Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 15. Januar 1937 (Heidelberg/An der Markscheide 11a)


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Heidelberg. 15.I.1937.
An der Markscheide 11 a
Mein geliebtes Herz!
Ob denn wohl auch mein Brief vom [über der Zeile] 4.XII. mit den Aufnahmen aus der Wohnung und der gewohnte Kalender noch zum Fest bei Dir waren? Die Sendung ging noch ins Institut, denn ich hatte keine andere Adresse. Ich hatte so viel Freude, daß Dein lieber Brief rechtzeitig kam und wäre auch so gern pünktlich da gewesen! Aber durch Eure Abreise nach Atami war es nicht möglich. Habt Ihr schöne Tage dort verlebt? Ich habe bei Bälz sehr aufmerksam die Beschreibung der Landschaft bei Shichirihama studiert, die er für die schönste erklärt und vielleicht ist die Felseninsel, die auf Deiner Karte im Vordergrund liegt, Enoshima, hinter dem für ihn der Fuji emporsteigt. Du kannst Dir wohl denken, mit welcher Liebe ich mich in das Buch vertiefe, das mir schon damals so besonders gefiel. - Auch das Kirschenbüchlein nehme ich immer wieder zur Hand. Und damit Du ein Gegenstück hast zum Blättern, schicke ich Dir in diesen Tagen ein Buch, das voll lieber freudiger Erinnerungen für uns ist. Und es ist nicht nur Erinnerung, wie auch Du sagtest, es ist immer Gegenwart - in uns zum Bleibenden geworden. Und so macht es mich froh und all die schönen Stunden leben auf vor mir. Was liegt daran, mein Herz, daß Herr Kolb nun bald in Darmstadt sein wird; was ist da die räumliche Nähe! Ich bin bei Dir mit meinem ganzen Herzen, wo Du auch bist. - - Seit ich von Schönbrunn zurück bin, ist mirs nicht ganz gut gegangen; vermutlich rheumatisch, die ganze Muskulatur in der Zwerchfellgegend. Aber jetzt ist es wieder vorbei. Zweimal war ich auch wieder in der Augenklinik beschäftigt, und ich habe das Glück, daß
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| meine Arbeit gefällt. - Heute wäre ich garnicht in die Stadt gegangen, wenn nicht Kohlers zu Rösel Hecht gekommen wären. Zu mir heraus war die Zeit ihnen zu knapp und Rösel ist ja auch noch nicht wieder beweglich. Ich schrieb doch wohl, daß sie ihre Füße behandeln ließ und nun muß sie natürlich noch Schonzeit halten. - Der alte Geheimrat Mathy ist nun 88jährig gestorben. So hat er die 90 doch nicht erreicht. - Sonst war mein Leben einförmig. Draußen ist es meist nicht verlockend, Nebel, Regen, oder bisweilen um den Nullpunkt und trocken. Die Sonne ist eine Rarität. - Der Stoß meiner Neujahrspost ist noch nicht durchgearbeitet; es sind immer noch Schulden dabei. So verlangt michs besonders, bald mal an Susanne zu schreiben, umd dann noch so manch anderen. Daß Steiger wieder und sehr verständnisvoll von sich hören ließ, schrieb ich wohl schon. Auch von Frau Witting hatte ich Nachricht. Es geht ihr recht wechselnd, aber große Freude ist ein Enkeltöchterchen vom 10.XII. - Sonst scheint sich nichts Eingreifendes ereignet zu haben. Das ist noch das Beste, was man in dieser dunklen Zeit erwarten kann. - Wenn es doch in meiner Macht läge, Dir etwas mehr Gelassenheit zu verschaffen. Ich fühle, wie gedrängt Deine Tage wieder angefüllt sind und wie langsam man in dieser fremden Welt sich eingewöhnt. Aber es muß doch auch sehr fesselnd und lohnend sein. Seid Ihr denn in dem Hotel genügend versorgt? Und wie ist es mit der finanziellen Seite, hat man Dich entsprechend gestellt? - Und dann die vielen Vorträge; wechselst Du das Thema, oder wechselt nur das Publikum? -
Hoffentlich ist bei Euch keine Grippe, wie sie hier recht zahlreich war. Bleibt nur gesund und laßt die fremde Welt Euch zum Gewinn werden, seis als Kontrast, seis als Erweiterung. Möchten uns allen Erdbeben und sonstige Erschütterungen erspart bleiben. Auf alle Fälle seid Ihr ja in befreundeten Lande.
<li. Rand>
Viel treue, liebe Grüße von Deiner Käthe.

[li. Rand S. 1] Ich habe geschrieben am. 18.X, 28.X., 10.XI., 19.XI., 30.XI., 4.XII., 11.XII. [über der Zeile] /?/ 31.XII., 8.I.