Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 21. Dezember 1937 (Berlin)


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21.XII 37.
Mein innig Geliebtes!
Obwohl ich diesmal alle Weihnachtsangelegenheiten Susanne überlassen habe, verbreitet sich doch schon die übliche Weihnachtsungemütlichkeit, die nun einmal für uns "dazu gehört". Man schreibt wohl zu jeder anderen Jahreszeit gesammelter. Aber es soll Dir zu Weihnachten das sichtbare Zeichen des immer gleichen Unsichtbaren nicht fehlen. Und außerdem müssen wir etwas „verabreden“.
Erst wollte ich Dir so etwas wie 2 ½ Tage Goslar vorschlagen. Aber da inzwischen Deine Jenafahrt herausgekommen ist, möchten wir Dich bitten, lieber 3 Tage als Logiergast hier bei uns vorliebzunehmen. Wir wollten zwar nach Erfahrungen mit Lore das Fremdenzimmer als Fremdenzimmer eingehen lassen. Aber dieser Ausdruck
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| paßt diesmal sowieso nicht. Und Du wirst ja Nachsicht haben, wenn bei mir allerhand Sonstiges sich dazwischen mengen wird. Ich werde die Tage vom 3.-5. ganz von solchen Dingen, die sich verschieben lassen, freihalten. Am 6. beginnen die Vorlesungen und anderes, so daß ich am 6. u. 7. nur wenige Stunden zu Hause sein werde.
Wenn Dir das so recht ist, empfehle ich am 2.I. entweder wie wir schon um 7.55 von Heidelberg abzufahren, mit Umsteigen in Fkft, oder besser den durchgehenden Zug via Würzburg zu wählen, ab 9.57, an 20.39. Im letzteren Fall ist es nötig, so bald wie möglich Platzkarte zu bestellen. Es ist also zu hoffen, daß wir uns in 10 Tagen etwa sprechen. Deshalb berichte ich hier nur über die Ereignisse der Zeit seit meinem vorigen Brief.
Am Sonntag 12.12. habe ich den jap. Botschafter zur Bahn begleitet. Danach waren Litt und Frau 3 ½ Stunden bei uns.
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| Jeden Montag haben wir engl. Konversationsstunde bei Frl. v. Kühlwein. Mittwoch war ich bei den Heerespsychologen, nachm. Doktorprüfungen, abends bei Sauerbruch mit pathologischen Demonstrationen, die sehr interessant, aber nicht schön waren. (Bitte daran erinnern.) Donnerstag 1. Fakultätssitzung (fast unerträglich.) Sonnabend 50Jahrfeier des Germanischen Seminars, Mittags Sabine, später auch Marianne, beide vertrieben durch Kammergerichtspräsidenten Dr. Tigges. Sonntag Vorm. Präsident Krenzlin u. Frau, Gunnar Thiele u. Frau. Um ½ 5 gaben wir einen Tee im Harnackhaus - Tee der Nationen. Unter den 26 Teilnehmern waren außer Hekler (ungarischer Gastprofessor) u. Frau, Günther und Frau ca 6 Griechen, 3 Japaner, 1 Türke, 1 Iranier, 1 Serbe, 1 Deutscher aus Südamerika u.s.w. Hübsch, aber sehr anstrengend. Gestern hatte ich wieder 2 Stunden Interviews mit Lokalanzeiger, wobei ich sehr gut porträtiert wurde.
Die Arbeit für die Vorlesungen und für das Seminar (in dem nun beinahe 60 sind) will "zwischendurch geleistet werden.
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| Natürlich auch die Korrespondenz. So sind nach Japan schon etwa 130 Neujahrssendungen abgegangen, darunter mehrere Briefe
Der Botschafter v. D. sandte die Abschrift der sehr ehrenvollen Anerkennungsschreiben des Marquis Okubo, von denen eines an Herrn v. Neurath direkt gerichtet war. (Ich war auf 1 Stunde beim Japanreferenten im A.A.) Günther hat heut die Ansprache, die Mushakoji hier gehalten hat, im Wortlaut gebracht. - Die märchenhafte Geschichte über unsre Abreise stammt von Arvid Balk (aus Umgegend v. Tokyo; Frau ist Tochter des Nachfolgers v. Drude.)
Nun bleibt noch die Frage des Fingerhutschirmes. Können wir sie bis zu Deinem Hiersein verschieben? Er hat für mich einen "Gemütswert". Aber dafür ist bekanntlich heut - kein Raum.
Ein eigentliches Geschenk für Dich habe ich leider wieder nicht. Ich habe erst heut um 2 die Universitätsdinge beendet. Wenn mir nichts Rechtes einfällt, habe Nachsicht.
Du schreibst noch nichts, wie und wo Du den Heiligen Abend zu verbringen gedenkst. Aber sicher auch in Deinen 4 Pfählen. Dort werde ich Dich also suchen, wenn wir Hennings, Lisbeth (gut!) Wingeleit bei uns haben u. später. Am 1. Feiertag <li. Rand> sind wir in Potsdam, am 2. kommt um 1 der Bremer Kaufmann Fritz Kellner, der dies Jahr Witwer geworden ist, um 5 vielleicht Lenz jr. Am 3. sollen wir in Westend in der ganzen Körnerei sein. Eine zerstreute Zeit. Aber sie <Kopf> ist ja noch immer überwunden worden.
<re. Rand>
Viel innige Weihnachtsgrüße von uns beiden!
Dein Eduard.   NB: Gepäck, das nur für Jena ist, würde ich per Eilgut oder Fracht dorthin schicken.