Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 27. August 1937 (Berlin)


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Berlin. 27. Aug. 1937.
Mein geliebtes Herz!
Auch hier sind täglich Gewitter mit starken Regengüssen, und so bin ich durch die Ortsveränderung der Heidelberger Luft nicht entgangen, wenn die Schwüle sich auch nicht mit der bei Euch messen kann. Ich hoffe sehr, daß Du nach dem Kongreß noch endlich eine längere Ruhezeit in Hakone gehabt hast. Jetzt wird sie vermutlich zu Ende gehen, und es wird sich zeigen, was in der restlichen Epoche noch durchzuführen ist. Von der Tagung (4.VIII.) klangen die Berichte in persönlicher Hinsicht ja ganz erfreulich. Hoffentlich ging die Sache weiter so. Ich hatte mir die Namen der d. Delegierten aus der Zeitung abgeschrieben, und wäre begierig, mir davon erzählen zu lassen. Wie soll das nur alles später möglich sein! Da brauchte man ja Wochen. - Meinen Brief mit dem Dank für die letzte Bildersendung (aus Ruhnow) wirst Du erhalten haben, wie überhaupt alles mit der Zeit anzukommen scheint. Inzwischen war ich also in Haseleu; ein Herrensitz, der den Hintergrund für eine Stormsche Novelle abgeben könnte. Dann Gollnow - im Druck der Gegenwart. Man formulierte die Sache so: ich sitze in einem Schiff, das ich nicht verlassen kann,
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| also muß ich mir wünschen, daß dies Schiff nicht kentert. Von Japan hatte "der alte Knarx" ganz wunderschöne, große, getönte Photographien, vielfach die gleichen Motive, wie in dem hübschen Buch von Dir. Er war freundschaftlich, wie sonst, machte aber sonst einen recht gedrückten und maßvolleren Eindruck. Einzelheiten zu schreiben, würde zu weit führen.
Im V.B., den Carl hält, las ich einen Bericht über Tientsin vom Graf Urach. Danach sollte man eigentlich nicht zweifeln, daß auch ohne offizielle Erklärung der Krieg im Gange sei. Ich habe die Idee, daß Japan nicht angefangen hätte, wenn es nicht seiner Sache sicher wäre. Aber ich habe natürlich kein noch so bescheidenes Urteil. - Ruges sind gestern mit Inge nach Lütting gefahren, denn das Kind muß noch sehr geschont und gepflegt werden. Über die Erkrankung hüllte man sich möglichst in Schweigen und ich erfuhr erst hier mit großem Schrecken, um was es sich eigentlich gehandelt hat. Dadurch, daß der Rügener Arzt nicht noch einmal kam und daß hier bei der Rückkehr die Höhe der Sache schon vorüber war, blieb man von einer Verpflichtung, den Fall zu melden, verschont. Es war aber aller Wahrscheinlichkeit nach ein - (zum Glück nur leichter) Fall von spinaler Kinderlähmung. Obgleich ich schon in Rügen immer das Gefühl einer sehr ernsten Sache hatte, war ich jetzt doch sehr entsetzt. Solange Ruges da waren, fühlten sie dauernd sich veranlaßt, mir Unterhaltung zu bieten. So war ich eines Abends im
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| Stadion zu der Aufführung: 700 Jahre Berlin in einer Bilderfolge. Es war mir doch sehr interessant und ich fand es rein künstlerisch betrachtet äußerst wirkungsvoll, ohne Knalleffekte. Bald war es strömende Fülle in den Menschenmassen auf der Bühne, bald fügte es sich zu Gruppen und Beziehungen. Auch der Eindruck des Gebäudes trotz seiner enormen Maße wirkt harmonisch geschlossen. Heut war ich noch einmal am Tage dort, um auch die anderen Anlagen zu sehen: Schwimmstadion, Maifeld, Dietrich-Eckart-Bühne - alles technisch und ästhetisch von hoher Vollkommenheit. - Aber nicht nur die Jetztzeit übte ihre Macht aus, auch die Vergangenheit kam zu ihrem Recht. Schon auf der Hinreise hatten Aennchen und ich einen Besuch in Pankow-Schönhausen geplant. Jetzt fuhr uns Carl am Mittwoch mit dem Auto hin, um im Schloß eine hübsche Ausstellung von Berliner Kunst und Kunstgewerbe der letzten Jahrhunderte zu sehen. Auch im Brosepark waren wir und auf dem Grabe meiner Mutter konnte ich ein paar Rosen niederlegen, - Dein gedenkend. Bist Du doch ständig bei mir!
Gestern benutzte ich dann gleich meine freie Zeit, um nochmals nach Dahlem zu fahren. Ich hatte - nach einem wieder vergeblichen Versuch - doch noch Frl. Käte Silber bitten können, dort mit mir zusammen zu treffen. Wir gingen dann noch draußen an der
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| Ubahn entlang spazieren. Ich erfuhr, daß sie noch an der Schule tätig ist, aber wie es scheint mit Unlust. Sie hatte mir auch nicht mitgeteilt, daß im Winter ihre Mutter gestorben ist. Das ist natürlich ein großer Einschnitt in ihr Leben, und ich fand sie auch recht verändert. Es ist wohl begreiflich in ihrer Lage. Immerhin geht es ihr doch nicht ganz schlecht. Sie war wieder zur Erholung in der Schweiz, im Engadin.
In Dahlem hätte sie immer alles sehr geordnet gefunden. Diesmal bekam ich auch den Mann zu sehen, der für Dich ein Unterkommen für die enormen Gabenkisten besorgen soll. Er meint, vielleicht wäre es bei seiner Werkstatt möglich. Aber davon werden sie wohl selbst berichten.
Hierher kamen mir 2 Hefte der Erziehung nach, aber ich muß bekennen, daß ich noch wenig davon gelesen habe; hauptsächlich interessiert mich Wenke über die pädagogische Lage. Deine Berichte über die Aussichten der Zeitschrift scheinen sich zu widersprechen. Gibt es wirklich kein Publikum mehr dafür? -
Am Montag, d. 30. will ich also hier abreisen. Ich blieb so lange, weil Hilde sonst ganz allein wäre und ich bin doch ihre Patentante. Am 31. denke ich in Kassel-Hofgeismar [über der Zeile] zu sein und am 1. nachmittags in Heidelberg. - Dort werde ich dann wohl wieder Nachricht von Dir finden, die mich ja bisher immer dort empfing, wohin ich gerade kam. Habe Dank für Dein treues Schreiben und sei mit Susanne sorglich gegrüßt. Wie oft wird Euch ein Brief von hier noch erreichen? Vorläufig schicke ich ruhig weiter, eventuell versuche ich es mal mit der Luftpost. Vielleicht gibst Du mir Adressen für die Rückreise an? - Heute <li. Rand> kam eine Karte von Frl. Lampert aus Rubi bei Oberstdorf, voller Zufriedenheit. Doch es ist spät und darum für heut, gute Nacht, mein liebes Herz.
Deine Käthe.