Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 18./19. Februar 1938 (Berlin)


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Dahlem, 18. Februar 1938.
Mein innig Geliebtes!
Nach einem abenteuerlich bunten und langen Tage, an dem von einer gänzlich unvermuteten Ecke her peripher Fatales auftauchte, möchte ich doch wieder einmal ein paar Worte schreiben. Ich habe Deinen Brief an G. weiterbefördert. Es war sehr recht und schön von Dir, daß Du da eingegriffen hast. Vermutlich hat Dich nicht nur Mitempfinden dabei geleitet, sondern indirekt auch Empörung über die gewissenlose Ehrabschneiderei, die jetzt üblich geworden ist. Wenn Du willst, könnte ich beliebig viel Parallelfälle erzählen, und ein einzelner Mensch hat doch nur ein begrenztes Blickfeld. Aber - sonst geht es ja trefflich voran.
Eigentlich habe ich nie ein so ruhiges Semester gehabt. Prüfungen kommen fast garnicht mehr vor. Man lebt zurück
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| gezogen. Trotzdem ist die Zeit immer ausgefüllt. So war es ja auch bei meinem Vater. Aber ich hoffe, daß es bei mir noch anders liegt. Ich denke und forme viel am Kolleg, das wohl infolgedessen keine Abnahme, sondern eine kleine Zunahme der Hörer zu verzeichnen hat. Ebenso bleibt das Seminar konstant auf 50. Ich habe einen Zeitungs-Korrespondenzartikel über Japan geschrieben und den Reichenberger Vortrag ausgearbeitet. Wir haben einen Vortrag des Austauschprofessors Ito und vorgestern einen von Sauerbruch gehört. Beide waren mittel. Ein Massenempfang auf der japanischen Botschaft blieb völlig unergiebig. Jede Stunde haben wir eine Woche Englisch (so sieht es jetzt in m. Kopfe aus!). Besuch von Niemeyer und Frau, von Verwandten Susannes, von dem Bräutigam der reizenden Schiffskindergärtnerin ("Potsdam"), Frl. Dr. Koch, die sich sehr nett zu uns stellt; zweimal Mittwochsgesellschaft und dergleichen Harmloses.
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Laufende Ereignisse haben uns beschäftigt und wir wissen allerhand mehr. Man kommt manchmal mit Leuten zusammen, die manche Leute kennen. Nur eins kommt nicht mehr vor: Spaziergänge in der Natur. Oder eigentlich zweierlei: denn ganz Erfreuliches kommt auch nicht mehr vor.
Aus Japan sind allerhand Briefe gekommen, auch von Kotsuka, der am 2. Buch arbeitet. (Vom ersten waren vor 1 Monat 1700 Exemplare verkauft.) "Sehr bald" soll auch der kleine Vortrag erscheinen, den ich am 9.X gehalten habe. Am nächsten Dienstag rede ich im Harnackhause noch einmal über Japan. Susanne hat vor ein paar Tagen Toku Bälz reden hören und war sehr wenig befriedigt davon.
Ich muß Dir doch nun sagen, was ich vor zwei Stunden gehört habe. Bei einem Militärgerichtsprozeß hat der Vertreter der Anklage (also ein Kriegsgerichtsrat) gesagt: ich sei eine so schlammige und
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| schlappige Persönlichkeit, daß derjenige, der sich auf mich berufe, dadurch ausreichend gekennzeichnet sei. Das gibt natürlich einen Beleidigungsprozeß. Man muß sich aber ausmalen, in welche Zusammenhänge heutzutage so etwas hineingezerrt werden kann.
Es fehlt eigentlich an jedem Auftrieb, der mit Zuversicht und Freude erfüllen könnte. Die Dinge stehen alle schief. Es fehlt gänzlich der Geraderichter. Und wenn man auch nur so viel hört wie ich, so fragt man sich, wo manches hinläuft. Das alles schlägt auch auf den Organismus. Die Husterei hat seit wenigen Tagen endlich nachgelassen. Aber ich bin doch - "schlapp" und ich führe das auch auf die Reaktion zurück, die nach Klima und Arbeit des letzten Jahres eintreten muß. -
Morgen kommen die Potsdamer Verwandten. Am 26. schließen die Vorlesungen. Ich muß dann sehr energisch an den Akademievortrag für den 30. gehen.
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| Am 11.III fahre ich nach Hannover zum Vortrag, komme aber zur Einsegnung von Sabine in Potsdam noch einmal zurück. Am 14. ist der Vortrag in Bielefeld, am 15. in Hamm. Ich will die "Tante" und Cousine in Köln besuchen und mit Susanne den Rhein hinauffahren und plane (falls der genannte Annex zu den Vorträgen glückt) mit Dir 3 Tage in Wiesbaden (oder so!) zusammen zu sein. Dies ist aber "freibleibend" und darf nicht als bindend gesagt sein, falls es - eben einfach nicht geht. Denn in der Berufsleistung darf man nicht - schlapp sein, wenn man heut die nötigen Positionen halten will.
Hartnacke hat den Krieck verklagt und wollte sehr naiv mich und die "Erziehung" als Ausfallstor benutzen. Manche Leute haben doch noch immer kein Bild von der Realität.
Für heute wüßte ich nun nichts mehr, und ich werde wohl auch morgen nichts mehr hinzufügen, damit Du den "Zettel" noch zum Sonntag erhältst. Innigst Dein
Eduard.

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19.II.
Ich wünsche Dir eine gute Pilgerfahrt nach Schönbrunn. Der Schnee wird ja dann wieder weg sein. Grüße dort und in Rohrbach. Hoffentlich geht es mit Frl. Weber noch einmal besser.
Deine lieben Zeilen für Susanne sind angekommen. Geburtstagsbesuch war bisher nur einer: Frl. Rauhut.
Innige Grüße
Dein
Eduard.

Das eigentlich Wichtigste und Schönste habe ich vergessen: ich habe eine tiefe und schöne Korrespondenz mit Wiechert gehabt, der hoffentlich persönliche Begegnung folgt.
Von der Jps. wird jetzt der Verkauf des 60. Tausends eröffnet. Wegen Übersetzung ins Serbische muß die Genehmigung des Präsidenten der R. Schrifttumskammer, d. h. persönliche Erkundigung über den Verf. abgewartet werden. Verf! - Du liest doch richtig?