Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 29. Juli 1937 (Lütting, bei Nardevitz über Sagard /Insel Rügen)


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Lütting auf Rügen
bei Nardevitz über Sagard.
29. Juli 1937.
Mein geliebtes Herz!
Bis jetzt ist mir von Hakone noch keine Nachricht gekommen. Aber ich hoffe sehr, daß Ihr dort nun in äußerer und innerer Ruhe nach all den Strapazen gelandet seid und es Euch wohl sein laßt. Mein erster Brief von hier hat wohl noch von gutem Wetter berichtet, aber im ganzen sind wir davon nicht begünstigt gewesen, und es war daher doppelt angenehm, daß wir in diesem reizenden, behaglichen Häuschen geborgen sind. Der Grundriß ist nur 7-8 m, und in jedem Stock sind 3 Räume, aber im Erdgeschoß schließt sich daran eine Veranda mit Verglasung ringsum, unter der die Garage u. über der ein Balkon ist, etwa 4-7 m, was dem Ganzen etwas ungemein Geräumiges gibt, umso mehr als die Wohnräume unter sich und mit der Veranda durch ganz breite Türen verbunden sind. Alles ist so licht und geschmackvoll ausgestattet, praktisch und bedacht. Ein großer Vorzug ist die Lage seitab von der Verkehrsstraße, nur hin und wieder erscheint ein verirrtes Auto oder ein bestürzter Passant, der keinen Ausweg aus dieser Sackgasse findet. Das alles wäre ideal, wenn Inge nicht krank wäre. Sie ist seit dem Aufenthalt im Lager nicht wohl und nach einem Abflauen des Fiebers kam sie erneut auf 39.² etc. - - , ohne daß sich irgend etwas Genaues feststellen ließe. Das
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| ist natürlich recht beunruhigend, und wir - Aennchen und ich - sind in großer Sorge, ohne daß wir es uns so recht gestehen. Gestern ist der Dr. aus Sagard dagewesen, der vorläufig auch noch keine Diagnose stellen konnte, und wohl morgen wieder kommen wird. Das liebe Mädel liegt ziemlich apathisch da und bleibt am liebsten ganz ungestört, lehnt ziemlich alles Eßbare ab und man ist ratlos.
An einem der Tage, als es Inge besser ging, und auch das Wetter sich aufgehellt hatte, haben meine Schwester und ich einen sehr hübschen Weg über Lohme nach Stubbenkammer gemacht. Der hohe Buchenwald, die bewegte See, die mächtigen Felsen waren wirklich schön, wenn es sich wohl auch mit der Üppigkeit der Natur bei Euch dort nicht messen kann. Über den [über der Zeile] Weg am Herthasee gingen wir zurück (hin u. her etwa 4 Stunden) und alles bot sich uns in stimmungsvoller Beleuchtung, auch das letzte Stück über die Höhen mit den fast reifen Kornfeldern im Abendschein und dem unendlichen blauen Meer als Abschluß. -
Am nächsten Montag (2.IX.) denke ich nach Stolp zu fahren und dort etwa 2 Wochen zu bleiben. Dann geht es so peu à peu auf die Rückreise. Hier ist man so weltentrückt, daß man ganz vergißt, daß es auch ein stürmisches Treiben da jenseits des Wassers gibt. Für eine kleine Weile mag das gut sein; ich schalte ja überhaupt dieses Gebiet hier aus. Aber im tiefsten Innern bin ich voll Staunen, daß es solche Weltferne noch gibt. Es kommt mir oft vor, wie im Haus Brose vor 50 Jahren; derselbe in sich begrenzte, still zufriedene Wohlstand. - Etwas erholt habe ich mich wohl, wenn ich es auch nicht gerade sehr empfinde. Wir müssen für meinen Geschmack zu viel drin sitzen. Ich war in der ganzen Zeit nur 4 x am Strand , sonst war es zu naß!
<li. Rand> Auch das ewig feuchte Klima ist wohl nicht gerade günstig für die Nerven. - Möchte ich doch von Dir bald recht Gutes hören. Grüße Susanne vielmals und sei selbst in Liebe gegrüßt-04-
von Deiner Käthe.

[li. Rand S. 1] Die Post kam immer pünktlich nach. Jetzt bestelle ich wieder um nach Stolp.