Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 8. Januar 1937 (Heidelberg)


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Heidelberg. 8. Januar 1937.
Mein geliebtes Herz!
Sieh, so bin ich! Ich bilde mir ein, ich hätte seit Weihnachten schon zweimal an Dich geschrieben, aber ich bin dessen nicht sicher. So will ich die Zahlen auf den Briefen mit dem neuen Jahr auch neu anfangen. Am 31. schrieb ich zuletzt aus Schönbrunn. Inzwischen kam Deine liebe Karte und der Brief von Susanne, die sie in lieber Weise ergänzte. Aus allem fühle ich, daß Du trotz großer Schwierigkeiten und manch ungünstiger Bedingung vorwärts kommst und das ist mir sehr tröstlich. Und Trost brauche ich nach den mancherlei Eindrücken im Odenwald. Die Tage verliefen anders, als ich mir vorgestellt hatte, aber sie waren sehr inhaltreich an stillem Erleben. Möchte es mir heute gelingen, Dir davon zu reden. Denn obgleich ich in Gedanken mit allem zu Dir komme; sobald ich vor dem Papier sitze, bin ich aus mancherlei Gründen gehemmt. - Als ich zuletzt schrieb, war Otto Kohler schon bei seiner Mutter und am 1. Januar früh ist sie gestorben. Erst am 4. abends kam er zurück und ich blieb dann noch einen Tag, um mit ihm zusammen zu sein, der für mich die Seele des Hauses ist. Er hatte viel zu berichten, Inniges von der Verstorbenen, Ernstes von der unerwünschten Heirat einer Schwester, über Eindrücke von Menschen und Verhältnissen in dieser verworrenen Zeit, von Jugenderinnerungen - es war alles ganz, wie ich ihn vom ersten Augenblick an erkannte. Wie froh bin ich, daß Du, mein Einziger, doch auch einen,
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| wenn auch flüchtigen Eindruck von diesem prächtigen Menschen hast. - Sehr charakteristisch ist es für ihn, daß er gleich am nächsten Morgen zu einer Frau ging, deren Kind während seiner Abwesenheit gestorben war. Die Frau Gertrud tat das nicht, und es wäre doch wohl natürlich, daß sie auch mit den Dorfleuten Fühlung suchte. So ist es erklärlich, daß sie für "hochmütig" gilt. - Er erzählte dann, wie die Mutter des Kindes - es war überfahren worden und starb dann im Krankenhaus erst nach Tagen - davon berichtete, daß es gebetet habe, und auch versicherte, der Knecht, der den Wagen führte, sei nicht schuld. Er hatte ihr gewehrt aufzusteigen. - - Ein Bauer war anwesend, als er davon sprach, und so kam die Rede auf Kirche und Glauben. Welch ein Halt dem Menschen das gläubige Gebet sei. Der Bauer wußte auch vom Krieg und Lazarett zu erzählen, wie verschieden da der Schmerz getragen wurde. - Inzwischen habe ich nun auch einen Brief von Katharina Klaiser, die ganz ausführlich von der Hölle schreibt, die man der armen Hermine in Schwaningen bereitete. Sie habe sich zur Heirat entschlossen, um den Geschwistern wieder ein Heim geben zu können; aber die Schwiegermutter hat das Haus regiert, und der Mann hat Hermine sogar verboten, Brot aus dem Küchenschrank zu nehmen. Sie haben dem Mädchen immer gesagt, sie käme ins Irrenhaus und ihre Familie müßte es bezahlen. Man hat mit ihr nur eine Arbeitskraft gewollt und sie behandelt wie einen Sklaven. - Du siehst, die alten Märchen reden die Wahrheit. - Und das diesem armen, seelensguten, wehrlosen
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| Menschenkind! Trotzdem wollte sie jetzt doch gern wieder leben, und nur weil die Schmerzen unerträglich wurden, war sie bereit zu sterben.
Auch sonst bekam ich viel - sehr viel Post. Reizende Briefe von sämtlichen Stolper Kindern, die sehr froh waren, alle 6 bei den Eltern zu sein. - Aus Berlin ist immer irgendeine kleine Sorge zu berichten. Lili ist mir ja schon lange mit den Bronchien verdächtig, und Hilde verknaxt sich ein Glied nach dem andern, und möchte doch die Leibesübungen zum Beruf wählen. Dagegen hat Mädi bei dieser Institution eine Dauerstellung bekommen im Biologischen Institut als Photographin. (Ich habe mir neulich hier Paßbilder machen lassen - schauerlich. Denn die Haare gehen mir ebenso aus, wie die Gedanken!) Daß Günther heiratete - ein sehr nettes Mädel, - das weißt Du wohl schon. Sie wohnen in Harleshausen. Anneliese Malcus hat sich verlobt; sie verläßt die Fakultät und geht zu den Juristen. Er heißt Assessor Hanshartmann von Schlotheim. Näheres weißt ich noch nicht. - Sehr gefreut habe ich mich über eine Karte von Johanna Richter, von Frau Frommherz und Lieselotte Henrich. Letztere hat leider viel Sorge um die Mutter. Auch Dr. Drechsler und Kaete Silber haben geschrieben. Diese ist in der Schweiz gewesen aus Gesundheitsgründen; aber der Erfolg sei mäßig. Begeistert wie immer schreibt Luise Lampert; obgleich ich immer [über der Zeile] in meinen Antworten sehr kurz war, kommt sie immer wieder
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| und das finde ich doch sehr nett von ihr. - Mit ganz feinem Verständnis schreibt Jakob Steiger einen längeren Brief. Er - wie alle Freunde - trägt herzliche Grüße für Dich auf. Wenn alles noch wäre, wie vor Deiner Reise, wäre er nach dem Examen, das im Frühling sein wird, nach Berlin gekommen. So denkt er an Amerika. Er kann wohl mit mehr Sicherheit als wir Pläne machen. Hier können das doch nur wenige Zuversichtliche. Clärchen Fürst schreibt fatalistisch ergeben. - Die ältere Tochter von Heinrich Eggert geht an ein evangelisches Stift in Brasilien.
Mit Interesse habe ich die hübschen Bilderchen gesehen, die Susanne mir schickte. Vor allem freut mich ihr eigenes Bild und ich bedaure nur, daß Ihr nicht auf der Schattenseite mit einem hellen Tuch oder sonstigen Gegenstand einen Reflex hergestellt habt, sodaß es da aufgehellt wäre. Dann wäre es ein famoses Bild. - Der Blick aus Eurem Fenster hat nicht die Weite wie der meinige. Ich sehe die Wetter über der Rheinebene aufziehen und sehe mit Wehmut über das gesegnete Land. Mitten in die Obstgärten, auf deren Blühen weithin ich mich gefreut habe, wird jetzt eine große Kaserne gebaut. Den Horizont wird es mir nicht nehmen, denn sie ist erst draußen an der Bahn, aber den Eindruck.
Jetzt will ich zur Stadt, Frau Wille besuchen, die krank ist, früh zu Mittag essen, bei Adele ruhen und um 4 Uhr in der Augenklinik zeichnen. Zum Glück war inzwischen keine Bestellung da. - - - Du wirst also jetzt an Erdbeben gewöhnt. Ja, wer weiß. was man noch lernen muß! Alle meine Wünsche drehen sich um Dein Wohl und ich grüße Dich innig.
Deine Käthe.

[li. Rand] Sage bitte Susanne vorläufigen Dank und herzlichen Gruß. Von Frau Witting kam keine Nachricht. Ich werde Felizitas fragen.