Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 14. September 1937 (Heidelberg)


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Heidelberg. 14. Sept. 1937.
Mein geliebtes Herz!
Nun ist der kurze Nachsommer plötzlich zu Ende und mein Wirt hat heute von selbst die Heizung angezündet. Es wäre aber auch unmöglich, ohne das im Zimmer still zu sitzen. Die ganze Nacht hat der Sturm ums Haus getobt und jetzt sehe ich vor dem scharf gezeichneten Hardtbergen die einzelnen Regenhuschen hinziehen. Das Wetter ist "unfreundlich", aber bei Euch war Taifun!! Das ist eine von den wenigen Nachrichten aus der Welt, die durch die Fassade der Nürnberger Ereignisse zu uns drangen. Aber von Dir, mein Liebstes, kam außer dem Brief vom 18. nun noch die Karte vom 22. Aug., die von Frau Witting spricht. Ich wußte es, wie sehr es Dich betrüben würde, wenn man ja auch darauf gefaßt sein mußte. Die buddhistische Lehre über den Grundzug des Lebens ist schon richtig, aber das Christentum hat die Überwindung in der Liebe gefunden und sie läßt uns nicht nur passiv dulden. In diesem Sinne hat mir meine Reise manche wirklich erfüllte Stunde gebracht und ich habe, wenn auch leider wenig Erholung, so doch innere Bereicherung hineingebracht. Wenn auch bei allem heutzutage der Gedanke des Letztmaligen im Hintergrund steht, so scheint es mir doch von bleibendem Wert, wenn man in dieser für alles Persönliche so gleich
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|gültigen Welt eine vertiefte Berührung mit lieben Menschen findet. - Das sind die Lichtpunkte im Nebel, deren Du ja doch viele da drüben gefunden hast. Dadurch werden allerdings die äußeren Bedrängnisse nicht geringer. Ich kann nicht leugnen, daß ich mit Bangigkeit an Eure Rückreise denke. Es wird wohl kaum bis dahin die Zeit der Stürme vorüber sein! Was Du mir von Nachrichten über die Lage mitteiltest, stimmte immer genau auf meine eigenen Beobachtungen. Man kann also nur sagen: möge der Himmel gnädig sein! Er hat ja so viele Möglichkeiten in der Gruppierung der Kräfte. Er kann auch machen, daß - - der chinesische Schneider in Tokyo Deine Hosen schickt!
Mit dem Vorstand habe ich mich jetzt wieder verständigt. Sie hätte mich ja am liebsten täglich engagiert! Die anderen Bekannten besuche ich nach und nach. - Der Mann von der Frau Leoni-Mathy, die Du mal in Partenkirchen sahst, ist ganz plötzlich gestorben. Er war der Familie rein menschlich und wirtschaftlich von großer Bedeutung. Wie nobel hat er sich damals in der Affäre mit seiner Frau benommen. - Der Sohn von Heinrich Eggert, der das medizinische Staatsexamen machte, aber in Deutschland nicht zugelassen wird, strebt ins Ausland. Es schwebt eine Sache. Wenn daraus nichts wird, wäre wohl in Japan eine Möglichkeit? Heinrich war s. Z. in deutschen Diensten dort. Meine Schwester schrieb begeistert von Rügen, wo sie diesmal ungetrübte Zeit genießen. Inge erhole sich langsam aber stetig. - Ich will jetzt den Brief mitnehmen und Frau Ewald <li. Rand> besuchen. Drum nimm mit dem kurzen Gruß vorlieb, der Dich und Susanne hoffentlich wohl antrifft. Die letzten Nachrichten schickte ich schon wieder an die Deutsche Botschaft.
<Kopf>Jetzt bin ich schon fast ein Jahr in dieser Wohnung. Ich bin so gern darin und freue mich, wenn Du sie sehen wirst.
Sei in Liebe gegrüßt von
Deiner Käthe.