Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 10. Oktober 1937 (Kobe/Hafen)


[1]
|
<Gedruckter Briefkopf: Norddeutscher Lloyd Bremen
D. »Potsdam«>

im Hafen Kobe 16.X.37. früh.
Mein innig Geliebtes!
Gestern Abend um ½ 11 sind wir auf das Schiff gekommen - ich wenigstens bis zur Verzweiflung übermüdet und überreizt. Vom 29.IX. bis 9.X. habe ich noch 5 Vorträge gehalten, davon 2 zum ersten Mal. Vom 5.X. bis 13.X. habe ich 8 Abschiedsessen empfangen u. mitgemacht: Botschafter, Botschaftsrat, Institut, Hisada (Haradastiftung), Gesellschaft für internationale Kulturbeziehungen, Gesellschaft für Natur- u. Völkerkunde Ostasiens, Kaiserl. Akademie d. Wiss., Jap. Außenminister Hirota. Susanne hat das Packen von 13 Kisten organisiert. Besuche sind von morgens um 8 bis abends ½ 10 gekommen. Abschiedsbesuche in der endlosen Stadt, z. T. mit Austragen des
[2]
| Buches, das gerade noch am 12.X. fertig geworden war. Wenn alles nicht so furchtbar anstrengend gewesen wäre, so wäre es ja auch sehr schön gewesen: diese persönliche Liebe und Anerkennung, die ich mir errungen habe. Die geistigen Spitzen haben mich im Hôtel besucht, bis zu dem entzückenden 82jähr. Inouye. ([über der Zeile] Marquis Okubo. Der Rektor der Kaiserl. Univ., der Präsident Hisada, der Graf Kabayama von der Kulturgesellschaft), der Graf Koyama u.s.w.) Das Festessen vom Institut war wohl von 120 Prominenten besucht. Beim Abschiedsessen des Botschafters erneuerte sich leider sein Asthma; er ist bis heut sehr krank. Überall mußte ich natürlich nach dem Essen Ansprachen improvisieren, z. T. von ½ Stunde Länge.
Gestern um 1 sind wir von Tokyo Hauptbahnhof abgefahren. Nach hiesiger Sitte, der man nicht entgehen kann, kamen alle mit, die irgend Zeit u. Interesse hatten, Japaner
[3]
| und Deutsche. Es waren wohl 200 Menschen am Wagen, darunter wieder alle Spitzen, auch der Kultusminister Hirao, der mich s. Z. empfangen hat. In ½ Stunde alle erkennen, jedem etwas sagen, Handschütteln, Geschenke u. Blumen in Empfang nehmen ...... es ging über die Kraft. Kotsuka assistiert mit immer gleicher Ruhe. Aber es ging so weiter, obwohl dann nur mit kleinen Zahlen: in Yokohama, Nagoya, Kyoto, Osaka. Dazu kamen nun immer noch mitgebrachte Geschenke, die in keinen Koffer hineingehen. Den Berg von Blumen mußten wir teilen.
Marquis Okubo hat in seiner feinen, zarten Art in s. Ansprache auch Susanne gefeiert, ganz gegen japan. Gewohnheit, aber so schön, daß "ich selbst" es nicht schöner hätte sagen können.
Am Sonntag Abend habe ich außerdem noch ein kleines Essen für die Institutsmitarbeiter und die Austauschstudenten gegeben. Du siehst: es war keine Minute frei zum Schreiben auch nur
[4]
| einer Karte. Deine beiden lieben Briefe, die noch eintrafen, habe ich im Augenblick nicht greifbar. Der letzte - war m. W. vom 21.IX. Innigen Dank.
Ein Teil der Festessen war auch von dem Generaldirektor Kümmel (Museum Dahlem) u. dem Reichskanzler a.D. Luther besucht. Letzterer ist ein charmanter Mann. Der erstere reist mit - na ja. Ebenso der Sohn von Haushofer. Das Schiff geht morgen Abend um 6. Tomoeda u. Frau, Kotsuka u. Frau werden bei der Abfahrt da sein; ich fürchte, daß sich noch der ganze Kreis Kyoto, Osaka, Kobe sammeln wird. Ich "fürchte" - denn es geht nun bald nicht mehr. Bis auf einen Schnupfen bei mir sind wir gesund. Aber vorgestern Nacht habe ich doch ein kleines Gemütsversagen gehabt. Der Abschied vom treuen Kotsuka wird mir sehr schwer. Er hat fast noch mehr gearbeitet als ich - immer gleich besonnen u. praktisch. - Wir legen doch in Hongkong an. Verzeih diesen konfusen Brief. Es ist die letzte Gelegenheit via Siberia. Bleibe gesund, sei innig gegrüßt. Ankunft Heidelberg Europ. Hof wird telegraphisch gemeldet. Innigst
Dein Eduard.