beim Weinen, als sich - "die Sache zu sehr in die Länge zog". Er ist ja auch hier auf beiden Seiten alles mit Spannungen geladen. Aber hier herrscht die Form. Ich beherrsche, ja liebe sie. Aber: "hin und wieder, nicht zu oft". Wir haben hier also nur für 1 Tag Station gemacht. Hier ist der Badenser Trautz, der leider auch mit 1000 Ressentiments geladen ist u. seinerseits die Nase - gefüllt hat. Da kann man
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| auch nicht einfach ausruhen. Aber ich muß meine Berge von Post einmal in Ordnung bringen, wenigstens notdürftig. Das Wichtigste darunter ist eine halboffizielle Einladung der Chinesischen Regierung Nanking (durch m. Schüler Dr. Wang), unter den gleichen Bedingungen wie in Japan ½ - 1 Jahr zu dozieren (Wolfgang Franke ist übrigens in Peking.) Das geht ja nun kulturpolitisch nicht. Ich habe aber mit dem Botschafter darüber gesprochen. Vielleicht eine Rückreisestation? Wenn ich nämlich die Raben frage, die um den Kyffhäuser fliegen, dann ist es immer noch zu früh. Und die Chinesen soll man nicht unterschätzen
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| Se. Durchlaucht Fürst Urach, Reporter für den VB, übrigens ein ordentlicher Mann, will ein Bild von uns an den VB senden, das aus Yamada (Ise) stammt u. allerdings sehr japanisch charakteristisch ist
Im ganzen habe ich jetzt das Rezept: beachte jede Form und sei so heiter u. naiv wie möglich. Wenn Du einen Scherz machst, bist Du gleich in Kontakt. Das Tiefere gelingt selten. Wir erleben aber natürlich auch manches ernste Schicksal
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| mit. Der Sohn meines lieben Prof. Kuwaki (seit 1906 mir bekannt) ist gestorben, während der Vater in Europa weilte. Die Tuberkulose ist hier noch verhängnisvoll. Auch andres. Sus. traf hier eine ehemalige Schülerin, verheiratet mit tüchtigem Botschaftssekretär, aber wohl nicht - mongolisch. Fristlos entlassen, § polit. Unzuverlässigkeit. So etwas wirkt hier schlecht. Wird aber in Pausch (= Würstchen) u. Bogen exerziert. Wann wird man begreifen, daß chinesisches Porzellan zerbrechlich ist?
Die Bar schließt. Wir hatten eine schreckliche Eisenbahnfahrt heut.

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Kyoto, 22. Juni bei luftigem Sommerwetter.
Nachdem ich 7 Briefe geschrieben habe, nur noch einen kurzen Nachtrag zu den Zetteln von gestern. Unter den Briefen war auch die Kondolenz zum Tode von Gertrud v. Müller, geb. Scholz. Sie ist, nach einer Neujahrsnachricht v. Elis. v. Harnack, wohl demselben Leiden verfallen, wie ihre Schwester.
Kyoto ist doch immer ein liebes Bild, wenn man jetzt auch durch Fliegenfenster gucken muß. Man sagt: Florenzartig. Morgen Abend fah sind wir in Shimonoseki. Die Überfahrt erfolgt nachts. Am 24.VI. sind wir in Keijo (Chosenhôtel.) Da soll dann gleich eine Japan. Dtsch. Vereinigung gegründet werden. Nun, wenn wir den Konsul aus Dairen, mich u. Susanne mitzählen, kommen wir wohl auf 6 Deutsche.
Inzwischen habe ich an Dr. Wang wegen der Chinesischen Einladung einen langen Brief geschrieben.
Unsre Hauptadresse ist vom 5. Juli bis Ende August Hakone. bei Ishikawa Hakone-machi, Ashigawa, Kanagawa-Ken.
Es ist aber wohl das Beste, du bleibst bei "German Embassy". Dort wird richtiger umgeschrieben als auf kleinen Postämtern. Ebenso bleibe ich bei Rohrbach, da es ja noch
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| unbestimmt ist, ob und wann Deine Berliner Reise erfolgt.
Wolfgang Franke ist in Peking. Und in dem Nest Yamaguchi sitzt einer, den ich zuletzt auf dem Parnés bei Athen getroffen habe. Es gibt überall Bekannte. Über meine internationale Geltung kann ich jedenfalls nicht klagen.
Ich muß wohl endlich Schluß machen. Hat die Katze sich wiedergefunden? Viel innige Wünsche u. Grüße - auch von Susanne -
Dein
Eduard.