Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 24. September 1937 (Heidelberg)


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Heidelberg. 24. Sept. 1937.
Mein geliebtes Herz!
Diesmal wird also wohl bestimmt die Post Dich noch in Tokyo erreichen. Wie freute ich mich, als Deine lieben Zeilen vom 31.VIII. - 3.IX. eintrafen! Die Karte an den Vorstand habe ich abgegeben und fürchte nur, daß der Text nicht völlig verstanden wird. - Mir ist bei Deinen lieben Zeilen so, als wären sie genau die Antwort auf meine augenblicklichen Gedanken, und als wäre mein letzter Brief bereits der Reflex dessen, was Du jetzt schreibst. Es ist seltsam, diese absolute Gewißheit des Verstehens. Aber es kommt mir doch beinah wie ein Unrecht vor, daß ich mich so von schwerer Stimmung beherrschen ließ, ich hätte mehr betonen sollen, was doch auch in mir ist, die feste Überzeugung von der sieghaften Kraft des Rechten und Guten. Mehr denn je muß wohl der Mensch heute den Standpunkt vertreten, auf dem er sagen kann: hier stehe ich, ich kann nicht anders.
Daß die große Überanstrengung des letzten Jahres sich bei Dir wieder in Herzbeklemmungen äußert, ist wohl nur natürlich. Ich hoffe dringend, daß die
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| Ruhe der langen Seereise das wieder einigermaßen ausgleichen wird. - Möchte auch das Bild des schönen Sees von Hakone in der verklärenden Erinnerung die Ruhe atmen, die er in der Gegenwart nicht immer hatte. Welch ein Reichtum an Eindrücken ist Euch zuteil geworden. Welt aufnehmen und mitleben, das hat Dich unendlich ausgeweitet. Sollte eine Zeit kommen, dies alles in stiller Verarbeitung auszuwerten - wir wollen es nicht beklagen. Wir sollten das Leben nicht fürchten, sondern meistern, wie es auch komme.
Zunächst will ich morgen mal wieder zu den Freunden nach Schönbrunn. Ich muß mir doch alle Vierteljahr mal wieder das kleine Mädchen ansehen, das so allerliebst ist. - Bei Adele war ich gestern und heut. Es geht ihr entschieden wieder besser. Der Vorstand ist wohlauf, aber sehr zurückgegangen. Bei Frl. Anna Weber war es interessant wie immer, kurz, allmälig knüpfe ich überall wieder an. Auch ist jetzt täglich geheizt, sodaß ich gern zuhause still sitzen würde. Aber ich habe doch immer auch den Zug zu den Menschen. Gertrud Winter war mit dem Vorstand bei mir. Man wünscht meine Aufsicht über Aennes Privatausgaben. Aber das wird schwierig sein. Außerdem handelt es sich ja nicht um viel. - - Übrigens wegen meiner <li. Rand> Mietszahlung hatte ich keine Schwierigkeit mit dem vorigen Wirt. Und mit diesem stehe ich persönlich aufs beste. Du brauchst Dich nicht zu sorgen. Von dem Geld auf der Sparkasse habe ich noch nichts genommen. In dem einen Buch ist nie etwas abgehoben da sind mit Zinsen 1115 M. Und auf dem andern sind 1600, also noch etwa 450 M für mich.
<Kopf> Grüße Susanne herzlich; ich bedaure sehr, daß sie die üblichen Schwierigkeiten dort nicht los geworden ist. - Soll ich wirklich heute schon sagen: glückliche Heimreise! - ? Es scheint mir noch so lange hin! Mit innigen, treuen Wünschen
Deine Käthe.