Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 23. März 1937 (Heidelberg)


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Heidelberg, 23.III.1937.
Mein Liebstes!
Ich will versuchen, ob dieser Brief morgen noch den Anschluß an den Sibirienzug bekommt. Eigentlich wollte ich schon am Freitag schreiben (19.), aber es kam mir was dazwischen. - Inzwischen erhielt ich Deinen lieben Brief mit der Grußkarte von Susanne, sowie die Einzelkarte und freute mich über Euer Schreiben. Habt herzlichen Dank! Ich bin froh, daß die Vorlesungen an der Kaiserl. Univ. doch einigermaßen für Dich endeten. Inzwischen ist nun Herr Botschaftsrat Kolb zurückgekehrt. Ich wüßte zu gern, ob er mal im Verkehrsbüro Heidelberg war?! Und Deine Arbeit ist unterdessen mit Hochdruck weitergegangen. Ich hoffe aber, daß nun für die Osterzeit doch hoffentlich einige Tage in Atami oder dergl. etwas Ruhe und Erholung bringen. Ich schicke dies noch nach Tokyo, denn Du hast die Adresse für die Zeit in Kyoto vom 1.-14.IV. bestimmt. Nach dem vorigen Brief wolltet Ihr schon am 5.IV. dorthin reisen, so hat sich das scheinbar etwas verschoben. Ich denke gern an diese Übersiedelung und wünsche herzlich, daß sich Eure Erwartungen erfüllt.
Meine Erwartung vom Rundfunk war aber eine irrige. Ich hatte mir eingebildet, daß das irgendwie im Original übertragen würde, das war aber ein Irrtum. Beim Mühlacker Sender sprach das weibliche Wesen, das ich immer so ungern höre wegen ihrer dicken Zunge. Es war mir so störend, daß ich mich erst allmälig mit Gewalt auf den Inhalt konzentrieren konnte. Ich konnte nur schwer zu den lieben Gedanken persönliche Fühlung
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| gewinnen und war wie durch eine Wand davon getrennt. Ich mußte denken: "Geliebtes leuchtet durchs Gedränge." - Es war ja der Hauptgrund dafür meine verkehrte Beurteilung der Möglichkeiten. Aber eigentlich kam mir diese Form der Übertragung wie ein Mißbrauch Deiner Rede vor und ich möchte das lieber nicht noch mal erleben.
- Daß Du aber zum 25.II. nicht telegraphiert hattest, war ganz gut. Denn um hier einen Rundfunk von Euch aufzufangen, müßte man vorher über Zeit und Wellenlänge genau orientiert sein. Vermutlich wären es Kurzwellen, die hier niemand meiner Bekannten hat. Der Zeitunterschied betrüge etwa 8 Stunden, glaube ich, das ließe sich errechnen; aber ich hätte es so fix dann doch nicht richtig zustande gebracht und wäre dann sehr enttäuscht gewesen. (Und Du hättest arge Kosten gehabt!) So schreckhaft aber bin ich im ganzen nicht. Also wenn es mal erwünscht scheint, telegraphiere ruhig!
Hier ereignet sich auch allerlei. Nach manchen wieder aufgegebenen Anläufen sind Mathys jetzt fest entschlossen, das Verhältnis mit dem Vorstand zu lösen. Und es sind Schritte im Gange, sie in dem Landfriedstift, hier 10 Min. weit an der Rohrb. Str. unterzubringen. Aenne hat die Sache merkwürdig ruhig aufgenommen. ich bin nur in Sorge, daß die Verwandten nicht rasch genug handeln um das wirklich hübsche und geeignete Zimmer zu sichern.
In Berlin ist die Jüngste von Aenne Ruge, mein Patenkind Hilde, konformiert worden. Da dort gerade viel Unruhe war, wollen sie mich für den Sommer irgend
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|wann einladen, nicht jetzt, wo man wenig von einander hätte. - - Am 2. April soll dann auch Mädi heiraten. Das ist nun eine etwas zweifelhafte Sache, denn der Mann hat noch keinen Beruf, sondern sie wird der verdienende Teil sein. Ich kann es nur mit Sorge sehen. Aber heutzutage ist das ja häufig. - Und sehr leid ist mirs auch, daß sie ohne kirchliche Trauung auskommen wollen. Gewiß ist oft der Geistliche nicht dazu berufen, die Feier eindrucksvoll zu machen, aber es ist doch auch die ganze Mißachtung der religiösen Bedeutung, die bei solchem Verzicht heutzutage mitspricht. Diese jungen Menschen wissen nicht, was sie leichten Herzens aufgeben. - Wie sehr die Kirche vertieft und lebensoffener geworden ist, spüre ich sehr bei den gelegentlichen Versammlungen, die ich besuche. Und man freut sich dabei hauptsächlich, wenn man auch junge Gesichter andächtig teilnehmen sieht.
Gestern war Adele mit dem Enkel zu Kaffee und Abend bei mir. Es war recht behaglich. Wolfgang reist morgen in den Westerwald, wohin ihn zarte Bande ziehen und dann wieder nach Berlin auf die Hochsschule in Dahlem. Adele ist doch recht, recht alt geworden. Das Gleiche kann ich von mir sagen und Du wirst es längst an meinen inhaltslosen Briefen gemerkt haben. Du weißt ja, die Feder ist gelähmt. Ich habe nicht die Gabe, mich zweckentsprechend auszudrücken ...
Jetzt aber will ich eilends den Brief noch in den Kasten bringen. Es ist die letzte Abholung heute; die
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| Postverbindung ist unglaublich dürftig auf diesem Dorf.
Ich hoffe, daß Du nun bald etwas leichtere Arbeitstage hast - zunächst ja das Osterfest. Sehr wünsche ich Dir freundliche Eindrücke von Menschen und Natur. Hier fängt es an, entzückend frühlingsmäßig zu werden. Aber nur auf Stunden - dann kommt ein Rückschlag.
Mit vielen guten Wünschen für Euer Ergehen und den herzlichsten Grüßen
Deine
Käthe.