Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 29. Juni 1937 (Heidelberg)


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Heidelberg, 29. Juni 1937.
Mein geliebtes Herz!
Was von meinen Grüßen mag Dich wohl zum 27. erreicht haben? Die unsichtbaren wohl am sichersten! Ich war am Sonntag ganz still zu Haus und konnte ungestört meinen Gedanken nachhängen. Im übrigen gab ich mich nützlicher Hausarbeit hin und habe viel geschlafen. Wir haben wieder viel Treibhaus-Witterung, die sehr mitnimmt, und außerdem bin ich noch immer mit Schmerzen geplagt durch die nicht typische Gürtelrose. Es war eine Erkältung vor 14 Tagen bei der heißen Zeit und plötzlichen kalten Windstößen.
Wie mag es wohl inzwischen bei Euch sein - die Überfahrt nach Korea, vor 10 Tagen das Jubiläum, die Nachrichten von zu Hause - u.s.w. Hoffentlich ist mit jener Aussprache die Krise dort behoben; wie sehr wünsche ich, daß da wirklich eine verläßliche Basis vorhanden wäre. Wo in der Welt ist jetzt ein friedliches Plätzchen?! Und wie soll man das auch bei solch endlosen Reisen finden! Ich verfolge Deine Wege nach Deinen lieben Berichten und lese noch viel zwischen den Worten. Denn ich spüre auch die Stimmungen. Möge all die Anstrengung dieser Wanderzeit Dir das Gefühl geben, daß sie fruchtbar angelegt war.
- Die Drucksachen aus Matsushima haben mich sehr entzückt. Die letzte und der Brief vom 8. Juni kamen gerade, als ich nach Schönbrunn fuhr. Dort ist
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| von Versetzung nicht mehr die Rede, sondern es wird ein Zimmer im Dachstock ausgebaut und im übrigen ist alles verliebt in das Jüngste. Die Kleine ist aber auch wahrhaft entzückend, so ruhig und normal, so niedlich und zufrieden. Sie sieht sich schon ganz verständig um und reagiert sichtbar auf Anrede. Alles an dem Kind ist ebenmäßig, aber ungemein zierlich, ich mußte dieses lebende Kunstwerk immer wieder anstaunen. Die Eltern waren herzlich wie immer und wir hatten allerlei eingehende Aussprachen. Auch an Dir und dem Leben dort nahmen sie lebhaft Anteil. - Und nun richte ich mich zur Abreise. Manchmal kommt es mir recht leichtsinnig vor, solch weite Reise - (nach Stolp und Rügen!) in dieser Zeit zu wagen. Aber man wird Fatalist und lebt vom Tage. Denn was hilft das Sorgen? Wir können’s nicht ändern, es kommt, was kommen muß, und kommt zu seiner Zeit. Auch die Menschen auf einem Vulkan gewöhnen sich an das unterirdische Grollen. Wie ist es denn damit in Japan? Es waren wohl immer nur leichte Beben? Die Tochter des Samurai habe ich immer noch nicht sehen können. Vielleicht in Berlin!
Wenn Du zum 19. Juni in Tokyo warst, dann hoffe ich, daß Du den Brief mit den kleinen Schriftsachen von R. Virchow vorgefunden hast. (21.V. abgesandt. Dann schrieb ich am 28.V. am 4.VI. 8.VI. u. 18.VI. außerdem noch 2 Drucksachen) Ich bin so froh, daß Deine Beschwerden im Ohr wieder vorbei sind. Vielleicht war es eine Erkältung. - Grüße Susanne herzlich. Hoffentlich seid Ihr beide gesund. Wann seid Ihr in Hakone? Vermutlich längst, wenn dieser Brief kommt. Viel innige Grüße von
Deiner Käthe.

[li. Rand] Dank für alle lieben Nachrichten! Am Sonnabend d. 3. Juli hoffe ich also in Berlin zu sein!