Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 4. Juni 1937 (Heidelberg)


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Heidelberg. 4. Juni 1937.
zum 55!.
Mein geliebtes Herz!
Mit vielen guten Wünschen für Dich komme ich heute und hoffe, daß Dich diese Zeilen rechtzeitig erreichen. Vermutlich werden sie dort Dir irgendwie nachreisen müssen, denn ich hoffe doch, daß Ihr nun "fern von Madrid" seid. In Kyoto war es vermutlich wieder erfreulich - und auch sonst möge Dir Gutes begegnen. Das Beste, was man wünschen kann, ist doch eben die immer gegenwärtige innere Gewißheit; denn sonst gibt es ja nichts Festes auf dieser Welt. Und in dieser Gewißheit ist auch unser Bund - zu zweien und zu dreien - beschlossen. Du weißt, daß er mein höchster Lebensbesitz ist und Deine lieben, mitteilsamen Briefe machen ihn mir immer von neuem beglückend fühlbar. Und außerdem vermitteln sie mir so lebendig den Eindruck Deiner jetzigen Erlebnisse, daß ich eigentlich stärker daran mitlebe, als in meiner unbedeutenden Gegenwart. - Von dieser Gegenwart soll Dir das Paßbild einen Gruß bringen und ein "Blaues Buch", das mir ganz besonders gefiel, ging heute zum gleichen Zwecke ab. Du wirst mit diesen dürftigen Liebeszeichen
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| vorlieb nehmen und verstehen, was sie sagen möchten.
Ein merkwürdiges Wetter haben wir dieses Jahr. Die Temperatur bleibt bei raschen, starken Wechseln, aber der Himmel ist meist klar oder leicht bewölkt und man freut sich der Sonne. In meiner Wohnung ist es wohltuend hell und man hat nie das Gefühl von Enge, trotz des mäßigen Raumes. Vorigen Montag war das alte Ehepaar v. Schoepffer bei mir sehr gemütlich. Der alte Kirchenrat ist fast blind, aber regen Geistes und man versteht sich gut mit ihm. Das ist ein erfreulicher Umgang in nächster Nähe. - Denn - um einmal auch von den Schattenseiten der veränderten Wohnung zu reden - es ist doch beschwerlicher als sonst mit allen Stadtbesuchen. Dann bin ich erstaunt, daß es hier in der stillen Straße am Waldesrand so staubt! Ja, das kommt vom Leimener Cementwerk; man sieht bei Wind die Wolken ziehen. Und wie es sich auswirken wird, wenn der Complex der 10 riesengroßen Bauten da vor mir in der Ebene erst bezogen ist - das wissen die Götter.
Meine Arbeit für Oberarzt Dr. Kokott ist eben unterbrochen, denn er ist schwer krank. Aber Langeweile habe ich deswegen doch nicht; es geht alles langsam und ich hätte viel im Hause aufzuarbeiten, was lange liegen blieb. -
Jetzt aber soll dieser Brief fort. Darum lies all das Liebe, was er sagen möchte, zwischen den Zeilen und sei mit Susanne herzlichst gegrüßt von
Deiner Käthe.