Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 31. August, 2./3. September 1937 (Hakone)


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Hakone, 31.VIII.37.
Mein innig Geliebtes!
Seit meinem vorigen Brief hat sich hier nichts Neues ereignet, wenn man so sagen darf angesichts der m. E. sehr weittragenden Ereignisse in Shanghai und in der ostasiatischen Politik überhaupt. Aber jeder nimmt ein wenig die Färbung seiner nächsten Eindrücke und Erlebnisse an. Deine Briefe aus Rügen und aus Stolp (8.VIII.) spiegeln den Lebensrhythmus der dortigen Welt; meine Stimmung steht ganz unter dem Zeichen, daß der West nur trübe Kunde bringt. Jeden Abend fast kommen hier vom Pacific her Nebelschwaden, die sich über die Berge auf den See hinabwälzen. So lagern sich die Nachrichten vom Westen im großen und kleinen über meine Seele, und was beglückende Aussicht sein könnte, wird zur Beklemmung im voraus.
Auch darin sympathisieren wir, daß das Herz seine eignen Wege geht. Ich habe hier manchmal die depressiven Träume, die den Schlaf zu einem gefürchteten Zustand werden lassen, und wenn ich dann aufwache, muß ich lange umhergehen, wie zuerst damals, als ich mich mit Felicitas auf der Walchensee-Tour überanstrengt hatte.
Dies ist nun der japanische Walchensee.
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| Wir sind hier eben (727 m) fast jeden Tag im Hause auf 30° C gekommen. Ich arbeite mindestens bis ½ 11 und dann wieder von 8 an. Nachm. rudere ich gern in den Buchten und Öffnungen des Sees; meist in Betrachtung und Gemächlichkeit, oft auch gegen den Sturm und im Gemenge der Wogen von Wind und Mootorbooten. Susanne genießt die Natur hier weniger als ich. Sie braucht Bewegung, leidet unter dem bekannten und dem stärker werdenden altersgemäßen Zustand. Der Ausgleich ist nicht immer leicht zu finden. Ich habe wenig Kraft zum Gehen und scheue das Bambusgras auf den verwachsenen Pfaden, in einer Gegend, die durch ihre Giftschlangen berühmt war. Aber das weiß ich schon heut: wir werden uns nach diesem stillen See, nach diesen farbigen Bildern, nach den Lichtern bei stiller Nacht, nach der Dorfstraße mit ihren Kindern und ihren Toten und ihren eingezogenen Kriegern sehnen, wenn einmal vergessen ist, welcher Westwind auch dieses Land für uns verpestete. Und ich meine [über der Zeile] glaube fest: die japanischen Buddhisten, von deren seltsamen Sekten ich jetzt viel lese, meinen eben diese Bilderwelt mit "Nirwana": das seelisch Beglückende ohne den Stachel zeitlicher Zufälligkeitserlebnisse. Susanne und ich waren oft garnicht in diesem Nirwana. Das Klima ist für uns Deutsche angreifend, obwohl hier nicht extrem (aber ich war unten!)
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| Susanne und ich brauchen heut physiologisch Entgegengesetztes: ich keinen Zug, kein Bergsteigen, keine Ratschläge, die meiner Selbsthygiene fremd sind. Ich kann nicht mitmachen, was sie möchte und braucht. Denn ich muß auch hier geistig die Hauptkraft ausgeben. Und nun ist zum 1. Male die Lage so, daß wir beide allein entscheiden könnten, wie wir den Tag gestalten wollen. Dabei geht es dann so, daß keiner von uns beiden fühlt: dies Hakone ist das größte Glücksgut, das uns in unsrem schmerzlichen Leben je beschieden worden ist und das nie wiederkommen wird. Und so ist eben der Mensch: er tritt immer wieder auf den Rasen.
Heut waren wir auf m. Initiative in der "Hölle" - fast 1000 m hoch, vulkanische Reste, Pestgestank von Schwefel, rauchend, unheimlich. Sturm und Regen trieben uns hinunter. Das Motorboot kämpfte gegen ungewohnte Sturmflut. Aber - und das ist Japan, seit es 1923 geschüttelt worden ist - es kam nichts, und nun staubt es wie vorher auf der uralten Straße, die nach Korea-China, Mandschurei, Rußland führt.

2. September.
Heut ist nun auch die längst erwartete Nachricht von Litt gekommen, daß er emeritiert worden ist. Auf eignen Antrag. Was soll man dagegen sagen?
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| Bei Nohl, Al. Fischer, Jaspers, Delekat und vielen anderen war es nicht so und bei Flitner, wo es unvermeidlich kommt, wird es auch nicht so sein. Ich bin noch da - man sagt: gefestigt - aber in welcher Einsamkeit! Wenke - rätselhaft schweigsam - hat sich anheischig gemacht, die "E." mit mir allein weiterzuführen. Hoffentlich hat er die Idee. Ich habe sie nicht.
Ich arbeite hier noch immer weiter im deutschen Sinne. Aber welche Antwort gebe ich auf die Fragen: Husserl, Ernst Hoffmann, [über der Zeile] Jaspers, Jäger (hier nicht brennend), Köhler und so viele andere, auf die wir nicht einmal Gewicht gelegt haben? Ich bin ärmer bei der Rückkehr als beim Auszug. Als ich ging, hoffte ich, und hier hat sich alles erfüllt. Aber in welchen Kreis kehr Odysseus zurück? Und wie muß er es empfunden haben, daß alle Gefährten im Seesturm umkamen, nur ihm die Heimkehr beschieden war?

3.IX.37.
Das ist ein trüber, aber aufrichtiger Brief. Heut hatten wir deutschen Besuch. Am Sonntag 5.IX. gehen wir hier fort, nach Tokyo. Ich muß meine vollständig defekten Zähne notdürftig reparieren lassen. Am 13.IX. beginnen die restlichen Vorträge. Wir wollen und müssen auch noch nach Kyoto, Nara und Koyasan (= Bergkloster von 1100 Jahren), auch auf das letzte "redend." Da ich die neue Adresse vom Vorstand nicht weiß, lege ich eine Karte zur frdl. Weiterbeförderung bei.
Ich habe hier ca 150 Seiten neuen Vortragstext geschrieben. Kotsuka kommt mit der Übersetzung kaum nach. Auch viel Deutschlandpost mußte einmal erledigt <re. Rand> werden. Die Potsdam soll am 18.X. von Kobe gehen. Z. Z. sind allerdings alle Fahrpläne hier gestört. Ich schätze Ankunft in Genua (untorpediert) auf den 17.XI. und Begegnung kurz in Heidelberg am 19.XI., Diltheys 104. oder 105. Geburtstag. Mein 25. Ordinariats<li. Rand>jubiläum ist ein Trauerfest. Bis zum 28.IX könntest Du noch nach Tokyo schreiben. Dann an den Agenten des deutschen Lloyd für die Potsdam nach Colombo oder Port Said.
<Kopf>
Innigste Wünsche u. herzliche Grüße Dein oft tief hoffnungsloser Eduard.

[re. Rand S. 2] Wir machen jetzt den 1. Band meiner Vorträge (8) auf Japanisch fertig.
[li. Rand S. 2] Du mußt immer dafür sorgen, daß die Miete ganz pünktlich bezahlt wird. Sonst kommen Entzweiungen wie mit Herrn Künkler. Reicht der Fonds noch bis Ende des Jahres?