Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 11. Mai 1937 (Heidelberg)


[1]
|
Heidelberg. 11.V.1937.
Mein Einziger!
Morgen ist wieder der Termin für die via siberia und da möchte ich den Anschluß nicht verpassen! Denn ich habe ja eine so große Freude gehabt äber Brief und Karte, die am Sonntag kamen. Sage Susanne vielen Dank für ihre lieben Zeilen, die mir einen Sammelbrief ankündigen und für das feine Bildchen. Und ebenso Dir innigen Dank für den lieben Bleistiftbrief. Er spiegelt so deutlich, was alles an Stimmung vor und während der Reise Dich erfüllte; vielleicht umso gelöster durch die Müdigkeit, die ich aber trotzdem sehr beklage. Denn mir geht es gerade jetzt soviel besser, seit es sichtbar Frühling wurde, daß mir ist, als wäre ich aus einem langen, drückenden Winterschlaf erwacht. Mein Brief und die beiden Karten aus Jena (Dornburg u. Weimar) werden Dir berichtet haben, was mir Gutes widerfuhr. (Seitdem adressierte ich wieder regelmäßig an die deutsche Botschaft; nur ein Brief an Dr. Trautz, Kyoto.) Denn die Anweisung war bis zum Eintreffen am 1. Mai, und man muß doch als Mindestes 19 Tage rechnen. (Von hier schrieb ich am 4.V. zuletzt.) - Neulich hatte ich noch fragen wollen, ob Du in Jena das Denkmal von Rein kennst? Ich finde es etwas merkwürdig: ein Sockel mit einem überschlanken Jüngling darauf, der sich vor einem Luftangriff zu fürchten scheint, am Sockel aber ein schönes Porträtrelief, an dem man jedoch den Namen nur lesen kann, wenn ein sehr heller Tag ist. -
Doch nach dieser Abschweifung erst mal zu Deinem lieben Brief. Daß ich von Nara und Kyoto Gutes erwartete, hat Dir wohl meine Anfrage schon gezeigt. Es war doch ein feiner Gedanke von Dir, mir den Bälz und das Bilderbüchlein zu schenken. Das versetzt mich so lebendig zu Euch. Es muß wirklich ganz wunderschön und gehaltvoll gewesen sein. Am
[2]
| wenigsten verstehe ich vorläufig Deine Äußerung über Ise. Auf dem Bilde [über der Zeile] im Andenkenalbum sieht man einige barocke Felsen mit einem sonderbaren Gehänge am Meeresstrand und Menschen dabei, die vermutlich nach Perlmuscheln suchen. Was aber hat das als politischer Kern von Japan zu bedeuten? - Die Bilderchen von Susanne sind mir eine große Freude, so sehe [über der Zeile] ich doch ein wenig von den Menschen, mit denen Ihr dort lebt. Hoffentlich ist Kolb Dir ein wirksames Gegengewicht gegen die Überreizung (s. Trautz); er sieht so aus, als stände er fest. Auf dem Profilbild erinnert seine Erscheinung an Otto Kohler. Da ist nun von Versetzung vorläufig nicht mehr die Rede. Die Stelle in Eberbach, um die er sich bewarb, nahmen bereits zwei verdiente PGs in Anspruch für sich. Am Himmelfahrtstag war ich in Schönbrunn. Auf Wunsch von Hedwig Wille hatte ich das Frl. Hanni Krazeisen spazieren zu führen, und da fand ich, es könne sich damit auch eine Freude für mich verbinden. Der Weg von Neckarhausen herauf war diesmal bei kühlem sonnenklarem, herrlichen Wetter sehr kurz (1¼ Std), im Adler gab es das bewußte Rührei und ein gutes Glas Wein und danach bei Kohlers gemütliche Plauderstündchen mit Kaffee. Das Kleine (Bärbel) war gerade 5 Wochen, niedlich, rosig, zufrieden. Es fixiert schon ein klein wenig, wenn man sich bewegt. - Wir gingen dann, ein Stück vom Ehepaar begleitet, die famose Straße nach Hirschhorn hinunter und dort noch auf die Burg und in den Naturalisten. Ich dachte wieder, wie doch alles und alles mir verknüpft ist mit dem Gedanken an Dich. - Was Du von Mädi schreibst, ist mir durch das verständnisvolle Eingehen darauf so lieb. Die Frage, die es im tiefsten und nicht mehr persönlichen Sinne berührt, bewegt ja beständig alle ernsten Gemüter. Niemand weiß einen Rat, aber die Bewegung bleibt. Ver
[3]
|mutlich wird es aber wohl zu keiner in Aussicht gestellten Klärung kommen, sondern wie so vieles still versanden.
Wann ich nun nach Berlin kommen werde, ist nicht genau zu sagen. Zunächst mal noch nicht zu Pfingsten, denn da reisen Dürres fort und da die erste Etage auch auf Reisen ist, wäre dann das Haus ganz leer. Außerdem sollen mir die versprochenen Fensterläden gemacht werden, und da das durch meine Jenareise verzögert ist, kann man nicht absehen, wann das fertig wird. (Jedenfalls aber sorge ich immer für richtige Nachsendung.)
Wegen der Virchow-Andenken habe ich gestern (zum 4. Mal!) bei Adele angebohrt. Sie ist bereitwillig, aber vorläufig noch nicht entschlossen, wie das überhaupt eben ihre Art ist. Sie ist sehr sichtbar gealtert und eigentlich nicht mehr recht Herr der Situation; dazwischen aber gereizt und eigenwillig. So ist man halt im Alter! Der Himmel bewahre uns davor! Am Sonntag bekam ich mit der gleichen Post wie das von Euch eine Todesanzeige aus Berlin: meine Schulkameradin, die einzige, mit der ich noch in Verbindung stand, Else Ziehlke, ist nach kurzer Krankheit gestorben. Sie war mir eine treue Freundin durchs ganze Leben. Es gibt doch nicht garso wenig zuverlässige Menschen, mein liebes Herz, wenigstens hier nicht. Auch in Jena fand ich eigentlich die meisten wie früher. Aber natürlich in der Fremde ist man in seinem Urteil unsicher und vieles ist undurchsichtig. Aber wir wollen uns den Glauben an den Sieg des Guten nicht nehmen lassen. Es ist noch Substanz da und sie hält unsichtbar zusammen.
Im Juni werdet Ihr also hoffentlich Ferien machen. Ich habe so garkeine rechte Vorstellung davon, durch welche Wege sich eigentlich Deine Tätigkeit organisiert? Wer veranlaßt die Vorträge, wirst Du dazu aufgefordert? Welche
[4]
| Funktion hat das Institut als solches? - Johanna Kiehm trifft man hier jetzt eigentlich kaum noch. Hanni Kr. dagegen oft. Sie erzählte sehr amüsant von einer Unterredung mit einem unbekannten Handwerker, bei der er hauptsächlich gesprochen hatte. Als sie fragte, wie er eigentlich so zu einer Unbekannten reden könnte, meinte er: Sie sehen doch intelligent aus!
Jetzt will ich aber in die Augenklinik gehen, wo wieder etwas zu zeichnen ist. Darum nimm fürlieb und sei auch ohne sichtbares Zeichen des ständigen Gedenkens gewiß. Ich bin so gerührt, daß meine stumpfsinnigen Briefe Dir nicht das Schreiben an mich verleidet haben. Es ist mir manchmal ganz unmöglich gewesen, von dem zu schreiben, was mich doch auch in der bedrückenden Zeit bewegte. Aber wenn die Sonne scheint, wächst auch wieder der Mut. - Möge die Zeit in Kyoto weiter gut verlaufen sein und auch der Mai in Tokyo erträglich bleiben. Gib nur bald Nachricht, wohin die Nachricht dann gehen soll!
Recht herzliche Grüße an Susanne und Dich.
Immer
Deine
Käthe.