Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 7. Juli 1937 ( Hakone-machi, Ashigama bei Ishikawa)


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Hakone-machi, Ashigama
bei Ishikawa
7. Juli 37.
Mein innig Geliebtes!
Vorgestern Abend sind wir von Kobe erschöpft und zerzankt hier oben, 727 m hoch, im Fujigebiet eingetroffen. Der Nebel war so stark, daß das Auto kaum den Weg fand. Nachts ging ein Taifun, daß das Haus geschüttelt wurde. Dieses (gemietete) Haus ist nun ein rein japanisches Haus, mit 3 Räumen unten und 2 oben. Ich schreibe abends (nach unendlicher Schreibarbeit und Seelenschmerzen) auf einer durch Glasfenster markierten Veranda, von der wir heut im Morgensonnenschein flüchtig den See gesehen haben, der dem Walchensee vergleichbar ist. Aber es ist längst wieder alles in Wasserdampf getaucht. Obwohl 26° sind, empfinden wir es hier als luftig. Die Regenzeit ist noch nicht vorbei. In der Ebene ist sie ein ständiges "Heidelberg". Du bemerkst, wie das Papier beim Schreiben ausläuft. Die Haut leider auch.
Solch ein Haus ist doch sehr merkwürdig. Es ist ein Vorzug, daß alle Außenwände von Glas sind, sämtlich verschiebbar. Die Haustür kannst Du
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| mit einem Regenschirm einstoßen, aber doch mit Stiftschrauben davor beschützen, daß man sie nachts aufmacht. Alle Innenwände bestehen aus einem Gitterwerk von 2cm-Leisten, das mit weißem Papier überklebt ist, ausnahmsweise aus Pappe. Überall liegen Matten, die man eigentlich nicht einmal mit Slippers betreten dürfte (die jeder General in der Eisenbahn selbstverständlich trägt) Susanne erklärt, sie müsse wegen ihrer Füße doch Schuhe mit Einlagen tragen. Der Stil wird grob gestört a) durch 2 Betten b) durch einige Tische, Stühle u. sogar Sessel. c) durch elektrisches Licht. d) durch eine eigens eingebaute Sitzgelegenheit in der Toilette. e) durch European food f) durch Sorgen, die kein Japaner hat. Alles sehr sauber, luftig - nicht "mattenmuffig". Der Ort, der noch kaum sichtbar wurde, ist sauber, klein, still, obwohl er an der alten japanischen main-line "Tokaido" liegt. 550 Einwohner. Ein kl. europäisches Hôtel, ein paar Läden. Ein paar amerikanische und deutsche Sommergäste. Eine kaiserliche Villa. Ein Baumbestand, der alles im Schwarzwald übertrifft - sind es Cedern?? (Sugi) Kotsukas wohnen im übernächsten Haus. Wir haben eine sog. Studentin der sog. Frauenhochschule, die zwar Christin ist, aber zu unsrer Überraschung europäisch garnicht kochen kann, so daß Frau Kotsuka die wieder kein Wort Deutsch spricht, uns mitbedient.
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Alles wäre romantisch, mit - Wurst, Bier, Sake, wenigen Tellern, keinen Servietten u.s.w. - wenn man so jung wäre, die Gegenwart zu genießen, die Außenwelt auszuschließen. Die Außenwelt aber kommt schon in Gestalt von 1000 Motten, Mücken, Käfern. Es "könnte so still sein", aber es ist wie immer, wenn ich in die Erholung gehe (cf. Oberstdorf) - alles lastet doppelt und alles ist dunkel. Wenige Meilen von uns liegt dieser herrliche erloschene Vulkan, auf dessen Asche wir leben. Aber es gibt noch immer Schlünde, die Dreck speien - und leider nicht aus naher Nachbarschaft.

9. Juli, 12 Uhr bei 30° Schattenseite im Hause.
Also um kurz mit dem Thema abzuschließen: die deutsche Post war wieder so einheitlich unerfreulich gefärbt, daß man unter dem Gesichtspunkt fast Lust hätte, die Einladung der Chines. Regierung anzunehmen. Die "Erziehung" wird nun wohl ihr Ende nehmen. Nohls Ausscheiden gab den ersten Anstoß. Nohl, Fischer, Flitner sind eben "nichtarisch versippt", Litt kann nichts publizieren. Wer bleibt denn dann noch als Mitarbeiter? Aber lassen wir das heut! Noch unerfreulicher war ein angeblich gut gemeinter Geburtstagsbrief v. Gerhardt Giese. Nun - u. Wenkes Bericht! Mein Vertreter hat in der Vorlesung 5 Hörer.
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Allmählich findet sich m. über ganz Japan u. Korea verstreute Post (viel Geburtstagsachen) hier zusammen. Von Dir ist alles angekommen, mit Ausnahme des Blauen Buches. Das "hängt" noch irgendwo und wird sich schon noch finden. Herzlichen Dank. Die Sendungen an Prof. Uyeno kamen pünktlichst. Eine Heidelberger Karte habe ich eben an Irisawa gesandt. Übrigens Krehl †, und der mir besonders wohlgesinnte General v. Haeften auch. Ludwig leidet unter Blutdruckbeschwerden und Kriegsblasenschaden. Ja - man wird alt.
Hier ist nun wirklich nicht viel zu arbeiten, nicht einmal spazieren zu gehen. Gestern sind wir 2 Stunden gerudert. Aber leider: Ich muß vom 15.-17.VII nach Karuizawa, um auf der Tagung des NSLB, den das Geschenk leitet, einen Vortrag über "Epochen der politischen Erziehung in Dtschld" zu halten. Und vom 28.VII - 7.VIII. werde ich des Päd. Weltkongresses wegen wohl (allein) in Tokyo sein müssen. Das ist nun direkt gesundheitsschädlich!
Für Deine Reise wünsche ich gemäßigte Temperatur u. gute (ruhige) Stimmung. Alle Nachrichten v. Dtschld erzählen von der Hitze. Sonst haben wir seit 10 Tagen kaum eine engl. Zeitung gesehen. - Rührend war mir die Karte vom Vorstand. Danke ihm! Tante Tilly Koch kann nicht mehr selbst schreiben. - Ich gratuliere zu den "Bezügen". Es ist doch besser als ein paar ........
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Die Bilder sind von Miyajima. Das war ein Idyll. Aber Matsushima - hätte noch schöner sein können, wenn damals nicht gerade die Konflikte gewesen wären.
Ich will den Polarstern suchen, wenn wieder eine klare Nacht kommt. Heut hatten wir Scheinwerfer von den Bergen - anscheinend Übung.
Wenn der Sake nicht wäre - ich glaube, ich hätte keinen so dauernd guten Magenzustand. Überhaupt ist es erstaunlich, was wir physisch ausgehalten haben zwischen dem 5.IV. u. 5.VII. Wir sind in mindestens 15 verschiedenen Hôtels gewesen.
Die Virchowsachen haben gut gewirkt. Danke Adele noch einmal! Alle Dinge, die medizinische Erinnerungen sind (z. B. Autobiographien) sind hier gut zu brauchen. Denn die Mediziner sind hier unsere besten Freunde.
Es fehlt heut ein bißchen an akutem Stoff. Der Brief ist ja wohl auch schon lang genug.
Innigste Grüße von uns beiden.
Gute Gesundheit!
Dein
Eduard.

[] Ich habe in Japan bisher 59 Stunden (Vorträge, Vorlesungen, Seminare) abgehalten. An das A.A. habe ich soeben den 7. Bericht geschickt.