Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 19. August 1937 (Bahn/Stolp-Ruhnow)


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In der Bahn Stolp-Ruhnow.
19.8.37.
Mein geliebtes Herz!
Soeben habe ich mich von Hermann u. Hete verabschiedet, und nun geht - in Portionen - die Rückreise vor sich. Heute abend werde ich in Haseleu sein bei der Broseschen Cousine. Von dort will ich noch 2 Tage nach Gollnow, um Familie Eggert zu sehen. Klärchen Fürst konnte nicht nach Stolp kommen, weil sie als Emigrantin gilt. Das tat mir recht leid. - In Stolp war es sehr behaglich. Besonders gern bin ich immer mit Frl. Dr. Schwarz zusammen und ich habe mit ihr einen sehr hübschen Tag in Stolpmünde verbracht. Bei ihr traf ich dann auch Frl. Gisela Schütz, die mit Interesse nach Dir fragte und Dich grüßen läßt.
Von den Kindern ist ja wenig zu erzählen. Es verläuft alles normal. Sie haben sich nett entwickelt und sind untereinander merkwürdig verschieden. Gisela hat die Flegeljahre jetzt überwunden und ist viel genießbarer geworden. Am meisten schließt sich immer die kleine Helga an. - Und dann kam zum Schluß auch noch die Älteste, Irmgard, die eine zierliche, energische, sehr niedliche Person ist. Sie steht vor dem Examen als Laborantin und soll dann in Berlin Praktikantin sein im Robert-Koch-Institut. Heinz schrieb aus Osnabrück,x [li. Rand] x Hermann habe ich, soweit es geeignet war, mitgeteilt, was Du über seinen Sohn schriebst. Er ließ es sich abschreiben, denn es gab ihm zu denken. Allerdings hat er Bekannte bei dem Volk, die persönlich über die Aussichten für die Institution schwarzsehen. Aber er weiß, daß niemand Gewisses weiß. wo er eine Hochzeit mitmachte. Ein Bild von ihm bei dieser Gelegenheit läßt ihn sehr schneidig u. hübsch erscheinen. - Mit Hermann habe ich ein paarmal allein ein nettes Plauderstündchen gehabt. Er ist im ganzen sehr ruhig und nicht gerade sehr optimistisch, obgleich er ja die Grundeigenschaft hat, immer die gute Seite einer Sache zu sehen. - Ich gehe eigentlich mehr wie in einer Art Schlafwandel herum. Wenn ich den Mut hätte, die Dinge so zu sehen, wie ich sie ahne - dann würde mir wohl das Herz sehr schwer. So lasse ich mir aber den Trost, daß es doch auch anders kommen könne. - Dein lieber Brief vom 27. Juli redet leider von ähnlicher Stimmung, und all Deine Worte klingen mir im Herzen weiter. Ganz abgesehen von anderen Dingen: werden wir nicht bald in Sorge sein müssen, ob die spärliche Postverbindung nicht ganz abreißen könnte? Ich habe mir ausgerechnet: wenn ich auf den Schiffsverkehr angewiesen sein sollte, so könnte Dich ein Brief vor dem 1. Oktober garnicht mehr erreichen. Und wann entscheidet es sich denn mit der Rückreise?
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| Inzwischen war auch der Kongreß, von dem ich mir für Dich wenig Freude verspreche. - Die Post findet mich übrigens immer pünktlich, nur ist in letzter Zeit jeder Brief auf der Devisenkontrolle geöffnet. Es müssen wohl viel Gelder geschmuggelt werden! - -
Sehr gerne würde ich Dir die Aufnahmen schicken, die ich auf Rügen gemacht habe. Sie können sich freilich mit den Bildern von Susanne weder inhaltlich noch an Schönheit messen. Aber es wäre nett, wenn Du sie sehen würdest. - Während ich schreibe, sind mir die Zeitungsnachrichten aus dem Osten bekannt, inzwischen aber rollen die Dinge weiter, und Du bist vielleicht in einer völlig veränderten Situation.
Wie weit die Spanne von Nachricht zu Nachricht ist, merke ich an Deiner Frage wegen der Gürtelrose. Die Sache ist so allmälig in Berlin abgeflaut, es war aber kein Ausschlag, sondern nur recht empfindliche Schmerzen, so als wäre überhaupt keine Haut da. - Ohne Zweifel habe ich mich nun durch die lange Ruhezeit doch etwas erholt. Aber es fehlt die rechte Schwungkraft. - Auch Hermann ist noch nicht wieder auf der Höhe, und scheint mir alle Anlage zum Hypochonder zu haben.
Schrieb ich Dir eigentlich von dem ersten Japanforscher: Engelbert Kämpfer? Er soll bei Nagasaki ein Denkmal haben. Carl hat mir 2 Bücher über ihn geschenkt, und natürlich interessiert mich alles, was von Japan handelt, und zwar wirklich in echter Weise. Das eine ist eine etwas romanhafte Biographie, die aber auf guter Sachkenntnis aufgebaut ist, das andere ist mehr mit Originaltext und Illustrationen.
Da ist in Deinem lieben Brief noch die Schilderung der Naturlaute, die teils stimmungsvoll, teils fast störend waren. Ähnlich friedlich war es in der Einsamkeit um Lütting, wenn Inge auf der Blockflöte blies. Sie war im Haus und ich im Liegestuhl am Waldrand - so klang es nur wie aus der Ferne, wie ein Stück Natur. Unser Patient ist jetzt in Berlin fieberfrei, aber was die Krankheit eigentlich war, blieb dunkel. - - Ich werde in Ruhnow den Brief einstecken und ihm gute Wünsche mitgeben. Am Dienstag in Berlin kann mich wieder nachgesandte Post erreichen. - Wie hübsch ist dies Land mit seinen sanften Höhenzügen und der fruchtbaren Ebene. Überall steht aber noch viel geschnittenes Korn auf den Feldern und will nicht trocknen. Dabei soll es in Heidelberg wieder unsinnig heiß gewesen sein. - Habe vielen Dank für die Bilder und sei innig gegrüßt. Im nächsten Brief wirst Du wohl schon Nachricht <li. Rand> von Frau Witting gehabt haben. Ich bin doch froh, daß ich sie im vorigen Jahr noch kennen lernte. Grüße Susanne herzlich. Ist sie dauernd gesund? - Meine treuen Wünsche sind mit Dir.
Deine Käthe.