Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 26./27. Oktober 1937 (Dampfer "Potsdam")


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Dampfer "Potsdam"
26. Oktober abends
Meine innig Geliebtes!
Dieses Blatt kommt vielleicht noch vor dem Brief aus Kobe (16.X.) und dem Gruß aus Hongkong an. Wir sind jetzt schon 9 Tage bei schönstem Wetter unterwegs, hatten in Hongkong und Manila Hafenaufenthalte, denen allerdings der Reiz der ersten Sicht fehlte, und steuern eben bei angenehm milder Abendluft auf Singapore zu. In der Kabine sind allerdings konstant 30° und die Laune manchmal entsprechend.
Anfangs habe ich noch Stöße von Dankbriefen etc. geschrieben. Jetzt wird das schwerer möglich. Wir haben einige
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| Radiotelegramme erhalten, - so noch heute früh vor 7 - vom japanischen Viceaußenminister mit anerkennender Danksagung.
Gesellschaft auf dem Schiff ist taliter qualiter, wie immer. Darunter ein amüsanter alter General und viel Diplomatiedamen. Man wird in Ruhe gelassen und geht um solche Getränke, die zu viel Alkohol enthalten (wie Gilka, Kümmel u. dgl.) herum. Der Sohn Haushofer ist auch auf dem Schiff.
Wir bringen hunderte von bunten australischen Vögeln in engen Käfigen mit. Jeden Abend entkommen ein paar. Sie fliegen dann um das Schiff. Wenn sie es verlieren, sind sie rettungslos verloren. Ihre Daseinsmöglichkeit
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| ist also an die Heimat gebunden, auch wenn sie ein Käfig ist.
Wir werden diesmal eine Autofahrt ins Innere von Sumatra machen (von Belawan aus). Die Ankunft in Genua wird jetzt auf den 13. November angegeben. Aber wir werden wohl 1 Tag in Genua bleiben oder sonst die Fahrt retardieren. Mit dem Übergang in das andere Klima muß man vorsichtig sein. Ich habe von Tokyo her eine Erkältung, die immer noch nicht fort ist. In meinem Telegramm v. Basel oder Luzern wird die Treffzeit angegeben sein. Wenn wir Mitternacht in Heidelberg ankommen, dann erst am nächsten Morgen 10 Uhr im Europäischen Hof; sonst an der Bahn. Man soll sich aber nicht in erschöpftem Zustand zuerst begegnen.
Aus der 1. Gefahrenzone sind wir heraus. Wir sind nur einmal vor
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| Hongkong von japanischem Kriegsschiff mit Scheinwerfer beleuchtet worden. Der Schiffsverkehr scheint geringer als im vorigen Jahr. Shanghai, der wichtigste Hafen, fällt eben immer noch aus. Uns ist es immer doch noch merkwürdig, so im Chinesischen Meer oder der Straße von Malacca zu schwimmen, - oder am Land nun wirklich unter Palmen zu wandeln. Manila hat wunderbare Alleen und Villenviertel.
Morgen früh um 6 Singapore. Dort ist der Botanische Garten obligatorisch mit den Affenfamilien, die einen so üblen Charakter haben.
Du siehst: viel Stoff zum Schreiben ist nicht, es sei denn, daß man auf Welttelegramme käme. "Aber das ist ein weites Feld"   Innigste Wünsche und Grüße.
Dein sich täglich wieder nähernder
Eduard

[li. Rand] Wegen der Cholera in Hongkong mußten wir vor Manila in eine stille Bucht zur Quarantaine einlaufen. Das war wunderschön farbig und sonnig.

Singapore, 27.X.  ½ 8 früh.
Soeben erhalte ich Deinen lieben Brief. Das hat vorzüglich geklappt. Herzlich erfreut u. dankbar.[über der Zeile] (zugleich im Namen v. Susanne.)