Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 7./8. Dezember 1937 (Berlin)


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7.XII.37. abends.
Mein innig Geliebtes!
Es ist schwer, Dich jetzt auf dem Laufenden zu erhalten. Ich berichte wenigstens über das Wichtigste:
Am 25.XI. war Gedenkfeier für das japanisch-deutsche Antikominternabkommen. Aus diesem Anlaß hatte der jap. Botschafter zu einem großen Frühstück ins Hotel Adlon eingeladen. Ich saß an Tisch II neben dem General v. Massow und Geheimrat v. Schmieden vom A.A. und traf eine Fülle von deutschen und jap. Bekannten. Nachm. war Abschiedstee für den Botschafter Mushakoji im Hôtel Esplanade, zu dem wir beide gingen. Ich saß neben dem Schicksalsmann Militärattachê General Oshima und hatte eine kurze aber charakteristische Begegnung mit dem Minister Rust.
Am Sonnabend darauf war ich eingeladen zur Grundsteinlegung der Wehrtechnischen Fakultät im Grunewald, bei der ca 15000 Mann von den For
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|mationen in der Kälte aufgestellt waren. Ich hörte Rust und zum 1. Male Hitler. Hinterher nötigte mich Sauerbruch, der sehr freundschaftlich geworden ist (auch wegen Wenke, den er liebt) und dem Kunsthistoriker Pinder zu einem Kaffeestündchen in sein Haus nach Wannsee. Verspätet kam ich zu Frankes. Ihn hatte ich schon tags zuvor in der Staatswissenschaftlichen getroffen. Er hatte eben eine Fußrose überwunden.
Unsre Kisten brachten wir am Dienstag mühsam aber kostenlos duch den Zoll. Seitdem ist unser Haus von herrlichen und kitschigen Sachen, vor allem aber von Büchern deutschen und japanischen Ursprungs überschwemmt. Das Klavierzimmer ist in ein Museum verwandelt.
Mitten hinein kam für einen Augenblick der liebe Freund Louvaris, nachdem ich eben ein Interview für den Lokal-Anzeiger (bereits erschienen) überstanden hatte.
Am 1. Dezember erfolgte die Rektoratsübergabe unter festlichen, schonenden, aber immerhin bemerkenswerten Formen.
Mitten in all diesem Trubel mußte
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| ich die Rede "Japanische Kulturfragen" ausarbeiten (und von der Hausdame des verewigten Stumpf Frl. Hohenadel abschreiben lassen.) Der größte Hörsaal der Universität erwies sich wegen der ungeheuren Nachfrage nach Karten zu je 1,20 M. zu klein. Das Unternehmen wurde von Hans Günther in die Neue Aula verlegt. Als ich sie mit dem "ordenbesternten" Minister Stieve vom A.A. betrat, war sie mit 3 Emporen fast bis auf den letzten Platz gefüllt [re. Rand] mindestens 1700. Am schönsten war der Moment, als jemand in den Reihen laut ausrief: "da ist er ja." Die Begrüßung erfolgte namens der Deutschen Philos. Gesellschaft u. Japan. Deutschen Gesellschaft durch Pg. Prof. Emge, einen Mitarbeiter des Nietzsche-Kreises, mir von Riga 1924 zuerst bekannt. Dann sprach mir der Botschafter Mushakoji, der mit s. Stab erschienen war, den Dank der jap. Regierung in kurzer Ansprache aus. Meine fein durchgeformte Rede hat stark gewirkt, obwohl, wie ich jetzt höre, auf den Lautsprecher kein Verlaß war. Ich hätte es auch
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| ohne ihn geschafft. Aber es ist vieles, worauf kein Verlaß ist. Ms. teile ich Dir später mit. Nach dem Vortrag war Zusammensein im Hôtel Bristol. Ich sprach überwiegend mit dem Botschafter, der am 12.XII geht, um einem anderen guten Freunde von Japan her (Togo) Platz zu machen. Admiral Förster ist Präsident des hiesigen Japaninstitutes, analog zu Marquis Okubo in Tokyo. Neben ihm und Prof. Emge saß ich. Der Rassen-Günther, Prinz Mori, Graf Dürkheim (Amt Ribbentropp) waren anwesend, ohne daß ich mit ihnen sprechen konnte. Auch viele persönliche Freunde dgl. Pg-Zeitungen haben nicht berichtet und SS. ist ferngeblieben, mit Entschuldigung, aber nachträglich durch den Bombenerfolg doch interessiert. Zahlreiche meist minderwertige Zeitungsberichte liegen vor.
Am Freitag Nachm. begann ich mein Seminar mit mindestens 40 Leuten (10 weniger als vor der Reise) und am Montag m. Vorlesung mit ca 200, was nach den obwaltenden Umständen gut genannt werden muß. Heutige Sprechstunde mit ca 20-25 war anstrengend genug, darunter
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| auch Dr. Drechsler.
Gestern kam die Nachricht, daß es Frau Matejat, meiner Pflegemutter, sehr schlecht gehe. Susanne fuhr sofort hin und fand sie schwach, aber geistig rege. Diese Nacht ist sie gestorben. Eine Erlösung aus physischem und familiärem Elend. Man darf kein zu widerstandsfähiges Herz haben.
Die Tochter von Donndorf sandte heute eine Krawattennadel in Lilienform als Erinnerungszeichen. Er hatte mich in der Liste zweimal rot angekreuzt.
Am Sonntag Mittag waren wir bei Petersens zum Essen. Man hört allerlei Merkwürdiges über Hecker und Ludendorffs.
Die Ungarn scheinen für mich das Wort ex oriente lux realisieren zu wollen. Aber es ist natürlich, daß ich "schon dies Jahr äußerst schwer entbehrbar war, geschweige denn noch weitere 2 Jahre".
Mein Seminar ist voll von Chinesen, und heut war eine sehr hochstehende geistige Person bei mir, was dann auch zu schwierigen Situationen führen muß.
Ludwig, der vorgestern Rechnung ablegte,
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| ist gesundheitlich garnicht im Stande. Der Oger hat trübe Schicksale tapfer ertragen, der nächste Nachbar aus demselben Kreis bestätigte, was jeder merkt, daß es in Japan Erdbeben gibt. Dies unterirdische Grollen ist unheimlich.

8.XII. früh.
Leider ist gar keine Zeit zu einer eigentlichen Fortsetzung, und ich fürchte, daß der Zustand der Überlastung über Weihnachten erst recht fortdauernd wird. Gerüchtweise höre ich, daß die Vorlesungen schon am 2.I. wieder anfangen sollen. Mir wäre es recht, weil sonst gar kein Thema gründlich zu behandeln wäre. Nun, wir werden ja sehen! Nur auf den Plan des Wohnens und Arbeitens bei Dir bitte ich Dich zu verzichten. Das wäre doch für 2 zu eng und bei meinem jetzt manchmal auftretenden Herzaffektionen nicht das Richtige.
Der Fingerhutschirm könnte auf dem (jetzt verlegten) Seminar Platz finden, wenn Du ihn dort zu wissen geneigt wärest; aber das Zurückfordern ist wohl schwierig. Das Schriftstück kann bis auf weiteres ruhen. Sus. will <re. Rand> sehen, ob noch 1 Ex. von dem vermißten Heft da ist. Sie packt auch die anderen Sachen zusammen. Die Tagebücher erbitte ich gelegentlich zurück, Schleunigst Schluß! Innige Grüße u. Wünsche
Dein Ed.

[li. Rand] Gute Verbindung mit Reichswehr u. Marine.