Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 21. Januar 1938 (Berlin/Dahlem)


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Dahlem, 21. Januar 1938.
Mein innig Geliebtes!
Ich weiß nicht, ob ich Dich noch in Jena oder schon in Heidelberg bei der Arbeit suchen soll. Hoffentlich halten Deine Kopfschmerzen nicht an. Meines Wissens sind ein Mittel gegen sie abendliche Fußbäder, in einer Temperatur, die der Arzt angeben muß, vermutlich lauwarm. Früher setzte man auch Blutegel. Wir in unsren Jahren müssen ja leider all die Erleichterungsmittel studieren, die der Verkalkung einigermaßen entgegenwirken. Es ist eine Niedertracht der Natur, daß sie uns gerade dann die Hilfsmittel eines gesunden Organismus entzieht, wenn wir reif genug geworden sind, mit ihm etwas für uns und andere Gescheites anzufangen. Aber vermutlich denken wir so nur vermöge unserer Nichtgescheitheit.
Mir ist es nicht gut gegangen und geht es noch immer nicht gut. Am 11.I. ging es mir mit Husten und Prusten so, daß ich Kurzrock kommen ließ. Wäre ich bis zum 13.I. im Bett geblieben, wäre die Sache wohl glimpflich vorübergegangen. Ich wollte aber am 13. u. 14.I. lesen, tat dies auch ohne Fieber und ganz in scheinbar normaler Verfassung. Am 15. aber kam der Nachschub in Gestalt einer schmerzhaften Nasenhöhleneiterung (?), mit rechtsseitigen Schmerzen um Auge, Stirn, Nase und Mund. Abends war immer etwas Fieber; morgens nur minimale Erhöhung. Ich konnte den unmittelbaren Dienst, für teures Geld Auto fahrend, fortführen, lag aber sonst meistens im Bett und mußte auch den für den 18.I versprochenen
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| Vortrag im Pestalozzi-Fröbelhause absagen. Am 19.I. nahmen wir trotzdem die Mittwochsgesellschaft mit 15 Personen (auch Sauerbruch) auf uns. Ich sprech über den "Japanischen Nationalcharakter." Trotz dieser Wagnisse beginnt die Sache besser zu werden, vor allem die etwas beunruhigende Kurzatmigkeit. Aber Vorsicht ist noch immer geboten.
Natürlich ist nun viel Arbeit liegen geblieben. Es ist aber so, daß der unmittelbare Dienst kaum noch die Hälfte der früheren Anforderungen stellt. Im übrigen ist die Hauptlinie trostlos - es kommen aber gelegentlich von unvermuteten Gegenseiten günstige Vögel; und ich finde mich an 1932 erinnert, wo allerhand Leute zu mir kamen, die mich mit stolzestem Machtbewußtsein ignoriert hatten.
Susanne hat 3 Schränke für die Ewigkeit bestellt, ich einen für den laufenden Bedarf. So können wir vieles unterstecken. "Dein" Zimmer ist völlig „neu renoviert“ und hat viel aufgenommen. Ästhetisch sind wir immer verschiedener Meinung; aber es kommt dann mit vielem Geld eine passable Mittellösung heraus.
Wahrscheinlich rede ich am 30.I. in Reichenberg in Böhmen und komme am 5.II zu einer Sitzung der Goethegesellschaft nach Weimar.
Japanische Neujahrswünsche sind nur spärlich eingelaufen, nur 25 etwa gegen 120. Zeichen der Zeit! Die Chinesen werben auffallend um mich. In der Universität habe ich (stabilen) Besuch der verschiedensten Nationen. Der Zustand in unsrem Revier wird in der Umwelt zunehmend als Skandal empfunden.
Ich muß früh ins Bett gehen, da die Kräfte nicht weit reichen. Viele innige Grüße und Wünsche!
Dein
Eduard.