Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 26. Januar 1937 (Heidelberg)


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Heidelberg. 26.I.1937.
Mein geliebtes Herz!
Wenn mein Gruß rechtzeitig zur Beförderung mit der sibirischen Bahn kommen soll, dann muß ich mich eilen. Aber eigentlich ist heute garnichts Sinnvolles mitzuteilen! Eine aufgeregte Atmosphäre drückt auf die Nerven; Tag und Nacht stürmt es von allen Seiten. Gestern war Frost, heute 6° warm. Aber ich möchte doch für Deinen lieben Brief vom 28.XII. danken, der nach sehnsüchtigem Warten mit Erleichterung begrüßt wurde. Aber leider enthält er keine ganz guten Nachrichten. Auch bei Euch scheint das Klima nicht förderlich und besonders bedaure ich die Schwierigkeiten in Susannes Befinden. In den nächsten Tagen werde ich mal wieder Frl. Dr. Clauß aufsuchen und dann werde ich genaue Auskunft über die betreffende Diät erbitten. So viel ich weiß, ist im Falle einer Angegriffenheit von Galle oder Leber möglichst das Fett zu vermeiden. - Von mir kann ich ganz zufriedenstellend berichten; auch ohne Medikamente sind die Schmerzen, die mich längere Zeit plagten, vergangen. Und gestern habe ich sogar eine Kraftprobe bestanden. Trotz Glatteis und Sturm war Adele nachmittags zu mir gekommen, und ich war zu unruhig, sie abends allein nach Haus gehen zu lassen. Wir kamen ungefährdet hin und ich auch wieder bis an den Bahnhof zurück. Der Schirm gefror so, wie damals in Coburg, drum machte ich ihn beizeiten zu und mußte dann im Eisregen noch ¾ Stunde auf die ausbleibende
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| Elektrische warten. Leitungsdrähte und Schienen waren so vereist, daß der Verkehr immer wieder stockte. Aber alles ist mir großartig bekommen, der Sturm hat wohl trotz allem eine anregende Wirkung. - Doch Geduld muß man auch hier haben! und ich bewunderte die Ruhe der Wartenden.
Mit brennendem Interesse lese ich den Bälz. Schade, daß es lange dauert, ehe man mal darüber sprechen kann. Aber ich will das Buch noch einmal durchgehen und mir Notizen machen, über die ich Dir dann schreibe. Auf alle Fälle bekommt man ein sehr lebendiges Bild des dortigen Lebens. -
Von Frl. Dr. Dorer bekam ich eine Anfrage wegen Hermine Kleiser. Demnach scheint sie garnicht mehr mit ihr in Verbindung gewesen zu sein, weil ihre Briefe das Mädchen nicht mehr erreichten. Und doch haben wir vermutlich die Adresse, die Du mir angabst, in Schwaningen durch sie gehabt? Ich werde ihr die Briefe der Schwester schicken und sie zurück erbitten. - Ist Dir in Tokyo ein Mr. Tateo Kanda begegnet? (Adr. 14 Higashi Toriizaka. Azabel Tokyo). Frl. Anna Weber kennt das Ehepaar, das hier in Heidelberg war, gut Deutsch spricht, und das sie als sehr feine, nette Menschen schildert. Er ist protest. Theologe. Vielleicht gibt es mal eine Anknüpfung. - Wird der Rauch von dem harzigen Holz denn den ganzen Winter über dauern? Es gibt ja wohl im echt japanischen Hause überhaupt keine richtige Heizung. - War es in Atami nicht schön? Du erwähntst davon garnichts und ich denke mir doch den landschaftlichen Eindruck sehr besonders. - Und inzwischen war Osaka (ich suche immer alles auf der Karte!) und jetzt laufen die 4 Wochen Vorlesung. Sehr gerne hörte ich auch mal vom Thema Deiner Vorträge; so in Stichworten! - Daß Ihr nicht eine Eigenwohnung vorzieht, bedaure ich eigentlich. Ich dächte mir das viel angenehmer. Aber das kann man ja aus der Ferne nicht beurteilen. - Für heute genug. Es soll <li. Rand> nur sehr, sehr herzliche Grüße bringen und Euch gutes Ergehen wünschen. In stetem Gedenken
Deine Käthe.

[li. Rand S. 1] Ist der Kalender noch angekommen? Er hätte längst da sein müssen. Und kam nun auch das Bodenseebuch, das ich durch die Buchhandlung schicken ließ?