Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 26. Dezember 1937 (Heidelberg)


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Heidelberg. 26.XII.37.
Mein geliebtes Herz!
Hab innigen Dank für Deinen lieben Brief vom 21., den ich vorfand, als ich am Mittwoch früh von Schönbrunn nach Hause kam. [über der Zeile] ? oder abends. Es war so lieb von Dir, mir trotz der Unruhe und Hast zu schreiben, da man doch auf ein baldiges Wiedersehen rechnen konnte. Und das ist auch in der Tat notwendig!
Wie mögen Eure Feiertage verlaufen sein? Ich kann mir denken, wie alle Anspruch an Dich erheben, jetzt doppelt nach der langen Abwesenheit. - Bei mir war es teils sehr schön, teils anders als geplant. Zunächst Schönbrunn war in jeder Hinsicht ein tiefer Eindruck. Erst die Wanderung durch das tief verschneite Tal bei Pleutersbach; wir hatten diesen Weg gewählt wegen der viel befahrenen Straße. Als wir dem Dorf oben näher kamen, verglühte eben die Sonne und die Schatten waren unwahrscheinlich blau, so wie wir es manchmal auf Wilhelmshöh in den Kriegsjahren erlebten. Oben wurden wir lieb empfangen und während alles in eifriger Vorbereitung war, hatte ich das süße kleine Mädel in Obhut. Erst um ½ 8 läutete es zur Kirche und wir gingen auf die Orgelempore, wo es schon von Engeln und Hirten
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| wimmelte. Unter den Klängen der Orgel zogen dann die Mitspieler alle in die Kirche ein und verteilten sich hinter den Tannenbäumen, die sie rechts und links vom Altar verbargen. Ein größeres Mädchen sprach ausgezeichnet eine Einführung und dann begann das eigentliche Spiel, das mit viel Geschmack in größter Einfachheit ausgeführt wurde. Nicht eine einzige Pose, alles mit ergreifender Schlichtheit und natürlicher Empfindung. Es war wirklich zu Herzen gehend und manches Bild wird mir dauernd im Gedächtnis bleiben. Dazwischen waren schöne Lieder, teils von den Engeln, teils von der Gemeinde gesungen und zum Schluß: "Ihr Kinderlein kommet", - da kamen alle Kinder aus dem Dorf mit brennendem Licht in der Hand und knieten vor der Gruppe am Altar. - Wir waren abends noch lange beisammen und dann ging es schon um 6 Uhr früh wieder hinunter. Auch das war "Heilige Nacht", das Dorf im tiefen Schnee, ganz schlafend noch, nur wenige Fenster erleuchtet und darüber eine klare, stille Mondnacht, in der jedes Schneekristall silbern funkelte und die Ferne im Nebelglanz verschwamm. - Wir gingen so früh, weil Rösel zur Arbeit mußte, und der Weg (abwärts 1 ½ Std.) war so schön, daß ich ihn nicht missen möchte. Aber ich habe es doch tagelang gespürt, daß ich nicht mehr so kräftig bin wie früher. Und deshalb bin ich auch ziemlich in Rückstand geraten mit allem, was ich sonst
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| noch vorhatte und mit der Ruhe am Heiligabend war es nicht viel. Ich hatte zur Kirche gehen wollen, im Andenken an manch liebe Stunde in Cassel, als "die Kinder" noch alle zu Haus waren. Aber um 5 Uhr trat Herr Dr. Drechsler ein mit Weihnachtsbackwerk und blieb über eine Stunde. Da dachte ich halt: das ist auch Christenpflicht, den Mann in seiner Bedrängnis anzuhören. - Als er fort war, wanderte ich die stille Landstraße zur Stadt; es leuchteten schon hie und da die Weihnachtsbäume aus den Fenstern und am Friedhof schimmerten allenthalben kleine Flammen von den Gräbern, die etwas wunderschön Lebendiges hatten, und von dauernder Liebe redeten. - Wir hatten mit dem Wetter am 21. ein fabelhaftes Glück. Denn am Tage danach [über der Zeile] 23. fing das Glatteis an, und jetzt ist Matsch.
So sehr mich nun Dein lieber Brief freute, so hat er mich doch auch recht in Verlegenheit gebracht, und ich überlege seitdem hin und her, wie ich die Dinge gut in einander fügen kann. Du wirst ja verstehen: einerseits, daß ich von den 3 Tagen bei Euch keine Stunde an anderes verlieren möchte, andererseits, daß ich nicht in Berlin sein kann und meine Familie völlig ignorieren. In Jena habe ich für Anfang Januar zugesagt und da scheint mir der 6. hohe Zeit. Denn es handelt sich um
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| Arbeit für einen Kongreß Ende des Monats und ich weiß nicht, wie lange ich zu tun haben werde. Ich habe ferner Lili Scheibe versprechen müssen, nicht wieder glatt durch Halle zu fahren, wenn ich in die Nähe komme, wie ich sonst oft getan habe. Nach dem 6. aber fällt das fort. Ich will also versuchen, ob es sich vorher machen läßt, und ich denke so: am 30. nach Halle, am 1. zu Ruges, am 2. zu Euch. Das ist natürlich nicht ganz, was ich gewünscht hätte. Das gewohnte Zusammensein "zwischen den Jahren" wäre mir lieber gewesen. Ich bin nun mal ein großes Gewohnheitstier. Aber ich verstehe, daß Du nach einem vollen Jahr des Herumreisens nicht wieder ohne Not auf die Bahn gehen willst, und daß Dir nach der Erfahrung mit Lore die genaue Begrenzung auch nötig scheint. Außerdem freue ich mich, auf diese Weise auch mit Susanne zusammen zu sein, denn Du wirst doch nicht den ganzen Tag Dich frei machen können. - Besuche in der Stadt aber kosten immer gleich Stunden und ich möchte sowohl Ruges, die mir diesen Sommer viel Liebes erwiesen, und auch den Jungen von Mädi unbedingt sehen. - Aber laß uns hoffen, daß alles nach Wunsch sich fügt, wenn wir nur den rechten Sinn dafür mitbringen. Und in diesem Sinn grüße ich Dich von ganzem Herzen und freue mich aufs Wiedersehen. Gruß auch an Susanne!
Deine Käthe.