Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 12. Dezember 1937 (Heidelberg)


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Heidelberg. 3. Advent 1937.
Mein geliebtes Herz!
Eigentlich sollte ja dieser Brief jetzt schon bei Dir sein, aber er hat sich verzögert. Das kam von dem Japanischen Platzregen, der sich nach einer langen Zeit der Dürre über mich ergossen hat. Habe Dank für diese überreiche Sendung, die ich noch garnicht völlig aufnehmen konnte, und sage vor allem auch Susanne Dank für ihre Mühe damit. Bald schreibe ich ihr auch selbst, ich maikäfere schon längst dazu.
Dein Bericht läßt mich merken, daß Dir die Zeit nicht lange vorgekommen sein wird. Aber er macht mich glücklich durch all das Gute, was er zu melden hat. Gott sei Dank, daß Dir das Einleben erleichtert wurde durch die Zusammenkünfte, die Dich gleich mitten in die Kreise führten, denen in Zukunft Deine Wirksamkeit gehört. Und in all der Unruhe hast Du diese glänzende Rede verfaßt, auf deren Ms. ich mich unendlich freue, und von deren Gehalt man durch die so verschiedenen Berichte eine schwache Ahnung bekommt. Es scheint, als wenn Du ganz besonders im tempo furioso arbeiten könntest. - Ja, die Berliner haben sich gefreut, daß "er wieder da ist!" Und ich denke an die ebenso wirkungsvolle Rede vom 26.7.32 in dem gleichen Raum! Und ich bin dankbar, daß Deine Kraft nur gewachsen ist. Sie hängt nicht ab von Gunst und Befehl, sie ist von höherer Stelle geschenkt. - - Von allen Seiten kommen mir auch noch jetzt andere Zeitungsausschnitte. So fiel mir besonders der Bericht über Deine Abfahrt von Tokyo auf. Ist der von einem der dortigen Journalisten? Er hat eine so persönliche
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| Note. Aus allem was da berichtet wird, spricht aber die Anerkennung eines absoluten Erfolges. Deshalb auch das Schweigen an anderer Stelle. Man hat also gemerkt, daß Du schwer entbehrbar bist?
Den kurzen Artikel über Geist und Seele in F.u.F. hatte ich inzwischen in den Blättern vom vorigen Jahr, die Adele mir zur Lektüre überließ, gefunden und mehrmals mit Aufmerksamkeit gelesen. Jetzt freue ich mich sehr, den zusammenhängenden Vortrag zu studieren. Da hast Du mir mal wieder Stoff für lange gegeben. Auch die Sonderdrucke der Erziehung freuen mich. Der Aufsatz über Wirklichkeit der Geschichte ist nicht in den Heften, die ich besitze. Woher kommt er mir wohl bekannt vor? Habe ich vielleicht Druckbogen davon in Partenkirchen gelesen?? - Die zwei sehr lieben Briefe von Frau Witting an mich hatte ich neulich auch für Dich bereit gelegt; aber dann nicht gezeigt, um nicht so viel Deine Gedanken auf das zu lenken, was in diesem Jahr verloren wurde. Der Brief vom "Onkel", den Du mitschickst, freut mich herzlich. Wie gut, daß sie damals in P. blieb und wie erfreulich, daß Felizitas einlenkt. - Der andere Brief ist erstaunlich, aber doch wohl echt empfunden. Vielleicht hat ein schwankender Mensch nun innere Festigkeit gewonnen. Vielleicht kommt Dein stützender Einfluß nun endlich für ihn zur Wirkung, da er aus der Vergessenheit mahnend aufstieg. Jetzt sage mir mal noch, aus welchem Kreise ist denn die hochstehende, geistige Persönlichkeit? Ich kann mir garnichts denken. - Von den ständig drohenden Erdbeben in Japan sprachen wir ja wohl auch hier. Es ist eigentümlich, wie
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| man sich an solche ständig bewußte Gefahr gewöhnen kann. Der Gleichmut der Japaner kann doch unmöglich nur eine äußere Gewöhnung sein. Aber welches ist der Faktor, der die Seele im Gleichgewicht hält? Bei uns gibt es das auch, die Geborgenheit in einem sinnvollen, dem menschlichen Verstand überlegenen Geschehen. Es wächst für viele aus der Lehre der Kirche und es ist eine furchtbare Verantwortung, das dem Volke zu nehmen, anstatt es zu vertiefen. - Was treibt eigentlich der Theologieprofessor Louvaris immer in Berlin? Seine Frau war sehr lieb zu Lili Scheibe.
Von hier ist "nicht Neues" zu melden. Ich habe 2 Bilder bekommen vom Familienzuwachs: der Schwiegersohn meiner Schwester und Heinz Pramann, der Sohn von Mädi. Letzterer hat wunderschöne, verständige Augen für ein Vierteljahrskind. - Adele geht es oft garnicht gut, aber sie schont sich auch garnicht. Ja, und dann wollte ich Dich auch noch "aufrichtig fragen" und hoffe auf eine ganz aufrichtige Antwort: Würde es Dich freuen, wenn der Ofenschirm ins Seminar kommt, oder schlägst Du das nur vor, weil Du nicht sagen willst, daß er Dir eigentlich unbequem wäre? Das ist die entscheidende Frage! - Jetzt will ich noch zum Vorstand gehen, die ja stets wartet. Morgen abend bin ich im Städt. Symphonie-Conzert.
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| Lulu Jannasch hat eine Karte übrig: Haydn, Gdur N° 100, Beethoven Klavier Esdur, Mozart Esdur - also ganz klassisch! Am Dienstag führe ich die Aenne zum Kaffee zu Frau Ewald, am Donnerstag bin ich bei Frl. Weber, wie alle 14 Tage, und am Dienstag den 21. werde ich vielleicht mit Rösel zum Krippenspiel in Schönbrunn gehen. Es ist ja das letzte dort mit Kohlers, und vielleicht überhaupt das letzte.
Die Drucksache, die ich mitschicke, erklärt vielleicht die Urlaubsreise, von der man hier beunruhigt ist. Hoffentlich ohne Grund.
Deine Tagebücher, mein liebstes Herz, habe ich gelesen und werde es nochmals tun. Ich war aber durch Deine lieben Briefe schon fabelhaft "im Bilde". Überhaupt hatte ich durch die intensive Beschäftigung mit Japan solch lebhafte Anschauung von Eurem Erleben, daß ich mit doppeltem Verlangen jetzt auf den geistigen Reflex dieses Jahres in Deinem Vortrag warte.
Habe Dank für Brief und große Sendung, viel innige Grüße und herzliche Segenswünsche von
Deiner Käthe.