Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 7. September 1937 (Heidelberg)


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Heidelberg. 7. Sept. 1937.
Mein Einziger!
Gestern bekam ich Deinen lieben Brief vom 18.VIII. der von der üblichen Temperatur und den nächtlichen Winden spricht. Es ist schwer, unter solchen Bedingungen zu arbeiten. Aber ich weiß, daß Du nicht lassen kannst zu wirken, was Deine Bestimmung ist. Wo wäre sonst Frieden zu finden in dieser Welt? - Am Sonnabend konnte ich leider den Anschluß an die Sibirienpost nicht mehr erreichen. Eine andere, schnellere Beförderung gibt es aber nicht, und so muß ich hoffen, daß auch dieser Zettel auf dem üblichen Weg zu Dir kommt, ohne von den Verwirrungen im Osten verschlagen zu werden. - Seit Mittwoch (d. 1.) bin ich also wieder hier, von den Wirtsleuten mit Blumen in meinem Zimmer frdl. begrüßt. Es ist seitdem ununterbrochen heiteres Wetter, warm mit einem herbstlichen Unterton, geradezu ideal. Das wird auch Äpfeln und Trauben sehr zugute kommen. Am Sonntag haben Frl. Seidel, Marga Jannasch u. ich es benutzt zu einem sehr gelungenen Ausflug nach Gaiberg, mit Lagern im Freien, gutem Essen beim "Gaul" und Kaffee am Speyrer. Es war eigentlich der einzige richtige "Ferientag". Denn von der Natur, die doch bei uns sonst der Hintergrund war, hatte ich diesmal herzlich wenig; kleine brave Spaziergänge in Stolp, aber nur eine Tagestour nach Stolpmünde mit Gertrud Schwarz. - In Berlin
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| erfuhr ich dann erst die ganze Größe der Gefahr, die wir mit unserer Inge überstanden haben. Es war spinale Kinderlähmung, und aus dem Mädchenlager auf Rügen, das die drei Rugetöchter mitgemacht hatten, sind mehrere Fälle bekannt geworden. Es sollen in Zukunft solche Lager für die Mädchen fortfallen. - Inge scheint zum Glück keine bleibenden Nervenstörungen behalten zu haben, sie war nur sehr angegriffen und wird sich hoffentlich mit den Eltern auf Lütting gut erholen. Auch meiner Schwester tat das dringend not. - Von dem K.D.F. merkte man in Nardevitz nichts, und es liegt auch so weit entfernt, daß es da nicht störend werden kann. Ganz südlich von Binz soll das große Bad an einem sonst unbebauten Küstenstrich im Laufe der nächsten zwei Jahre entstehen. Aber da oben, wo die Ruges alle sitzen, ist Steinstrand und der ist gründlich unbeliebt. Auch Lohme hat solchen und nur ein Stückchen künstlichen Sand. -
Gleich am ersten Tage bekam ich hier für die Augenklinik zu tun. Und nun heißt es überhaupt sich wieder eingewöhnen! Es ist mir garnicht schwergeworden und trotz der Wärme (23°R) ist es mir höchst behaglich in meinem Nest. Nachts kühlt es wundervoll aus, und ich schlafe gehörig nach, was eigentlich schon lange nötig ist. Aber in Berlin war immer Strapaze und in Rügen die Sorge. - Schrieb
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| ich Dir eigentlich von der Vorführung im großen Stadion "700 Jahre Berlin" - zu der mir Carl ein Billet schenkte? Es war sehr eindrucksvoll und geschlossen in der Wirkung. – Eine Todsünde habe ich aber in Berlin begangen: ich war nicht bei der Wingeleit!! Aber das wäre wirklich unmöglich gewesen. - Gerade als ich hier ankam, gab man noch einmal: die Tochter des Samurai, und ich konnte nicht widerstehen; das war aber auch gut. Denn ich habe dadurch erst wirklich einen Eindruck bekommen. Die Aufführung im Berl. Planetarium war miserabel. Man verstand kein Wort und die Hälfte der Bilder war gestrichen, das Übrige ganz lieblos heruntergerattert. Und besonders die Naturaufnahmen wirkten hier ganz anders.
Nachdem ich Hilde noch tüchtig geholfen hatte, ihren "Ahnenpaß in Bildern mit erläuterndem Text"! herzustellen, fuhr ich am Montag mit kurzer Unterbrechung in Halle nach Kassel. (Lili Scheibe wird eine Mittelmeerreise machen und vielleicht Frau Louvaris in Athen aufsuchen.) In Kassel blieb ich bei Schwidtals, fuhr den Dienstag nach Hofgeismar, leider ohne Georg und Anneliese zu treffen. Diese heiratet am 13.IX. einen Regierungsassessor v. Schlotheim. - Auf dem Kasseler Friedhof besuchte ich am 31. die Gräber der drei Geschwister meines Vaters. Und ich weiß, an diesem Tag begegneten sich unsere
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| Gedanken besonders lebhaft. - Jetzt habe ich mir einen Fahrplan vom Nordd. Lloyd geholt und studiere Eure Rückreise. Yokohama ist diesmal garnicht genannt, nur Kobe. Ihr werdet also vermutlich diesmal auf der Potsdam fahren. Nach unserer Zeitung hat die Gneisenau in Shanghai Flüchtlinge aufgenommen. Möchte bis zu Eurer Reise in den Gewässern Ruhe herrschen. Unsere Berichte lassen viel vermuten über russische Drahtzieher allenthalben. -
Auf meiner Reise war ich doch wieder sehr entzückt von unserem lieben deutschen Vaterland. Überall das bebaute und gepflegte Land, die durchschnittlich guten Felder. Nur ganz wenig sah man schwarzgewordenes Getreide, denn die Regenzeit war ja sehr lang. Und besonders Hessen mit seinem interessanten Profil und der sauberen Hauptstadt gefiel mir sehr. Hier ist der Wald der Kasernen inzwischen farbig geworden. Jede noch vorhandene Lücke mit einem Riesenbau ausgefüllt. Aber drüber hin blicke ich noch auf die Hardtberge und rechts und links ist etwas Grünes übrig. Werdet Ihr's Euch ansehen im November?
Der Vorstand ist recht mobil und anspruchsvoll wie immer. Ich bin anfangs immer etwas überwältigt, bis ich das richtige Maß der Abwehr finde. - Wenn es geht schreibe mir doch, wo Du eventuell auf der Rückfahrt?postlagernd? zu erreichen bist. Dorthin kommen nun wohl nicht mehr viele Briefe! - Grüße Susanne recht herzlich und sage ihr, es hätte mich gefreut, ihre Handschrift zu sehen!
<li. Rand> Noch viele gute Wünsche für die letzten Wochen dieser interessanten Epoche.
<Kopf>
In stetem Gedenken grüßt Dich
Deine
Käthe.