Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 4. Februar 1938 (Berlin)


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4.II.38.
Mein innig Geliebtes!
Der Januar war garnicht schön. Die Grippe hat mir viel Zeit gekostet. Ich habe nur 1 Stunde ausfallen lassen, aber doch wochenlang ein bißchen Fieber gehabt. Die Gesichts- und Nasenhöhlenschmerzen hörten vorige Woche auf; ebenso die Atemknappheit. Aber der Husten ist noch immer da, obwohl er nun auch erträglicher wird.
Ich konnte somit meine Reichenberger Zusage einhalten und fuhr am Sonnabend in das verschneite Gebirge hinein. Die 24 Stunden dort erforderten viel Kraft. Die 600 Leute empfingen mich aber so herzlich, daß ich erst garnicht zu Worte kam. Der Vortrag gelang ebenso gut, wie er schlecht vorbereitet war. Die Rückreise war mit Aufenthalten in Zittau u. Görlitz sehr umständlich.
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Ich habe im nächsten Freundeskreise Fürchterliches erlebt, und es geht noch weiter. Reden kann ich darüber ohne Vertrauensbruch nichts. Es ist nichts Politisches.
Susanne war heut bei Frl. Wingeleit zu ihrem 75. Geburtstag, traf sie aber nicht, weil sie in der Nacht ins Krankenhaus gekommen war. Wieder Magengeschwüre. Der Fall ist ernst.
Daß wir trotz Krankheit am 19.I. auch die Mittwochsgesellschaft (14 Herrn mit Sauerbruch) hatten, habe ich wohl schon geschrieben. Thema: "Der japanische Nationalcharakter". Außer dem Dienst bin ich erst wieder vorgestern ausgegangen, wo der japanische Austauschprofessor seine Antrittsrede hielt. Der neue Botschafter Togo war auch da. Meinen Vortrag über Japan wollte der Reichsführer SS in 10000 Exemplaren an die SS verteilen lassen. Das wird aber wohl nichts werden - denn jetzt ist überall Krisis. Wer unsre Zeitung liest, hat einige Schlüssel
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Morgen fahre ich nach Weimar zur G.G., komme aber abends zurück. Auch nach dem Fröbelnachlaß leckt man sich jetzt die Finger. Aber da wir (die krisenreiche Gesellschaft für dtsche Erziehungs- und Schulgeschichte) E.V. sind, gibt es da gewisse Rechtsschranken. Im Pestalozzi-Fröbelhaus habe ich einen Vortrag [neben der Zeile] Leni Biermann gesehen. mit Lichtbildern über "Japanische Kinder- und Frauenleben" gehalten, noch hustend und prustend, zuerst um acht Tage verschoben.
Mit dem Kolleg kann ich sehr zufrieden sein. Ich habe konstant etwa 140, B. nur 35. Ebenso ist das Seminar gut. Die sonstigen Un.-Umstände sind greulich.
Ich freue mich, daß Du wieder in der heimischen Umgebung bist. Wie ist es mit den Kopfschmerzen? Ist der Patient gekommen? Wie war der Geburtstag vom Vorstand?
Ich kann heut nur diesen Lückenbüßer schreiben. Vermutlich werden uns bald manche Dinge sehr beschäftigen. Nun - unsre Gemeinschaft bleibt in allem Wanken.
Innige Wünsche Dein
Eduard.