Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 13./18. Juli 1937 (Hakone-machi, Ashigawa, bei Ishikawa)


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Hakone-machi, Ashigawa, bei Ishikawa.
an Hermanns Geburtstag 1937
Mein innig Geliebtes!
Wenn Du diese Zeilen erhältst, wirst Du schon wissen, ob die ostasiatische Kriegsgefahr, die seit 3 Tagen besteht, gebannt werden konnte oder nicht. Es riecht hier sehr nach Serajewo. Zu Deiner Beruhigung: wir als Ausländer, zumal als Deutsche, fühlen uns hier natürlich als mitbetroffen, aber als Bewohner des höchsten Ordnungsstaates, den ich kenne.
Die Schatten vom Westen sind generell und personell immer noch schwerer. Das ist wohl psychologisch verständlich.
Aber das momentan Persönliche ist entzückend. Diese Sommerfrische ist eine der schönsten, die ich je gehabt habe. Um den See herum eine Mittelgebirgsscenerie. Viel Nebel über dem See, weil Regenzeit, aber maßvoller Regen, meist nachts. Nur kleine stille Orte am Ufer. Ich bin nicht weiter als 3 km bisher gegangen. Das "Überlinger Ufer" (10 km. Länge) ist absolut einsam. Ein Waldpfad, leider mit Schlangen. Nachm. liege ich stundenlang mit dem Kahn auf dem See.
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| Eine richtige Rousseauexistenz. Der See scheint ganz ungefährlich. Die Ufer sind buchtenreich. Man könnte – abgesehen von der Post – weltabgeschnitten sein. Niemand ist gekommen, außer "Beckers" am Sonntag, – er käufmännischer Jurist, hochgebildet, einsichtsvoll, sie bisher prakt. Ärztin in Hamburg-Bergedorf, etwas wortreich, und 3 Hunde dazu, z. T. Riesenformat, im Auto mit 4 Personen, Regen bis auf die Haut – nun ja! Die erledigte tatenreiche Periode gibt Recht zu fauler Existenz. Es "könnte" mal wieder alles unbefangen glücklich sein. Der Japaner scheint es zu sein. Wir nehmen die "Weltbezüge" mit, und so kommt nichts Ganzes heraus. Aber Kotsukas Rat und Wahl ist ideal

18.VII.
Unser Haus hat dem Regen standgehalten, während in der Nähe Buden verschüttet wurden und die Straße nach Numadzu unterbrochen wurde. Ich bin von Odawara gekommen, wo auch Bergrutsche stattgefunden haben. Selbst die Hauptbahn Kobe-Tokyo war zeitweise gestört – diese pünktlichste Bahn der Welt.
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Hakone,     18.7.36.
Inzwischen haben sich die Bilder wieder mannigfach gewandelt, und ich weiß nicht recht, wie ich alles auf eine kurze Form bringen soll. Heut traf hier Dein lieber Brief vom 29.6. ein. Gürtelrose ist keine gute Ausstattung für die "vorhabende Reise." Hoffentlich hat sie sich nicht entwickelt!
Ich bin am 15.VII. früh bei strömendem Regen nach Tokyo gefahren und – nach einigen Erledigungen dort – am Abend ½ 10 in Karuizawa (= jap. "Oberhof") bei Wolkenbruch angekommen. In K. ist jetzt unter Geschenks Leitung die NSLB.-Tagung. Dort hatte ich einen Vortrag zu halten über "Epochen der politischen Erziehung in Dtschld." Ich wohnte bei Herrn Redecker, Direktor der Deutschen Schule Omori, dessen Frau dort eine "Deutsche Pension" gegründet hat. Der Vortrag zündete sehr, auch bei den anwesenden Juristen, unter denen der Botschafter und zwei Generalkonsuln waren. Sonst deutsche Lehrer aus ganz Japan. Der Tag dehnte sich mal wieder aus von 8 früh bis abends 11. Zum Frühstück war ich beim Botschafter mit Kolb und Generalkonsul Wagner eingeladen; abends die ganze Gesellschaft zur Bowle, was mit der üblichen deutschen
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| Bezechtheit endete.
Der Tag war wieder typisch für die Situation, die für mich gegeben ist. Der B. eröffnete mir in wenigen Worten unter 4 Augen, sie hätten gehört, daß ich in Berlin pensioniert werden sollte. Daraufhin hätten sie beim W.A. angefragt und die Auskunft erhalten, davon könne keine Rede sein. Es liege auch ein Schrieben des R.M. für W. im gleichen Sinne vor. Also habe es sich um "haltlose Gerüchte" gehandelt. – Der Vorgang gab mir trotzdem zu denken und machte mich natürlich, wie Sus. es gleich bei m. Rückkehr richtig ausdrückte, "flügellahm." Zufällig kam heut ein neues Bild, insofern 1) Louvaris mir am 27.6. aus Göttingen schrieb, er habe wiederholt mit Minister, Staatssekretär u. A.A. gesprochen über mich und bestimmt gehört, daß meine Auslandsmission (die ich doch als paradox bezeichnet hatte) im Oktober enden solle. Er bewährt sich als Freund doch immer wieder herrlich. 2) kam ein Brief von Wenke, der vorher immer in Rätseln geschrieben hatte und nun riet, mit ihm die "Erziehung", die ich eigentlich preisgegeben habe, durchzuhalten. Bellum omnium contra omnes – Du kannst nie wissen, ob Du dabei in eine brauchbare oder gefährliche Konstellation kommst. Du weißt nur ganz genau, daß für Dich Ferienstille nicht 3 Tage dauert.
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In K. beurteilte man die ostasiatische Lage als noch ernst. Und zur Vervollständigung des Bildes: in K. erhielt ich ein Telegramm am 16.7. abends, daß durch die schweren Regengüsse die Verbindung nach Hakone gestört sei. Es haben schwere Erdrutsche stattgefunden. Der See ist um 1 m gestiegen. Trotzdem kam ich gestern Abend glatt durch (Omnibus steigt auf 1½ Stunde Fahrt 700 m.) Heut Nachm. konnte ich wieder 3 Stunden rudern und der Fuji war – zum 1. Mal in 13 Tagen – sichtbar, zum 1. Mal seit Ankunft in Japan fast ohne Schnee. "Vielleicht" – das deutsche Lieblingswort der Japaner! – ist mit diesem Guß die Regenzeit vorbei.
Ich will nur hinzufügen: der, der mir jene Nachricht mitteilte, ist in noch weniger beneidenswerter Lage. Darüber läßt sich aber nichts schreiben. – Meine Mission in J. darf als voll geglückt gelten, selbst wenn jetzt Störung folgt. China kommt wohl auch nicht für flüchtigen Besuch mehr in Betracht. Es ist also mit Ankunft in Genua um den 15.XI. zu rechnen.
Viele Geburtstagsgrüße kommen erst jetzt. Das blaue Buch scheint endgiltig verirrt zu sein.
Für die nächste Zeit ist noch der leidige Kongreß in Tokio zu erwarten, "vielleicht" das unangenehmste Stück meines Programms. Es kommt eine Delegation von 4 Deutschen (am 28.VII in Yokohama.)
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Kotsuka stellt jetzt 7 kulturphilosophische Vorträge zu einem japanischen Buch zusammen. Ich mache hier noch weitere. Schon jetzt sind ca. 12 in Japanisch da. Trautz hat – verärgert seinen Abschied eingereicht. Bohner hat – verärgert – die Professur in München nicht angenommen.
Frommherzens haben am 27.6. wieder geschrieben. Frau Witting muß eine Pflegerin haben. – Meine Akademieabhandlungen müssen großenteils neu gedruckt werden. Meine Gedanken sind auch hier ständig in Bewegung.
Ich schicke diesen Brief versuchsweise über Hermanns Adresse. Obwohl er hier erst in 3 Tagen abgehen kann, spart dies vielleicht 3 Tage Zeit. Photographien, die für Dich bestimmt sind, füge ich lieber nicht bei, weil solche Einlagen manchmal den Transport gefährden. Als Drucksache kann ich sie auch nicht schicken, weil ich Erläuterungen auf die Rückseite schreiben muß.
Es ist doch ein entzückend liebenswürdiges Volk. Als Susanne v. Tokyo kam, hat der Omnibus sie bis vors Haus gefahren, weil alles unter Wasser stand. Als ich heut vor 8 Tagen ohne Schirm naß geworden war, hat mich ein <re. Rand> japanischer Herr von einer Landpartie mit einem Tuch sorgsam abgetrocknet, u. man kann nicht einmal ein paar Dankworte sagen. Alle Kinder der Nachbarschaft sind schon mit uns vertraut. Einmal als – nach Landesart vergnügt – <li. Rand> ein Trauerzug sich formierte, fand ich Susanne in einem ganzen Schwarm solcher graziösen Wesen am Wegrand sitzen – ein reizendes Bild.
Innige gute Reisewünsche. Stets Dein Eduard.