Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 26. November 1937 (Heidelberg)


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Heidelberg. 26. Nov. 1937.
Mein geliebtes Herz!
Wie sehr hat mich Dein lieber, sehnlich erwarteter Brief erfreut! Hab innigen Dank, der Mensch ist so widerspruchsvoll: ein ganzes Jahr war ich geduldig, aber nun ich Dich nahe weiß, ist mir die Entfernung doch zu groß!
Inzwischen kam nun noch eine bargeldlose Überweisung, für die ich Dir auch sehr herzlich danke. Ich habe es gleich auf die Sparkasse getragen, denn ich hatte ja noch so viel Geld im Hause, wie Du sahst. Aber es ist schön, jetzt vor Weihnachten nicht allzu ängstlich jeden Groschen umdrehen zu müssen. Es ist ja bei allem immer der Hintergedanke: "vielleicht" zum letztenmal für lange Zeit. Denn man merkt doch an allem Einschränkung und Abnahme.
Was Du von Wenke u. dergl. schreibst, ist ja ganz der hiesigen Situation entsprechend. Merkwürdig ist aber die geheime Höhensonne, die ihm leuchtet. Aus welcher Leitung mag sie gespeist werden? - Ich will mir morgen die richtige Sonne in Ober-Schönbrunn leuchten lassen, denn wir haben klares Wetter an der Grenze von Frost. Du hast mich mißverstanden, als ob ich schon vorigen Sonntag dort gewesen wäre, aber da bin ich nur mit Rösel Hecht über Philosophen-, Guckkasten-
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| und Stiftsbuckelweg
nach Ziegelhausen in den Adler zum Mittagessen. Rösel hat es mir förmlich übel genommen, daß ich immer jammerte, warum wir nicht am Mittwoch solch einzig schönen Tag haben konnten. Es war ein zarter Vorfrühlingstag voller Farben und Duft, und wir konnten auf dem Stiftsbuckel in der Sonne wohl 20 Minuten behaglich sitzen. Aber mir war es ein bitterer Beigeschmack, daß der Himmel uns so perfide behandelt hatte. Unberechenbar ist alles! - Aber damit es wenigstens nicht an der möglichen Klärung fehlt, möchte ich Dir etwas sagen, was ich denke. Mir ist meine Wohnung so eng erschienen, aber das kam nur, weil wir nicht so recht seßhaft darin wurden. Wenn Du es irgend mit Deinen Plänen und Vorhaben sonst vereinen kannst, versuche doch zu Weihnachten die üblichen paar Tage mit mir darin zu wohnen. Es würde für mich erst dann wirklich Ersatz für die Rohrbacher Str. werden. Die Kammer ist - wenn aufgeräumt - nicht so ungemütlich, ich würde Dir auch die Schlafstelle nett bereiten. Und der Arbeitsplatz am Fenster nach Westen wird durchaus geräumig. Ich habe da einen famosen Plan. Jedenfalls würde es für die Neujahrsschreiberei ausreichen. - - Wie sah der Finger aus beim Verbinden? - Frl. Clauß habe ich noch nicht gesehen. - Am Montag haben wir Großverdunkelung, Ihr auch??! - Heute hörte ich, daß Ernst Hoffmann in seiner Wohnung einzelnen Schülern Privatseminar <li. Rand> hält. Aber prüfen darf er sie nicht. Bei Dr. Dr. hat sich nichts Neues ereignet. Von Dibelius hörte ich einen interessanten Vortrag über Weltprotestantismus und deutsche Reformation.
<li. Rand S. 1> Und nun grüße Susanne. Ist die Schwester wieder gesund?
Dich grüßt innig mit viel treuen Wünschen
Deine Käthe.

[Kopf S. 2] <Kopf> Gruß auch an Frl. Rauhut.