Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 22. November 1937 (Berlin/Dahlem)


[1]
|
Dahlem, 22.XI.37.
Mein innig Geliebtes!
Für 3 Briefe habe ich Dir zu danken, denn ich fand hier auch den letzten nach Japan gerichteten noch vor, der mich in Kobe nicht mehr erreicht hat.
Ich bin glücklich, Deine Wohnung nun zu kennen und mir eine Vorstellung von Deiner Existenz machen zu können. Lage und Haus finde ich sehr schön; die Räume selbst etwas beengt. Aber für Deine Größe ist das die richtige - "Umwelt", "vielleicht".
Wir sind fast mit 1 Stunde Verspätung in Berlin eingetroffen. Wenke hatte sich am Bhf. die Füße kalt gestanden. Zu Hause warteten 2 Schwestern, 1 Schwägerin, 2 Nichten, Frl. Rauhut und Hennings. Der Trubel half gut über die Schwellengefühle hinweg.
[2]
|
Am 1. Morgen öffnete ich die umfangreiche Post, in der Hermine und Louvaris, aber auffallenderweise nicht Kotsuka vertreten war, so daß ich jetzt nichts über die Situation in Japan weiß. Nachm. kam Wenke und erzählte über das Interregnum, daß einem Mut und Appetit vergehen konnte. Es blieb ein Kantinengeruch zurück.
Am Sonnabend besuchten wir mit Annemarie (Gumbinnen) unsren Kirchhof und Schleiermachers Grab. Abends wurde sie von Jenny (Potsdam) aus dem Theater nach Hause gebracht, wo sie einen Ohnmachtsanfall gehabt hatte. Sie hatte das Glück, daß der Chefarzt vom Urban anwesend war, der sie (weil er Erheblicheres vermutete) für heut zu sich bestellt hat. Eben sind alle 3 Schwestern dorthin abgewackelt. Gestern Vorm. (Totensonntag) warteten wir am Vorm. vergeblich auf Besuch. Nachm. kam der Schwager Honig, der
[3]
| nach Hannover versetzt ist, mit s. Frau Jenny. Blumen haben wir viele erhalten. Besuch nur von Frau v. Glasenapp (verfehlt) und von Frau Gomies, die von den Gottlob überstandenen Sorgen mit dem 2. Kinde in Rostock erzählte. Frankes haben wir vergeblich erwartet. Soeben habe ich erfahren, daß er krank war. (Fußrose.) Das tut mir in jedem Sinne leid.
Gestern abend tauchte noch Wenke auf, über dem eine geheime Protektionssonne scheint. Seltsame Zeiten! Unter seinem Schutz komme ich vielleicht auch noch eine Zeitlang durch. Er hat den Beginn m. Vorlesung "Kulturphilosophie" auf den 6.XII. festgesetzt. Das Seminar über Platos "Staat" fängt dann erst am 10.XII. an. Aber das schadet nichts, - wie es auch nichts nützt. Schwerpunktverlagerung ist die einzige Möglichkeit. Ich habe mich auf dem A.A. angemeldet und gestern noch den grundsätzlichen Schlußbericht geschrieben.
Die Freier im Hause des Odysseus sollen
[4]
| sehr erschrocken und verärgert gewesen sein.
Eigentlich wird am 2.XII. der regelm. Akademievortrag von mir verlangt. Da ich aber am 3. den 1. Vortrag über Japan zu halten habe, wird das doch gleich ein bißchen viel, zumal es nicht gleich wieder so schnell geht. Wir warten noch auf die Kisten. Manche Briefe würde ich Dir dann gern zugänglich machen, aber so etwas schickt sich schlecht.
Du bist also noch einmal in Ober-Schönbrunn gewesen; vermutlich bei Glatteis. Bitte bestell Frl. Dr. Clauß meinen Gruß und Dank. Heut Nachm. wird Kurzrock den Verband erneuern.
Die Stimmung ist hier nicht anders als in H. Es ist schon recht winterlich.
Annemarie will morgen früh abreisen. Am 1.XII. soll das neue Mädchen Lisbeth erscheinen. Es ist alles sehr eng hier und seit Wochen fehlt mir die Aktivität.
Vielen Dank für liebe Begrüßung und Bewirtung! Tausend gute Wünsche u. innige Grüße
Dein Eduard.