Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 18. August 1937 (Hakone-machi)


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Hakone-machi, den 18. August 37.
Mein innig Geliebtes!
Es sind heut in diesem kühlsten Ort der japanischen Temperaturentabelle 31° C, und dementsprechend ist die Neigung zum Schreiben nach Erledigung der 8 Ms.seiten in den Frühstunden nicht sehr groß. Auch ist nicht viel Besonderes mitzuteilen. Ich möchte aber die Sibirienpost, die morgen geht, zu einem Gruß benutzen. Gestern kam Dein lieber Brief vom 29. Juli, der zweite aus Rügen. Es geht uns also wieder beiden gleich: der Aufenthalt könnte sehr schön sein - aber. Bei Dir ist das "aber" das Befinden von Inge. Bei mir der Wind vom Westen, der fast nie Gutes bringt und den man angesichts des Rückreisetermines doch stärker beachtet. Ich hoffe, daß die Sorge wegen Inge längst vorüber ist, daß es in Stolp schön war und daß Du gesund wieder zu Hause angelangt bist, wenn dieser Brief eintrifft.
Rügen haben wir beide zu spät entdeckt. Es gibt dort doch sehr reizvolle Landschaften und Stimmungen. Und die Insel im Süden ist ja wohl nun ganz Kraft durch Freude geworden. Aber 1934 wolltest Du nicht.
Ich bin kurz vor Schluß des Kongresses am 7.8. ganz erschöpft hier angekommen. Seitdem haben wir sehr still gelebt, nur einmal Besuch gehabt. Von 8 - ½ 11 wird gearbeitet (am Druck meiner Vorträge u. an einem religionsphil. Vortrag für buddhistische Kreise, abgesehen von Korrespondenz nach allen Weltteilen zum Schrecken der Post.
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| Um ½ 11 Speech mit Kotsuka. Um ½ 1 "informal dinner", Ruhe bis 2. Am Nachm. Rudern. Es war aber oft recht stürmisch, und jeden Abend beinahe legen sich die Wolken dicht auf den See.
Die Wirren in China sind erheblicher, als man auf jap. Seite zunächst gedacht hat. Jetzt wird die "Gneisenau" Shanghai kaum angelaufen haben. Auf das Hôtel, wo wir damals einkehrten, sind aus Versehen Bomben geworfen worden. (In Hongkong ist die Cholera. Ich habe versucht, mit Wolfgang Franke in Peiping Fühlung zu bekommen, und habe ihm angeboten, zu uns zu fahren, falls er ein refugium braucht. Sehr unangenehm für die Eltern. - Ob m. chinesischer Schneider in Tokyo die 2 Hosen schickt, die er ändern sollte - auch dieser Weltknoten ist noch ungelöst.
Der Vater der Geschwister Kiehm (Leipzig, Hospitalstr. 25) ist mit 89 Jahren gestorben. Litt schreibt ganz negativ. Aloys Fischer u. Jaspers sind pensioniert. So geht es weiter. Für die "Erziehung" scheint (?) das A.A. sich interessiert zu haben. Ich weiß ja nur Bruchstücke.
Hier sind etwa 20 Deutsche, mit denen wir aber keine Bekanntschaft haben. Hingegen hat sich Susanne als Ortsphotographin gratis aufgetan. Ihre Kundschaft unter den Kindern unserer Straße (u. den alten Hexen) ist unübersehbar. Die Szenen sind oft reizend. Für Sus., die gern viel gehen u. klettern möchte, ist der Aufenthalt etwas monoton. Ich halte m. Kräfte zusammen u. scheue die Schlangen im Bambusgras. Alle Fußwege sind hier schnell verwachsen. Im Hintergrund des Ortes sind doch schreckliche Spuren des Erdbebens 1923.
Ich werde zum Essen gerufen, das unsre philos. Köchin zusammenphilosophiert hat. Innigste Grüße u. Wünsche
Dein Eduard.