Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 25./26. September 1937 (Nara)


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Nara, 25.9.37.
spät.
Mein innig Geliebtes!
Leider wird das wohl der letzte "Brief" aus Japan sein. Denn die Schnur der Abreisepflichten und -festlichkeiten wird immer enger. Ich bin schon ziemlich kaputt von Tokyo (am 19.IX.) abgereist. Die Notwendigkeit, einen Aufsatz für "Wenkes" Zeitschrift zu schreiben, erforderte mitten in den japanischen Angelegenheiten und mitten in dem verdunkelten Hôtel (Luftschutzübung) unverhältnismäßig viel Kräfte. Kyoto hat als Gegengewicht gegen seinen unbeschreiblichen romantischen Reiz immer ein schwieriges Klima. Wir haben dort noch ein paar herrliche Tempel neu gesehen. Für die Sekte, die zu Nishi-Hongwanji
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| gehört, hielt ich am 21.IX. in der Ryukoku-Universität vor den üblichen 5-600 einen religionsphilosophischen Vortrag. Nachher empfing uns der junge Fürstabt Graf Otani, Vetter des Kaisers [über der Zeile] (!), zum Tee in dem wundervollen Garten seines "Bischofssitzes". Es wird bezeugt, daß der junge Graf von uns einen guten Eindruck empfangen hat. Er versteht (als hiesiger Dr. phil.) etwas deutsch und ich verstehe nun schon auf deutsch das zu sagen, was dem Japaner wohltut.
Zum Frühstück hatten wir die guten Freunde Naruse, Nogami, Yukiyama bei uns (die halbe japanische Goethegesellschaft.) Trautz war krank. Den persönlich reizenden Zahnarzt Dr. Saito besuchten wir auf der Fahrt zur Bahn - und so ließen wir Kyoto,
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| diesen spirituellen Ort, hinter uns. (For ever)
Hier in Nara mußte ich viel am vorletzten Vortrag für Tokyo schreiben; Susanne abschreibend immer hinterdrein. In dem Riesenhôtel sind etwa 10 Leute (Krieg!) und die Stille des Ortes erinnert an Reichenaustimmung, obwohl hier nicht 3, sondern unübersehbar zahlreiche Tempel synchronisch mit der Merowinger- u. Karolingerzeit zu finden sind. Am 3. Hochzeitstage genossen wir den Bergwald im Urwaldstil, der an den Narapark mit den sacred deers anschließt, und sahen die Sonne über Flußwindungen und mäßigen [über der Zeile wiederholt] mäßigen Höhen niedergehen. Nara ist unaussprechbar. Wir werden vieles nur als Bild in der Erinnerung haben. Nara ist das ganze katholische Süddeutschland. Nara - auch das alte Hôtel - ist Friede
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| im Krieg. Der Herbstmorgen wird zum Sommermittag. Die Landschaft ist nichts gegen die Tempel in 10 Meilen Umkreis, und die Tempel sind nur Modifikation der Landschaft.
Seit Kyoto folgen uns die besten deutschen Freunde (bis zum Koyasan, dem Athos Japans), Dr. jur. Becker und Frau. Sie bisher Ärztin [über der Zeile] Bergedorf, jetzt mit ihm, einer feinsinnigen Natur, nach Japan verheiratet; die Frauen unter sich verbunden, ein wenig retardierter die Männer, wie's zu sein pflegt. Aber doch die einzige deutsche freundschaftliche Bindung gegenüber vielen japanischen Beziehungen, die relativ sehr wohl den gleichen Namen verdienen.
Heut geht es nicht mehr, wie Du siehst. Ich bin überhaupt dicht vorm Ausverkauf.

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26.IX.
Wir haben heut im Beckerschen Auto noch 3 wundervolle Tempel, z. T. in verfallender Einsamkeit, besucht. Der Prinz Shotoku-Taishi (ca 650 post) ist der Name, den Du auch behalten mußt. Er hat, wie Karl d. Gr., Kirche und Staat zusammen gebracht. Und das war ein Gnadengeschenk der japanischen Geschichte. Was lebt davon noch? - Bombenflugzeuge! Aber Nara, Nara ist unaussprechlich, und wir werden uns den Rest des Lebens danach sehnen. Hier liegt der zarteste Zauber über historischer Landschaft. Die Steinlaternen leuchten vor der Tempelherrlichkeit. Die östliche Humanität (mindestens von Japan) ist hier geboren. Der Tempel Horyu-ji ist eine traumhaft schöne Welt.
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Wir - alle 4 -sind ziemlich kaputt. Morgen geht es auf das Bergkloster Koyasan (Vortrag). Am 29. abends sind wir zur Schlußkampagne in Tokyo.
Meine Frau, sonst Susanne gelangt[über der Zeile] nannt, verlangt, daß ich Dir genau sage, wann wir in Heidelberg (wohl Europäischer Hof) eintreffen werden. Das kann ich natürlich noch nicht. Es ist sicher, daß wir nach der Landung in Genua bis zum nächsten Morgen bleiben müssen, schon um Fahrkarten zu bekommen. Wir werden dann telegraphieren. Unser Besuch kann nur kurz sein, weil ich ja in Deutschland als "Hinterbliebender" gleich wieder anfangen muß. Was wir im Mittelmeer erleben, ist so ungewiß wie die Situation um Hongkong. - Aber wir sind durch
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| Sicherheitsgefühle hier sehr verwöhnt.
Es ist nur noch der große Rubikon der letzten Tage hier. Auch Liebe kann erdrücken. Aber es wäre ein schöner Tod, den wir ja in - Europa kaum sterben würden.
Ich schließe energisch. Mit viel innigen Grüßen
Dein
Eduard.