Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 12. März 1938 (Berlin)


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12.III.38.
(91. Geburtstag meiner Mutter.)
Mein innig Geliebtes!
Heute wäre wohl so vieles zu erörtern, daß das Papier es kaum tragen könnte. Aber wie so oft: es heißt: sich beschränken. Deshalb folgt hier nur das Nötigste: ich bin heut Nachmittag von Hannover zurückgekommen, wo alles normal lief bis auf das große Geschehen, das ja hoffentlich auch normal laufen wird. Dann kam beinahe gleichzeitig Besuch von Admiral Seebohm, Heinrich Scholz (angemeldet) und Ulrich Löwenthal, vor 8 Tagen eingesegnet. Ich bin ziemlich erschöpft und berühre daher nur unsre Pläne, die naturgemäß von größeren Faktoren als unsrer Planung abhängen.
Also: morgen Einsegnung von Sabine. Am Montag rede ich in Dortmund (Industrielle), am Dienstag in Hamm, am Mittwoch treffe ich mich mit Susanne in Köln, wo wir am gleichen Tage die 84jährige Tante Koch u. meine noch nie gesehene Cousine mütterlicherseits sehen werden. Wir wollen am 17. zu "Besichtigungen" in Köln bleiben, vom 18.-20. irgendwo am Rhein (Standquartier vermutlich Bacharach.) Nun hat der Rassengünther, ein höchst sympathischer Zeit- und Ortsgenosse, das Jagdschloß Niederwald als Aufenthaltsort sehr gerühmt. Wir müssen aber erst mal feststellen, ob das überhaupt geöffnet ist und ob es unsrem Geschmack entspricht. Wir werden Dir telegraphisch mitteilen, an welchem Bahnhof u. zu welcher Zeit wir Dich erwarten. Studiere selbst
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| schon die Zugverbindungen: Mannheim, Ludwigshafen, Mainz Wiesbaden, ev. Aßmannshausen. Entweder Ankunft W. oder A. am 20. abends oder am 21. mittags. Am 25.III. muß ich mir von Lubowski eine Backenzahnwurzel ziehen lassen und am 31.III. muß ich - trotz Semesterbeginn - den längst fälligen Akademievortrag halten. Es kommt also, bei dieser feindseligen Ferienlage, höchstens ein Entrevue, - auch Interview - in Betracht. Dies ist sehr mager. Aber die Zeiten stillen Zusammenseins auf der Reichenau sind ferne wie April und Mai und Junius. Einen Monat Ferien zwischen 2 Semestern braucht man eigentlich restlos fürs Aufarbeiten von Kram des letzten Semesters und. für technische Einstellung aufs nächste. Von wissenschaftlicher Vorbereitung auf das neue Semester, geschweige denn von Erholung, kann nicht die Rede sein. Und so wäre dann der tiefere Endzweck der Einrichtung völlig erreicht. Du mußt diesem "Verhängnis" leider auch Rechnung tragen. Die Hauptsache ist, daß es trotzdem funktioniert. Halte also die Hand am Koffergriff und telegraphiere ev. an die im Telegramm anzugebende Adresse. Schlimmstenfalls ist nur unser Aufenthaltsort angebbar und Du mußt sehen, so bequem und schnell wie möglich dort anzukommen.
Ich bin nach dem gestrigen Tage, der eigentlich um ½ 9 begann und um ½ 1 endete, nicht mehr so ganz zurechnungsfähig. Innigste Grüße
Dein
Eduard.

[Fuß] <von fremder Hand> Ich hoffe, wir werden Dir von unterwegs noch bestimmtere Angaben machen können. Heute ist Ed. <re. Rand> unfähig zu allem, u. von hier aus läßt sich schwerer Geeignetes aussuchen als von dort. Auf Wiedersehen! Deine S.