Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 30. Mai/1. Juni 1937 (Heidelberg)


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Heidelberg. 30. Mai 1937.
Mein Einziger!
Da sitze ich am Sekretär im hellen Zimmer bei 23° R. Die Sonne brennt durch die geschlossenen Vorhänge und das Außenthermometer zeigt 34° R. Die Wetterprophezeiung bemüht sich, uns "zunehmende Bewölkung" zu verschaffen, aber über einen leichten Schleier von unendlich hohen Windwolken kommt es nicht hinaus. So ist es seit anfang Mai in steigendem Maße. Schön - denn diese ehrliche Hitze ist lange nicht so angreifend, wie es die gewohnte Heidelberger Schwüle war. Nur kostet es ziemlich viel Fahrgeld, denn die sonnige Landstraße vermeidet man doch nach Möglichkeit. - Heute, Sonntag vormittag, war ich mit Adele zusammen zu einem Quartett (Strub, Hoelscher etc.) des Mozartfestes. Der Saal auf dem Schloß, das frühere Landhaus, war kühl und schön, das Spiel virtuos, aber etwas zu lang. Weniger wäre mehr gewesen. - Aber etwas kann mir nie zu viel werden, und das sind Deine lieben Briefe, und ich bedaure nur dabei, daß ich Dir auch nicht eine Spur von Interessantem dagegen schreiben kann. Von dem Allgemeinen, was vorgeht, erfährst Du durch Zeitungen und durch Deine persönlichen Eindrücke im Verkehr mit den Deutschen. So weißt Du also, wie es hier steht. Immer wieder lese ich Deine lieben Berichte und spüre den Eindruck auf Dich. Wie freut es mich, daß Du noch einmal in Kyoto zu tun hattest, wo Du Dich so wohl fühltest. Es steht für mich doch so viel zwischen den Zeilen, und vor allem spüre ich
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| den Eindruck, den die Gesamtheit "Japanisches Volk" auf Dich macht. Schon durch Erwin Bälz war ich darauf vorbereitet. Eine viel tausendjährige, wenig nur gelockerte Bindung an eine feste, kulturelle Tradition, geringe Problematik, natürlicher Gleichmut und Selbstbeherrschung - Wir erleben jetzt das Gegenteil. Auch die Japaner hatten wohl Ende vorigen Jahrhunderts eine ähnliche Epoche, wo der Intellekt und die Kausalität allein maßgeblich schienen. Aber der tiefe, unbewußte, eingeborene Lebenssinn hat sich behauptet. Auch unser Volk hat einen guten, tapferen, ehrlichen Kern. - -
Merkwürdig ist mir immer die Gleichzeitigkeit in unserem Erleben. Auch hier "auf dem Lande", habe ich mein Entzücken an den Kindern. Da ist im Nachbarhaus eine Einjährige, die stundenlang unbeschäftigt auf dem Balkon eingesperrt ist, wohin ich gerade sehe. Wir haben schon ein Winktelefon eingeführt. Es ist ein entzückendes Blondchen. - Und überall rundum wimmelt es von allen Größen. Die Sommerhitze lockt das Leben in Gärten und auf die Straßen. Über meine Reise ist noch immer nichts beschlossen, denn da ist noch die Arbeit für den Oberarzt in der Augenklinik, die ich keinesfalls in Stich lassen kann. - - Beim Zahnarzt warst Du. Ich auch! Du 16, ich 60 M! Immerhin ist dies für ein tadelloses Stück mit 14 Zähnen in Deutschland wenig. Es sitzt wie angewachsen. - Vorläufig bist Du also entschlossen, nach 1 Jahr zurück zu kommen? Es ist mir nur ganz schleierhaft, wie Du nach den Erlebnissen wieder in die Enge der Heimat passen sollst?? Der Brief von L. ist sicher in der Stimmung sehr zutreffend.
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Also Louvaris hatte Dir keine Nachricht von der Dir zugedachten Überraschung gegeben? In unseren Blättchen war natürlich nur R. erwähnt, das andere erfuhr ich zufällig. - Hoffentlich ist unterdessen der Brief vom 21. mit den kleinen Schriftsachen vom alten Virchow angekommen. Ich ließ ihn einschreiben, auf Rat von Adele. Die Hitze ist für all meine Alten nicht sehr zuträglich. - Wie mag es Frau Witting gehen? Sie tut mir so leid, daß sie so hülflos daliegen muß. Wie viel barmherziger ist ein rasches Ende.
Vorläufig gehen also meine Briefe weiter an die D.B. - bis Du mal eine andre Adresse angibst. Wann geht es denn in die beabsichtigte Sommerfrische? Es hieß: im Juni. - Daß das "Geschenk" in Japan eine so lebhafte Rolle spielt, ist in einer Art bekannt, in anderer freut es mich, daß es doch dort nicht maßgeblich wird. Man kann das aus der Ferne oft nicht richtig beurteilen und läßt sich von angeblicher Wichtigkeit blenden. Aber es steht ja zum Vergleich ein positiver Wert daneben. Und dafür ist, wie man merkt, dort das richtige Verständnis da. Wie schön, daß Dir durch Kolb dafür die Bestätigung gegeben wurde. Daran wollen wir uns halten und nicht irre machen lassen. Echte Arbeit behält ihren Wert.
Susannes Brief hat mir vieles erzählt, was Du nicht erwähntest. Ich möchte sagen: Du malst mehr die Innenseite. Und doch ist das Verzeichnis mit dem Inhalt der Tage in Kyoto noch ausführlicher. Ob Amano-Hashidate in dem Bilderbuch - mit dem langen Damm im See (wie bei der Reichenau) der Biwasee ist? Immerfort beschäftige ich mich mit Deinen Berichten und habe mich nun endlich auch von Susannes Brief getrennt. Alle Freunde hier
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| nehmen so lebhaften Anteil: Rösel, Adele, Frl. Weber und natürlich der Vorstand, soweit es langt. - Auch Kohlers würden das tun, wenn ich mal wieder allein hinkäme. Vielleicht macht sich das noch vor meiner Reise. Sonst verschiebt es sich auf lange, denn er muß zu einem Schulungskurs und einer Dienstübung. Er ist ja erst 35, und die Pflichtzeit für Militärübungen soll bis zum 60. gehen? So hörte ich wenigstens. Daß er die Stelle in Eberbach nicht bekam, hängt mit seiner früheren pol. Einstellung zusammen. Nur gut, daß sie so gern da oben sind!
- Eben lebt man von Spargel! Und außerdem trinke ich kübelweise kalten Tee, das löscht gut den Durst. Wie ärgerlich, daß Ihr nirgendwo zusagendes Essen finden könnt. Im ganzen soll es doch auch ratsam sein, sich möglichst der Landesart anzupassen. Jedenfalls aber laß Dir nicht den Würstchenkomplex auf den Magen schlagen, wie es voriges Jahr bei Hermann der Fall war. Es ists nicht wert.

1. Juni. Nun ist der erhoffte Regen gekommen, aber natürlich damit auch die übliche Treibhausluft. Denke Dir, heut war ich in der Hautklinik, weil mir die Haare geradezu rapid ausgehen. Es scheint aber nicht viel zu ändern sein, es ist ein allgemeiner Abbau. - Statt dessen wurde mir da etwas Arbeit in Aussicht gestellt. - In der Augenklinik hat die Sache eine Unterbrechung; der arme Oberarzt liegt mit Magenblutung im Krankenhaus. So ist das wieder im Ungewissen, wie alles heut. Jetzt will ich den Brief mitnehmen, um aufs Schloß zu fahren, zum Elly Ney-Trio. Leider ist das Wetter so nervenfeindlich, daß ich keine große Lust - aber ein Billet habe. Sage Susanne nochmals, wie mich ihr Rundbrief freute und habt beide Dank. - Mit vielen, vielen Grüßen
Deine Käthe.