Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 4. Mai 1937 (Heidelberg)


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Heidelberg. 4. Mai 1937.
Mein geliebtes Herz!
Diesmal ist es doch wohl sicher, daß Ihr wieder in Tokyo sein werdet. Eine Nachricht von Jena, Karte von Dornburg sandte ich wohl noch nach Kyoto, dann eine Karte aus Weimar durch die deutsche Botschaft. - Durch Dein Verreisen bin ich so garnicht sicher, wo meine Gedanken Dich suchen können und das gibt mir so recht das schmerzliche Gefühl der großen Entfernung. Aber ich will jetzt nach Möglichkeit wieder selbst mehr schreiben, wenn es mir auch neben alledem was Du erlebst, recht unwichtig vorkommt. An meiner Schweigsamkeit ist ja nicht ein Mangel Mitteilungsbedürfnis schuld, es beschränkte sich aber auf stille Gedanken in Folge einer stumpfsinnigen Energielosigkeit. Seit drei Tagen haben wir aber nun endlich Frühling, und alles atmet auf in milder Luft bei Sonne und Klarheit. Augenblicklich zieht freilich drüben jenseits des Rheins eine schwarze Gewitterwolke von Norden talauf mit strömendem Regen, wir aber bekommen nur die Erfrischung, den ferne grollenden Donner und ich von meinem weiten Blick über den Horizont das eigenartige Schauspiel. - - Daß mich in Jena Dein lieber Brief vom 19./20. März empfing und hier derjenige vom 4. April, das schrieb ich wohl schon. Du hast mich mit Deinem lieben, treuen Schreiben innig erfreut, wenn ich auch inhaltlich manches gern anders hätte. Vor allem bekümmert mich die Überanstrengung, die Du Dir wieder zumuten mußt. Ich denke doch, daß die Zeit in Hakone da endlich mal eine Pause bringen muß. Habt Ihr ein gutes Unterkommen gefunden? Von Sendai war auch mal die Rede - wurde daraus nichts? Und besonders beschäftigt mich natürlich die Frage der Dauer Eures Bleibens dort. Vielleicht wirst Du dich doch auch auf 1½
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| Jahre einigen? -
In Jena ist alles ganz günstig verlaufen und ich hatte neben der Arbeit diesmal allerlei private Freude. Die Stadt hat mir viel besser gefallen als voriges Jahr, wo ich sie ja nur bei Nacht zu sehen bekam. Diesmal blieben auch schöne Tagesstunden für Spaziergänge übrig. Und besonders genoß ich einen Nachmittag allein in Dornburg. Seit ich hier zurück bin, nahm mich der Umzug vom Vorstand sehr in Anspruch. Die Hauptsache hat ja freilich Hedwig Mathy gemacht, aber es blieb doch viel zu führen, zu ordnen und jetzt steht mir noch der Bücherschrank bevor, der in wildem Durcheinander eingepackt wurde. Die Umstellung hat der Vorstand mit großer Ruhe ertragen, natürlich wird es im Einzelnen wohl noch allerlei Schwierigkeiten geben. Aber das Zimmer hat sich sehr hübsch eingerichtet, es ist groß, luftig, hell, mit Blick ins Grüne und [über der Zeile] auf die Berge nach Süden zu. - Mir ist es in meiner kleinen Behausung wieder sehr behaglich. Zwar war ich vorläufig wieder viel in der Stadt, teils beim Vorstand und Adele, teils in der Augenklinik. Bei schönem Wetter gehe ich den Weg öfters, es sind aber doch 20-25 Min. (bis zum Bahnhof.) Am Sonntag, einem herrlichen Sonnentag, war ich mit Frl. Seidel auf der Strahlenburg, von Handschuhsheim aus. Das Grün der Wälder ist einfach bezaubernd und die Apfelblüte ist auf der Höhe. Die Kirschen, die während meiner Abwesenheit in Flor standen, sollen durch Kälte und Regen recht gelitten haben, so daß ich dabei nichts versäumte. Ich hatte mich doch so darauf gefreut, wenn hier alles um mich blühen würde.
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Von Frau Witting bekam ich eine diktierte Karte, auf der sie von einem sehr schönen Brief von Dir berichtet, aber leider recht schlechte Nachricht von sich selbst gibt. Es scheint nun doch wirklich ein Schlaganfall, sie nennt es "Gefäßstörung" mit rechtsseitiger Lähmung. Du wirst wohl schon direkt davon gehört haben. - Auch Frau Frommherz schrieb mir; aber da hast Du ja auch direkte Nachricht. - Ob Louvaris Dir schrieb? Ich meine persönlich. Denn wie der Vorstand in Ludwigshafen in der Zeitung las, hast Du ja mit noch 26 Deutschen dort den Ehrendoktor erhalten. In unserem Blättchen war nur Rust mit Namen genannt. Du hättest eigentlich dort sein sollen! - -
In Jena war theologisch die Verständigung mit Ada diesmal viel leichter. Merkwürdigerweise ist die Tochter aus diesem freisinnigen Hause jetzt mit einem Barthianer verlobt. Der Vater hat es noch erlebt und hat den jungen Mann geschätzt. - Auch sonst habe ich dort in Jena allerlei Menschliches miterlebt. Aber davon redet es sich besser. Wann? - -
Am Himmelfahrtstage möchte ich mit dem Besuch von Frau Wille, der Hanni Krazeisen aus München, in den Odenwald. Ich plane den Weg über Schönbrunn nach Hirschhorn, möchte im Vorübergehen bei Kohlers das kleine Töchterchen begrüßen. Wollen sehen, was der Himmel dazu sagt. Vor allem bin ich froh, daß die große Abspannung, die so lange auf mir lag, jetzt vorüber ist und ich wieder Lust zur Arbeit habe. Wie oft klang es mir in den letzten Monaten im Ohr: "Du wehrhahnst schon wieder!", und dabei wurde natürlich nichts fertig.
Im Mai ist Mozartfest, da hoffe ich auf einige schöne Conzerte, z. B. Serenadenabende im Schloßhof. Ich nehme
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| es garnicht mehr schwer, spät abends heimzukommen, seit ich die Gegend nun gewöhnt bin.
Adele habe ich Dein Anliegen in Betreff ihres Vaters vorgetragen und sie war nicht abgeneigt. Aber sie ist schwer von Entschluß und man muß Geduld haben. Sie kann z. B. am Sonntag noch nicht sagen, ob sie am Montag zu mir kommen will. Wenn ich sie dann am Montag anrufe, meldet sie sich für den Abend an. Aber wieviel frischer und geistig auf der Höhe ist sie im Vergleich zum Vorstand. Übrigens geht es der augenblicklich auch ganz leidlich und sie bedauert nur, daß sie so schwer schreiben kann. - Hoffentlich hat Deine Erkältung nicht lange angehalten, und Du weißt jetzt schon nichts mehr davon. Kamakura hat wohl ein wenig Anklang an das Allensbacher Ufer? Der Daibutsu dort ist dem Bilde nach entschieden ansprechender als der in Nara mit dem d. Gruß! - Ich las kürzlich eine kleine Broschüre von Swami Vivekananda über Hinduismus. Es ist eine eigentümlich schillernde Vorstellung, die auf einem amerikanischen Kongreß (1893) als allumfassend, auch die christliche Ethik einschließend den Hinduismus verherrlicht. Ich möchte wohl wissen, was Dir das Privatissimum über Buddhismus gab? Du weißt, das religiöse Problem ist uns allen brennend; obgleich die persönliche Sicherheit [unter der Zeile] d. h. Gewißheit nicht mitbetroffen ist. - -
Für heut laß es genug sein. Nur noch herzliche Grüße an Susanne, der es hoffentlich gut geht. Mit innigen Wünschen und treuen Grüßen für Dich, mein Liebstes,
Deine Käthe

[li. Rand] Grüße von L. Jena habe ich wohl ausgerichtet. Auch sonst fragen alle immer nach Dir.
Nohl ist mit Anerkennung pensioniert. Ebenfalls pensioniert ist Delekat.