Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 19. Juli 1937 (Lütting, bei Nardevitz über Sagard /Insel Rügen)


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Lütting, bei Nardevitz
über Sagard. /Insel Rügen
19. Juli 1937.
Mein geliebtes Herz!
Diesmal schreibe ich auch mit Blei- resp. Tintenstift, denn ich sitze im Garten bei Ruges, oberhalb vom Strande mit dem Blick auf die blaue, unendliche Fläche des Meeres. Seit Freitag sind wir hier, von Carl im Auto gefahren, nach Überwindung der Berliner Vororte überwiegend durch schöne Wälder, durch Neu-Strehlitz, Neu Brandenburg, Stralsund, über den Rügendamm - hierher auf die Insel Jasmund, wo das reizende kleine Häuschen in verwandtschaftlicher Nachbarschaft und nahe beim Dörfchen Nardevitz liegt. Ich habe erst an Ort und Stelle einen Eindruck von der Ausgedehntheit des Rugeschen Familienbesitzes bekommen, den Vater Carl in den achtziger Jahren erwarb. Es sind etwa ½ km Strand und steil ansteigende Küste mit entsprechenden Landstreifen ebenen Bodens dahinter, wo die verschiedenen Häuser, eingebettet in schönen Laubwald u. Gärten liegen. Der ganze Wald ist vom alten Karl Ruge allmälig angeforstet worden, es war ursprünglich nichts als Seedorn u. Haselbüsche am kahlen Abhang. Der Strand ist steinig, unendliche Mengen abgeschliffener Granitsteine, aber deshalb vom üblichen Badepublikum nicht so gesucht und einsam. Man kommt sich vor wie in einer fernen Welt. - Nun denke ich mir, daß auch Ihr in Hakone ein ähnliches Eldorado gefunden habt und nach all den unendlichen Strapazen ausruht.
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| Hoffentlich gestatten die Verhältnisse ein wirkliches Ausruhen. Deine letzte liebe Karte (es waren 2 aus Keijo) ließ eine ähnliche Stimmung vermuten, wie sie mich schon länger beherrschte. Jetzt hier sind wir ebenso entfernt von alarmierenden Nachrichten, wie Ihr es dort wart, und ich lasse mich von dem Frieden der Umgebung tragen. Ich muß an den Mann im Syrerland denken, wenn ich das unbesorgt glückliche Familienleben sehe, in dem man sich ja auch von Herzen wohlfühlen muß. Sie sind in ihrem frohen Gedeihen und ihrem äußeren Behagen, das sie bewußt u. maßvoll genießen, Menschen auf der Höhe des Lebens. Carl ist ja angestrengt tätig und sieht oft recht abgespannt aus, aber im Familienkreis ist er munter und mit seiner Jüngsten auf ständigem Neckfuß. - Heute früh um 4 Uhr ist er wieder mit seinem Wagen nach Berlin abgefahren, und um 11 dachte er zu operieren. - Leider ist Inge mit Fieber aus dem "Lager" nach Haus gekommen, und wir sind heute recht in Sorge um sie. Man hofft nur, daß es nichts Schlimmes wird. Sie liegt an diesem wunderbar schönen Sommertag zu Bett und schläft ununterbrochen. - Vom Hause geht man zunächst ein kleines Stück über Wiesenrasen, dann beginnen die Buchen, und dazwischen sind zwei Durchblicke auf die See frei gehalten. Dort sehe ich von meinem Liegestuhl aus die weißen Segel und die großen Dampfer, die Fischerboote und die Fluggeschwader ziehen. Die Sonne brennt, aber hier unter dem Halbschatten der Bäume geht ein kühler Seewind - es ist einfach ideal. Und das
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| Schönste ist, daß dieser steile Uferhang so sehr an unsere Steilküste am Überlinger See erinnert. Nur ist es auch hier Salzwasser, wennschon nicht vom Pazific!! - - -
- Nun waren wir - Aenne und ich - nachmittags in Lohme und haben einen wunderschönen Rückweg über die Höhe gemacht. Über den vorzüglich stehenden Feldern jubelten die Lerchen, die schwarzweißen Kühen grasten behaglich und über allem lag der warme Glanz der untergehenden Sonne. In solcher Stunde vergißt man die drohenden Wolken und den fernen Donner und fühlt nur die begnadete Gegenwart. Und in dieser Gegenwart ist immer mit untrüglicher Sicherheit empfunden: Deine Nähe über alle trennende Materie hinweg. Ob ich die geplante Station auf der Rückkehr [über der Zeile] für Dich wünschen soll, ist mir ungewiß. Vielleicht verbietet es sich durch die Verhältnisse von selbst. In Bezug auf den Flug der Raben muß ich Deinen Erwägungen allerdings zustimmen. Mit Carl ist es in gutem Einvernehmen gegangen, denn ich weiß ja, über diese Fragen gibt es keine überzeugenden Gegengründe. Und die ganze Familie ist so lieb und herzlich mit mir, daß ich es nur dankbar genieße. - In Berlin ist ja allerlei unerledigt geblieben. So war z. B. Käthe Silber nicht telefonisch zu erreichen, wohl verreist.
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| Und überhaupt war ich nicht sehr unternehmend, bin nicht mal in Pankow gewesen. Vielleicht macht sich das bei der Rückreise. - Jetzt plane ich etwa am 30. nach Stolp zu fahren und von dort etwa am 12.VIII. wieder mich nach Haus zu "<1 Wort unleserlich>". - Hier ist es wirklich zum Erholen gemacht und das Dasein von einer so weltfernen Stille, daß man durch keine Turmuhr geweckt wird, höchstens durch den Gesang der Vögel. Eins aber ist unerfreulich und ich denke immer an Susannes Abneigung dabei, und das sind die Flugzeuge, die viel über der Küste kreuzen. Es ist eine Marinestation in der Nähe.
Jetzt will ich "ins Dorf" gehen; das sind nämlich 3 oder 4 Bauernhöfe, die sich zusammengefunden haben mit einer Wirtschaft und einem Schulhaus. Sonst liegen die Gehöfte in den weiten Flächen der schön bebauten Felder verteilt. - Durch Greifswald sind wir auch gefahren, (eine kleine Ackerbürgerstadt) und das Denkmal von Dorchläuchting und der Bäckersfrau haben wir besichtigt; leider reichte die Zeit nicht, die schönen Backsteinkirchen auch von innen zu sehen. - Jeden Morgen wandern wir ¼ Stunde um die Milch zu holen, es ist bei dem schönen Wetter ein Vergnügen. -
Also noch einmal: hoffentlich geht es Euch so gut wie mir! Von Aennchen soll ich Euch vielmals grüßen, grüße auch Susanne herzlich von mir.
Viel liebe Gedanken wandern zu Dir, mein Herz, von
Deiner Käthe.