Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 1./4. August 1937 (Tokyo/Sanno Hôtel)


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<Gedruckter Briefkopf: The Sanno Hotel
Tokyo, Japan>

1. August 37
nach 10 Uhr abends.
Mein innig Geliebtes!
Ich bin heut in knapp 4 Wochen zum 3. Mal von Hakone nach Tokyo heruntergekommen - ein geringes Vergnügen in dieser Jahreszeit. Diesmal für den morgen beginnenden Internationalen Pädagogischen - Friedenskongreß. Das hindert nicht, daß diejenigen, die es hier angeht, von Kriegsbegeisterung erfüllt sind wie 1914. Sehr viele fühlen sich aber noch garnicht betroffen.
Heut bin ich nicht mit der Eisenbahn gekommen, sondern im Auto mit den Freunden Dr. Becker u. Frau (sie - jung verheiratet - bisher prakt. Ärztin in Bergedorf. Sie hatten uns gestern (z. 2. Mal) in H. besucht.
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| Dort wurde das Seelenfest gefeiert, bei dem jede verstorbene Seele eine Kerze erhält, die in einer Laterne auf einem Brett auf dem See hinausschwimmt - mit illuminierten Schiffen, Feuerwerk u. Volksvergnügen. Heut Vorm. schon haben wir eine 4stündige Autofahrt ans Meer in der sog. Riviera gemacht. (Mito, entgegengesetzt zu Atami.) Um ¾ 6 haben mich Beckers dann mitgenommen und um ½ 9 sind wir via Yokohama in Tokyo gewesen. Man sieht dabei ein großes Stück japanischer Landschaft u. endloser Stadtschaft. Aber mein Koffer, der längst vorher mit Bus und Bahn gegangen war, ist nicht angekommen. Und das kennzeichnet die Lage: seit Anfang Juli geht im kleinen u. im großen nichts mehr glatt.¹) [li. Rand] Koffer kam pflichtschuldigst 10 Min. vor Mitternacht.
Man empfindet bei diesem
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| Klima alles auch subjektiv schwerer. Die offizielle Regenzeit ist nicht recht zur Entwicklung gekommen. In Hakone, ohnehin einer Nebel- u. Regenecke, war kaum ein Tag ohne Regen. Es ist dann auch erträglich kühl. Aber alles schimmelt, der Anzug, der frei am Haken im Zimmer hängt, jeder Gebrauchsgegenstand. In Tokyo regnet es weniger; aber es ist gewittrig ohne Lösung. Man mag nicht 10 Minuten zu Fuß gehen. Gesunde Hitze wäre erträglich. Diese feuchte Schwüle aber ist ein dreifaches Heidelberg. Man verliert die Spannkraft schon so - und dazu kommt dann die objektive Situation. Denn mit einer geordneten Fortsetzung der
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| Wirksamkeit in den verbleibenden 2 Monaten ist es aus - obwohl die Japaner (u. andere) der Meinung sind, daß es zu keiner vollen Entwicklung des Krieges käme u. daß das die Akademiker nur indirekt angeht.

4.VIII
Man ist aber hier ganz vergnügt und gesellig. NB es sind 4 deutsche Delegierte gekommen, von denen keiner mehr Englisch kann als ich. Sonst passable Leute. Vom Propagandapabst außerdem ein "Nichtkonzessionierter", der früher m. Schüler gewesen ist. Auch Haushofers Sohn ist eingetroffen. Gestern waren wir alle beim Botschafter zum Frühstück.
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Tokyo, 4. August 37.
Jener Nachtgesang ist längst überholt. Seitdem kam die Plage der Tage, - bei dieser afrikanischen Hitze und diesem amerikanischen Kongreß und diesem deutschen Durst. Aber ich kann - besonders über das zweite, - nicht schreiben. "Es würde zu weit führen." "Im Grunde" mache ich hier keine schlechte Figur, selbst auf dem Kongreß nicht, obwohl das v. Susanne eingeführte neue Bekleidungssystem mich mehr stört als befreit. Die Japaner haben mich gern, und jeden Augenblick erkennt mich ein anderer wieder - aus Nagoya oder Niigata oder sonst wo. Aber ich kann heut nicht schreiben. Diese Zeit ist zu anstrengend.
Also kurz: das blaue Buch ist angekommen; es hat 5 Wochen hier im Sanno-Hôtel gelegen, zusammen mit 1 "gift" des Kaiserl. Leibarztes Nishikawa. Dann habe ich Deinen lieben Brief aus Berlin vom 14.VII (Besuch in Dahlem)
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| etc. erhalten. Ich bin neugierig wo Dich mein nach Stolp adressierter Brief erreicht. Zerhacke Rügen in 150 Inseln, u. Du hast: Matsushima.
In Japan Gast sein, d. h. ewig beschenkt und bewirtet werden, auch bei diesem 3000-Menschen-Kongreß. Ich habe mir kurz vor Beginn noch Goldkrone abgebissen, die eigentlich Obergebiß hält. Es geht zur Not noch so weiter. Denn ich möchte doch bei dieser Temperatur keine Behandlung in Tokyo anfangen.
Also mein Schluß mit treuesten Wünschen für Deine Reise. Mein Tag dauert heut noch sehr lange, und vor dem 7. VIII komme ich kaum nach Hak. zurück.
Innige Grüße
Dein
Eduard