Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 8. Juni 1937 (Heidelberg)


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[re. Ecke]
Heidelberg. 8 Juni 1937.
Mein geliebtes Herz!
Am 4.VI. ging mein Glückwunschbrief nach Tokyo, weil am Sonnabend Posttag ist - und am 5. kam Dein lieber Brief, der mir für den 27. die Adresse in Korea gibt. So will ich hoffen, daß auf einem der beiden Wege meine Grüße rechtzeitig zu Dir gelangen. Du weißt es immer so genau abzupassen, aber umgekehrt scheint es nicht zu gelingen. - Aber Du weißt auch - falls die Post mir nicht gefällig ist - daß meine treuen, innigen Wünsche Dich ins neue Lebensjahr geleiten und daß meine Liebe Dich umgibt, wo Du auch bist! Hier ist die Zeit der Rosen und der Lindenblüte; es ist bezaubernd schön und bis auf zeitweilige Gewitterschwüle, die aber bei uns nicht zum Ausbruch kommt, sondern nur von anders her Kühlung bringt, ist es ein vorbildlicher Sommer. Leise steht nur im Hintergrund der Gedanke an 1911; was wir ja natürlich nicht wünschen können. - -
Inzwischen geht bei Dir die unendliche Kette der Vorträge und dienstlichen Verpflichtungen weiter; ich zähle die Tage, bis Ihr endlich in Hakone landen werdet. Das wird sicherlich ein großer Vorzug sein, daß Ihr Familie Kotsuka dort so nahe habt. - Und habt Ihr wenigstens noch etwas Genuß von dem Aufenthalt in Kyoto gehabt? Bälz war ein Menschenleben über in Japan und blieb im Staunen über den Volkscharakter - wie viel mehr wird es bei Euch der Fall sein in dieser kurzen Zeit. Aber Dein psychologisches Feingefühl wird Dich das Fremde
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| sehen lassen, auch wo es unverständlich bleibt, und das Bild wird sich von selbst formen. Jedenfalls aber teilst Du nicht die banausische Überlegenheits-Anmaßung so vieler Europäer und wirst damit dem Wesen innerlich nahe kommen. Für die Offenheit im Urteil, die gesellschaftliche Zucht dort zurückhält und die Du vermißt, um verstehen zu lernen, könnte wohl nur das Vertrauensverhältnis mit Kotsuka lösend wirken. Dieser Mann ist das wahre Gottesgeschenk! - Ein Geburtstagsgeschenk wird Dich wohl kaum erreichen. Es ging am 4. auch als Drucksache ein blaues Buch ab: Deutsche Volkstrachten, von dem ich hoffte, daß es Dir Freude machen sollte. - Und inzwischen wird es nun wohl Zeit, daß der eingeschriebene Brief mit den kleinen Schriftsachen vom alten Virchow in Tokyo eintrifft. (abg. 21.V.) Deine verwickelten Reisepläne habe ich mit der Karte verfolgt und konnte mich gut orientieren. Von Sendai nach Niigata geht es vermutlich per Auto, denn da ist keine Bahnlinie angegeben. Da ist wohl eine japanische Tagung? Denn die Internationale ist wohl doch erst im August. Inzwischen sind hoffentlich all die Institutsfeiern überstanden. Die Hoffnung auf den Rundfunk will bei mir nach der gehabten Enttäuschung nicht recht Fuß fassen. Ich habe hier meine Fühlfäden ausgestreckt, aber noch nichts von der ganzen Sendemöglichkeit ergründet. Das wird wohl nur sehr mit Auswahl für die Allgemeinheit umgesetzt.
Hoffentlich erfahre ich bald die Adresse für Hakone. Denn in 10-14 Tagen wird dafür schon Zeit sein. Vielleicht bin ich dann gerade im Begriff abzureisen. Denn ich maikäfere noch immer an der geplanten Reise. Von
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| Ruges und Hermann bin ich eingeladen und es fehlt eigentlich nur die Bestimmung des Zeitpunktes. Aber ich möchte nicht fort, ehe sich die Sache mit dem erkrankten Oberarzt entschieden hat, und ehe nicht die Läden an meinen Fenstern gemacht sind. Man hat doch nicht gern fremde Arbeiter ohne Aufsicht in seiner Wohnung.
Die "Erziehung" habe ich bestellt. Ich freue mich darauf, denn an den Forsch. und Fortschr. läßt Adele mich nur noch sehr spärlich teilnehmen. Sie erklärt, die Blätter nicht entbehren zu können, da sie nicht immer zum Lesen käme. Augenblicklich ist sie für eine Woche in Baden-Baden, bei ihrem Sohn Hans - (dessen Frau in Marienbad weilt!). Ich denke, es soll sie erfrischen und ablenken, denn sie brauchts. Es ist doch schwer, in dieser schwülen Zeit, die Nerven zu behalten!
Deine fürsorgliche Frage nach den Finanzen danke ich Dir noch extra. Aber Du kannst unbesorgt sein. Von dem Sparbuch-Landgemeinde ist noch nie etwas abgehoben dort sind also etwa 1120 M, und auf meinem Städt. Sparbuch stehen noch 1650 - von denen also etwa 500 noch "frei" verfügbar wären. Ein wenig verdiene ich ja doch auch nebenher und dann habe ich ja Hoffnung, etwa 20 M Rente zu beziehen!!
Dein Glückwunsch für den Vorstand ist sicher angekommen. Aber sie kann ja so schwer selbst schreiben. Es geht ihr übrigens so gut wie möglich in dem Stift.
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| Und augenblicklich ist die "Wahrsagersche" da, was natürlich eine große Freude bedeutet. - Außerdem hält sie mich nach Möglichkeit in Atem, - d.h. soweit ich mirs gefallen lasse.
Also in Korea soll Dich dieser Brief erreichen. Ich schicke gleichzeitig als Drucksache 10 Ansichtskarten von Heidelberg. Vielleicht dienen sie Dir. Ich wollte doch gern irgend ein Liebeszeichen für Dich haben!
Grüße Susanne und nimm selbst innigste Wünsche und Grüße von
Deiner
Käthe.

[] Und vielen, vielen Dank auch für Dein treues Schreiben!