Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 21. September 1937 (Heidelberg)


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Heidelberg. 21. Sept. 1937.
Mein geliebtes Herz!
Ob die Sibirienpost noch arbeitet? Ich will es versuchen, denn ich möchte Dir doch so gern einen Gruß senden. Zu erzählen habe ich freilich nichts, denn Du weißt ja, wie ereignislos meine Existenz ist; und von den mehr innerlichen Dingen kann ich doch nicht schreiben. Sie bewegen mich unablässig im Gedanken an Deine Rückkehr. Wann und wie wird das sein? Ich habe mir den Fahrplan vom N.Ll. an den Sekretär gehängt und die Fahrzeiten der Potsdam rot unterstrichen. Hoffentlich geht das alles programmgemäß. Aber das ist ja noch nicht alles, was mich beunruhigt. Ich bin noch weit entfernt von der japanischen Gelassenheit und mache mir wohl zu viel Gedanken. Aber ist nicht die Wirklichkeit nur zu sehr dazu angetan? Ihr seid dort mitten in einer Atmosphäre des Krieges, und ist denn in Europa Frieden? Auch hier ist die Luft voller Spannungen und Krieg (in jeder Form) beunruhigt die Gemüter. Es hat, wie es scheint, dem hiesigen Bekannten
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| jede Möglichkeit zur Verwirklichung seiner Pläne abgeschnitten. Vorläufig arbeitet er noch an seiner großen Arbeit, aber ich zweifle, daß er damit eine Zukunft gründen wird. - Andere haben das Zukunftgründen leichter genommen. Ich schrieb Dir wohl, daß Mädi auch bereits ein Kindchen erwartet? Sie ist sehr zuversichtlich, aber ich sehe lauter drohenden Ungewißheiten.
Anfang Oktober hoffe ich die unvollkommene Scheibe für zwei Tage hierzuhaben. Sie schwimmt oben auf dem Mittelmeer. Hoffentlich ist es dort wärmer als hier. Ich habe bereits die ganze Wintergarnitur an, denn meine Wirte spekulieren vorläufig noch meist auf Sonnenwärme, anstatt zu heizen. - Wolfgang Henning ist ganz begeistert von seiner Reise nach Sofia heimgekommen. Er hat seinen Horizont auf alle Art dabei erweitert, wie Du Dir denken kannst.
Mir will man ihn hier auch äußerlich immer mehr beschränken. Du hattest sehr recht, daß man eine Wohnung nicht wegen des schönen Blickes mietet. Aber es ist doch eine angenehme Beigabe, und ich sehe mit Bedauern, daß mir jetzt auf der anderen Seite eine Villa mit hohem Dach den Blick nach Süden einengt. - Aber mit reiner Freude las ich Deinen Brief, den Donndorf im Goetheheft veröffentlichte. Ob er damit in Deinem Sinne gehandelt hat?! - Doch nun will ich endlich Frau Ewald aufsuchen und diesen Brief mit nach der Stadt nehmen. Grüße Susanne und sei selbst immer gegrüßt von
Deiner Käthe.